Geilenkirchen: Tag des Betreuungsrechts: Rechtzeitig das Leben für den Notfall regeln

Geilenkirchen: Tag des Betreuungsrechts: Rechtzeitig das Leben für den Notfall regeln

Jeder kann im Alter oder durch Krankheit in die Lage kommen, wichtige Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln zu können. Wer erledigt dann Bankgeschäfte, kümmert sich um Behördengänge oder organisiert ambulante Hilfen? Diese und viele weitere Fragen stellen sich beim Eintritt des Betreuungsfalles.

Gemeinsam mit 36 anderen Gerichten im Land Nordrhein-Westfalen will das Amtsgericht Geilenkirchen die Menschen in einer Informationswoche zum Betreuungsrecht aufklären. Richter, Rechtsanwälte, Rechtspfleger und Notare informieren am Freitag, 8. April, von 10 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 16 Uhr mit Vorträgen zum Betreuungsrecht, zur Vorsorge- und Betreuungsvollmacht im Amtsgericht Geilenkirchen, Konrad-Adenauer-Straße 225. Jeder ist bei freiem Eintritt zu den Vorträgen eingeladen. Wie wichtig dieses Thema ist, zeigt auch ein Gespräch unserer Zeitung mit Richterin Corinna Waßmuth, Direktorin des Amtsgerichtes Geilenkirchen:

Sie will die Menschen informieren: Richterin Corinna Waßmuth, Direktorin des Amtsgerichts Geilenkirchen. Foto: Udo Stüßer

Warum ist aus Ihrer Sicht dieser Tag des Betreuungsrechts so wichtig?

Waßmuth: Es fehlen in der Bevölkerung oftmals Informationen. Deshalb haben viele Menschen Angst vor Betreuung, weil sie Betreuung mit Fremdbestimmung verbinden.

Wann ist die Bestellung eines Betreuers erforderlich?

Waßmuth: Wenn aus medizinischen Gründen jemand nicht mehr in der Lage ist, seine Geschäfte alleine wahrzunehmen. Das kann aus physischen oder psychischen Gründen der Fall sein. Manche Menschen brauchen nur für einen Teilbereich ihres Lebens Unterstützung und bekommen so exakt für diesen Teilbereich einen Betreuer. So kann es sein, dass jemand seine Bankgeschäfte nicht mehr wahrnehmen kann und ihm deshalb nur für seine Bankgeschäfte ein Betreuer zur Seite gestellt wird.

Wie kann die Bestellung eines Betreuers vermieden werden?

Waßmuth: Indem man eine Vorsorgevollmacht erteilt. So kann der Betroffene selbst bestimmen, wer später für ihn sorgt. Liegt keine Vorsorgevollmacht vor, wird im Notfall ein Betreuer vom Gericht eingesetzt und auch vom Gericht überwacht. Durch eine Vorsorgevollmacht kann ich selbst bestimmen, wer mich später in bestimmten Bereichen des Lebens unterstützt. Diese Person wird nicht vom Gericht überwacht. Liegt eine solche Vorsorgevollmacht nicht vor, werden weder der Ehepartner noch die Kinder automatisch als Betreuer eingesetzt.

Wer entscheidet, dass eine Betreuung erforderlich ist?

Waßmuth: Das entscheidet der Richter nach Vorlage eines ärztlichen Attests unter Mitwirkung der Betreuungsstelle des Kreises Heinsberg nach Anhörung des Betroffenen und des möglichen Betreuers. Anregen kann eine Betreuung jeder, der den Eindruck hat, dass eine Betreuung erforderlich ist. Nach einer solchen Anregung wird der Betroffene angehört.

Wer kann als Betreuer eingesetzt werden?

Waßmuth: Jede erwachsene Person, die vertrauensvoll und verantwortungsvoll handeln kann, besonders erwachsene Familienangehörige und andere nahestehende Personen. Wenn es solche Personen nicht gibt, wird ein Berufsbetreuer eingesetzt. Nahe Familienangehörige werden bevorzugt eingesetzt.

Wer bestimmt den Betreuer? Hat die Familie ein Mitspracherecht?

Waßmuth: Die Familie kann Vorschläge machen. Sie wird angehört, nach Überprüfung durch die Betreuungsstelle entscheidet das Gericht. Viele Familienangehörige sind heute nicht mehr bereit, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Es scheitert an der Komplexität der Dinge, die zu erledigen sind, oder an zu große Entfernungen. Die Familienbande sind oft nicht mehr so eng.

Hat der Betroffene Einfluss auf die Auswahl des Betreuers?

Waßmuth: Die Wünsche des Betroffenen werden vorrangig berücksichtigt. Da der Betroffene aber oft schon eingeschränkt ist, wird das Gericht diese Wünsche überprüfen.

Welche Aufgaben übernimmt der Betreuer?

Waßmuth: Er übernimmt die Aufgaben, die der Betroffene nicht mehr erledigen kann: Das kann die Vermögenssorge sein, kann aber auch die Gesundheitsvorsorge oder die Postkontrolle sein. Es gibt Menschen, die ihre Arztbesuche nicht regeln können oder ihre Post nicht bearbeiten, weil sie nicht lesen können. Andere brauchen Betreuung bei Behördenangelegenheiten. Bei behinderten oder dementen Menschen geht es oft um die Aufenthaltsbestimmung. Es geht dann um die Frage, in welcher Wohneinrichtung der Mensch leben soll.

Wird die Arbeit des Betreuers überprüft oder ist man ihm restlos ausgeliefert?

Waßmuth: Der Betreuer muss regelmäßig dem Gericht Berichte abliefern und über die Finanzen Rechenschaft ablegen. Wird ein Familienangehöriger als Betreuer eingesetzt, kann man davon absehen.

Kann ein Betreuer wieder abgelöst werden, wenn im Umfeld der Eindruck entsteht, dass der Betreuer seine Arbeit nicht unbedingt zum Wohl der zu betreuenden Person erledigt?

Waßmuth: Bei Unregelmäßigkeiten oder einem gestörten Vertrauensverhältnis kann auf Antrag des Betroffenen oder eines Familienangehörigen der Betreuer abgelöst werden. Dabei ist zu bedenken, dass ein Betreuer ein Vertreter in rechtsgeschäftlichen Dingen und kein Gesellschafter oder Pfleger ist.

Empfiehlt es sich, rechtzeitig für den Fall der Hilfsbedürftigkeit vorzubeugen und einen Betreuer zu bestimmen?

Waßmuth: Eindeutig ja! Nur so kann ich jetzt schon selbstbestimmt entscheiden, was mit mir dann passiert, wenn ich nicht mehr entscheiden kann. Dies geschieht am besten durch eine Vorsorgevollmacht oder eine Betreuungsverfügung. Diese können natürlich jederzeit erneuert oder geändert werden, solange der Betroffene selbstbestimmt entscheiden kann. Juristisch gesehen reicht es, solch eine Verfügung oder Vollmacht zu Hause aufzubewahren, besser ist es allerdings, sie dem Notar vorzulegen oder im Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registrieren zu lassen.

Kann eine Betreuung zeitlich begrenzt sein oder gilt sie lebenslang?

Waßmuth: Eine zeitliche Begrenzung ist sehr häufig der Fall. Eine Betreuung kann für maximal sieben Jahre angeordnet werden. Die Gerichte folgen in der Regel den ärztlichen Ratschlägen und überprüfen spätestens dann oder auch früher die Notwendigkeit. Liegt beispielsweise jemand im Koma, kann eine Betreuung für sechs Monate angeordnet werden. Ein Ehepartner muss nicht zwangsläufig bevollmächtigt sein. Man sollte frühzeitig überlegen, wer im Notfall den Aufenthalt bestimmt, Leistungsanträge stellt oder Kontovollmacht hat. Man sollte sich schon recht frühzeitig überlegen, wer einem hilft, wenn man sich nicht mehr selbst helfen kann.

Wann wird ein Berufsbetreuer eingesetzt?

Waßmuth: Wenn kein Angehöriger oder Ehrenamtler bereit oder in der Lage ist, die Betreuung zu übernehmen. Es können auch mehrere Betreuer eingesetzt werden.

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