Syrische Flüchtlinge finden Hilfe in Gangelt

Flüchtlinge in Gangelt : „Das ist gut, das ist mein Dorf“

Nach der gefährlichen Flucht aus Syrien hat die Familie Bakr in Gangelt eine neue Heimat gefunden. Hier erfuhr die Familie, die in ihrer Heimat im Wohlstand gelebt hat, große Hilfe.

Zu Weihnachten mag der Leser ja gerne was Besinnliches, so mit Tannenbaum und ein bisschen Gefühl. Und da das Leben bekanntlich die schönsten (Weihnachts-)Geschichten schreibt und auch die authentischsten, muss man nur hinhören und aufschreiben, was die Leute so erzählen. Fatma Bakr kann sehr gut erzählen. Sie steht ihren Mitmenschen sehr offen gegenüber und besitzt einen Charme, wie er nur wenigen Menschen gegeben ist. Also hört man ihr gerne zu. Auch ohne Deutschkurs spricht die im nordsyrischen Aleppo geborene Fatma Bakr die Sprache ihrer neuen Heimat gut.

Die Integration von Flüchtlingen, von der so viele reden, die noch keinen Flüchtling persönlich kennengelernt haben, ist für die Neu-Gangelterin und ihre Familie längst vollzogen. Seit drei Jahren lebt sie im Ort. Fatma Bakr sagt im Interview allen, die ihr dabei geholfen haben, ein herzliches Dankeschön: ihren neuen Freunden, die sie nicht nur jedes Jahr zu Weihnachten einladen, sondern auch schon mal mit ihr zusammen den Kindergeburtstag des siebenjährigen Sohnes Baran ausrichten, dem Pastor und dem Bürgermeister, denen sie es nicht vergessen hat, dass sie sie persönlich begrüßt hatten, als sie im Bus mit anderen Flüchtlingen angereist war, und auch Ellen Schütz, die sie zur Veranstaltung „St. Nikolaus (m)ein Heimathaus“ in die Pfarrkirche eingeladen hatte.

In der Kirche St. Nikolaus hatte Fatma Bakr vor großem Publikum ihre Geschichte erzählt. Auf zweieinhalb Din-A4-Seiten hatte sie ihren Lebensbericht verfasst. Ein Bekannter hatte ihr Deutsch noch ein wenig in Form gebracht. Dann war sie mit ihrem Manuskript in der Hand aufgetreten. Als sie sich vorbereitet habe, habe sie noch daran gedacht, dass sie ja auch nervös werden könnte. Doch als sie dann vorne in der Kirche vor den Menschen, von denen sie viele kannte, gestanden habe, da sei sie ganz ruhig geworden und habe gedacht: „Das ist gut, das ist mein Dorf.“

„Gut“ war es schon einmal für Fatma Bakr in Syrien gewesen. „Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend mit vielen Freunden.“ Sie habe studiert und sieben Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet, ihren Mann Ali kennengelernt und zwei Jungen bekommen. „Wir waren sehr glücklich im Kreise unserer Familie und unserer vielen Freunde.“ Ihr Einkommen und das ihres Mannes als Zahnarzt hätten der Familien ein gutes Leben ermöglicht. Fatma Bakr: „Leider endete alles Schöne, als der Krieg kam.“

Als Kurden hätten sie besonders viele Probleme im Bürgerkrieg gehabt, seien von Soldaten und radikalisierten islamischen Gruppen bedroht und bekämpft worden. Ihr Haus sei durch Bomben zerstört worden. Um den Kindern weiteres Kriegsleid zu ersparen, sei die Familie wie viele andere aus Syrien geflüchtet. Mit dem Bus und zu Fuß erreichten sie mit der Angst vor einer ungewissen Zukunft im Nacken nach drei Tagen die Türkei. Nach sechs Monaten ohne Schule und medizinische Versorgung entschied sich die Familie nach Europa zu fliehen. Es folgte als schlimmster Teil der Flucht eine sehr riskante Schlauchbootfahrt von der Türkei über das Meer nach Griechenland. Über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich gelangte die Familie nach Deutschland.

Deutschland sei bekannt für gute Bildung, die Qualität seines Gesundheitswesens und die gute Arbeitsmarktsituation, habe ihr eine Freundin berichtet. Außerdem würden die älteren Menschen in Deutschland die Schrecken des Krieges kennen. Bakr: „Daher erhofften wir, Verständnis für unsere Situation zu finden.“ Es sei wie ein Lottogewinn gewesen, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihrer Familie Gangelt zugewiesen habe. Den persönlichen Umgang mit ihr und ihrer Familie weiß Fatma Bakr bis heute hoch zu schätzen. Bakr: „Ich glaube, eine große Stadt ist nicht wie ein Dorf.“ Dennoch sei die Trauer um das verlorene Heimatland, die zurückgebliebenen Eltern, Geschwister und Freunde sehr groß gewesen. „Aus dem Wohlstand kommend und auf deutsche Amtshilfe angewiesen zu sein, stärkte auch nicht unser Selbstvertrauen. Trotzdem gaben uns die vielen Ehrenamtler, die Mitarbeiter der Kirchen und der Gemeinde ein Stück Würde zurück. Überall wurden wir willkommen geheißen.“

Die Geburt des dritten Kindes, Lucia, vor zwei Jahren öffnete den Blick nach vorn. Fatma Bakr: „Erstmals waren wir wieder sehr glücklich.“ Die beiden Jungs reden mit ihrer kleinen Schwester Lucia Deutsch. Lucia werde die kurdische Sprache wohl nie richtig lernen, glaubt die Mutter, die froh ist, für ihre Kinder eine neue, sichere Heimat gefunden zu haben.

Fatma Bakr beginnt im Januar 2019 ihren ersten Deutschkurs und möchte im Kindergarten oder in der Grundschule arbeiten. Ihr Mann absolviert gerade einen weiterführenden Deutschkurs an der RWTH Aachen und hofft auf eine Anerkennung seiner Ausbildung. Ein Problem gibt es derzeit im Hause Bakr.

Es kann sicherlich noch behoben werden. Die Mahnung hängt in Form eines Bildes gleich neben der selbstgebastelten Schultüte von Sohn Baran. Der Siebenjährige hatte mit Farbstiften gezeichnet und zwar einen Weihnachtsbaum. Der fehlt derzeit noch bei den Bakrs. Mit den Worten „Mama, das muss aber“ hatte Baran seiner Forderung nach einem Weihnachtsbaum Nachdruck verliehen. Am besten käme eine Tanne mit echten Kerzen ins Haus. Einen Wunsch zum Fest der Feste hat Fatma Bakr: „Weihnachten ist das Fest des Friedens, deshalb wünsche ich mir für die verbliebenen Menschen in Syrien, dass der Krieg dort, aber auch überall auf der Welt endet.“ Auch wenn Fatma Bakrs Geschichte nicht die einer Christin ist, so erkennt man doch beim Zuhören Ähnlichkeiten zu einer anderen, über 2000 Jahre alten, von der in der Vorweihnachtszeit die Krippenspiele erzählen.