Südliches und Nördliches Selfkant-Revier kämpft mit Trockenheit

Trockenheit im Kreis Heinsberg : Fichten, die zu Streichhölzern werden

Bei einer Prognose ist sich Förster Wolfgang von der Heiden, der für das südliche Selfkant-Revier zuständig ist, sicher: „Die Fichte wird hier innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre aussterben.“ Er steht im Waldgebiet Hahnbusch, vor ihm erstreckt sich eine lichte Waldparzelle.

Im vergangenen Jahr stand hier noch alles voller Fichten, die im Laufe des Sommers aber dem Buchdrucker-Käfer zum Opfer fielen und gefällt werden mussten. Von insgesamt zehn Hektar des Fichtenbestandes im südlichen Selfkant-Forst musste sich von der Heiden schon trennen. Grund dafür: die andauernden, langen Trockenperioden der vergangenen drei Jahre.

„Wenn es mal zwei, drei Tage richtig heiß ist, ist das eigentlich kein Problem für die Bäume. Die Wasserversorgung muss aber stimmen.“ Und die stimmt ganz und gar nicht mehr. In Jahren mit einer normalen Niederschlagsmenge können Käfer wie der Rüsselkäfer, der Lerchenborkenkäfer oder der Buchdrucker den Bäumen weniger anhaben. Denn dann haben die Pflanzen genug Wasserreserven, um zum Beispiel so viel Harz zu produzieren, dass sie damit die kleinen Tiere einschließen und unschädlich machen können.

Schon seit zwei Jahren haben die Bäume aber keine Chance mehr gegen die Käfer. In diesem Jahr musste Förster von der Heiden sogar das erste Mal in seinen 33 Jahren im Selfkant-Revier schweren Herzens zu Schädlingsbekämpfungsmittel greifen. Der Rüsselkäfer hatte bereits 2000 Bäume zerstört, 5000 konnte der Förster noch retten.

Trockene Ausbeute: Förster Claus Gingter im vergangenen Jahr während der Dürreperiode. Foto: Rainer Herwartz

Die langen Vegetationsperioden treiben dabei die Population der Tiere noch voran: Im März war es bereits über 16 Grad, so dass beispielsweise der Buchdrucker seinen Flug viel eher als normal beginnen konnte. Und auch die milden, trockenen Winter sind ein Problem. In der vergangenen Saison gelang es von der Heidens Einschätzungen nach etwa fünf Millionen Käfern pro Hektar zu überwintern. „Gut wäre eine feuchte Wärme in den Wintermonaten, dann würden die Käfer verpilzen.“

Anstelle der Fichten sind in diesem Jahr im Hahnbusch Douglasien, eine Gattung der Kieferngewächse, gepflanzt worden. Eigentlich gelten diese als trockenresistent, die schnell eine große Holzmasse bilden, in der dann wiederum viel CO2 gespeichert werden kann. Aber auch von den neugepflanzten Bäumen sind viele schon vertrocknet, denn auch die Douglasie wird erst in ihrem zweiten Jahr robuster. Hitzetage wie die vor zwei Wochen überstehen dann selbst die Starken unter den Baumarten nicht.

Mittlerweile sei der Boden bis in eine Tiefe von 1,80 Metern ausgetrocknet. Förster Claus Gingter, der für den Nordkreis zuständig ist und hier etwa 5500 Hektar Waldfläche betreut, hat ebenfalls die Fichte als größtes Sorgenkind in seinem Bestand. Er betont aber, dass grundsätzlich alle Baumarten von der Trockenheit und der daraus resultierenden Schwäche bedroht sind. „Der Käfer ist so unverschämt, der kackt dem Förster auf den Kopf“, fasst er die aktuelle Situation zusammen. Momentan gehe es darum, jeden einzelnen Baum zu retten. Daher fälle er auch nur an den Stellen, an denen sich der Wald eng mit der Bebauung verzahnt und Menschen von herunterfallenden, abgestorbenen Ästen und umkippenden Bäumen bedroht sind.

„Ende Mai wuchsen die hier noch wie Salat“: Förster Wolfgang von der Heiden mit einem vertrockneten Eichen-Exemplar. Foto: Anna Katharina Küsters

Zum Vergleich: In Jahren mit genügend Niederschlag werden im Nordkreis-Revier etwa 4000 Festmeter geschlagen, gesundes wie totes Holz. In diesem Jahr schätzt Gingter mit etwa 8000 Festmetern, die gefällt werden müssen – allerdings nur totes, qualitativ nicht so hochwertiges Holz, das sich nicht mehr vor den Schädlingen retten konnte.

Das schlägt sich auch in den anfallenden Kosten nieder. Den Schaden, der in den vergangenen zwei bis drei Jahren angefallen ist, wenn neuangepflanzte Kulturen direkt wieder abgestorben sind, schätzt Gingter auf etwa 250.000 bis 300.000 Euro. Und hierbei seien die älteren Bäume, die zusätzlich abgeholzt werden mussten, noch nicht mit einberechnet.

Rehe ziehen Nutzen aus Trockenheit

Förster von der Heiden steht mittlerweile an einer Parzelle, die umgeben von Feldwiesen ist. Ein Rehkitz mit seiner Mutter huscht gerade noch zwischen den bauchhohen Gräsern in Deckung. Von der Heiden deutet auf die versetzt gepflanzten, jungen Eichen. „Ende Mai wuchsen die hier noch wie Salat“, jetzt ist der Großteil der Bäume verbrannt. Auch eine Folge der 40-Grad-Woche.

Nur die Rehe ziehen einen Nutzen daraus: Aufgrund der größeren Freiflächen finden sie viel Futter und können sich in den niedrig wachsenden Gräsern gut verstecken. Selbst Fasane und Rebhühner, die normalerweise nur auf Feldern leben, siedeln sich immer öfter auch in Waldflächen an.

Die Fichte hat besonders mit dem Buchdrucker zu kämpfen. Foto: Anna Katharina Küsters

Aber je mehr kahle Fläche es gibt, desto mehr muss aufgeforstet werden. Eine Herausforderung, auf die auch die Baumschulen in diesem Maße nicht vorbereitet sind, sagt von der Heiden. Denn in ganz Deutschland werde aktuell wesentlich mehr Saatgut benötigt, spätestens nächstes Jahr werde es mit Sicherheit Engpässe bei der Pflanzenlieferung geben. Die Baumschulen hätten zurzeit nicht die Fläche, Samen und Zeit, den gestiegenen Bedarf zu decken.

Von der Heiden ist wieder ins Auto gestiegen und parkt jetzt vor einem Stück Wald, an dessen Ecke eine große, etwa 100 Jahre alte Buche steht. Mit braunen Blättern. Denn auch das ist mittlerweile Realität in seinem Revier: Nicht nur die Jungkulturen sterben, auch etwa 20 Prozent des Altbestandes halten der Trockenheit nicht mehr Stand. Im Frühjahr habe die Buche nochmal ausgetrieben, aber die letzte Hitzeperiode habe sie nicht mehr geschafft.

„Unglaubliches Brandpotenzial“

Das viele tote Holz, das sich bereits jetzt im Wald befindet, birgt auch noch eine andere Gefahr. Förster Claus Gingter geht von etwa 3000 Kubikmeter brandfähiger Fläche im Nordkreis-Revier aus. „Die Fichten stehen da wie Streichhölzer.“ Obwohl die Feuerwehr sehr gut vorbereitet sei, herrsche ein „unglaubliches Brandpotenzial“. Der Wald sei für die Feuerwehr nur noch begrenzt zugänglich, daher werde gerade intensiv mit ihr zusammengearbeitet, um herauszufinden, wo und wie im Notfall am besten gehandelt werden müsse.

Förster von der Heiden hat seine Runde beendet und fährt zurück. So viel Bäume absterben zu sehen, „tut weh“. Er habe den Bestand mit Herzblut gepflegt, und es sei bitter, dabei zusehen zu müssen, wie der Wald zu kämpfen habe. Dass der Wald der Zukunft anders aussehen wird, sei ihm klar. Es sei die Aufgabe der kommenden Förstergenerationen, die Umgestaltung umzusetzen.

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