Übach-Palenberg: Sozialarbeiter Armin Hoberg wirkt als verbindendes Element

Übach-Palenberg: Sozialarbeiter Armin Hoberg wirkt als verbindendes Element

Wenn Armin Hoberg von seinem Beruf erzählt, bewegt er sich sprachlich auf zwei Ebenen. Auf der einen Seite ist da das taktvolle, auf Fachfremde manchmal ein wenig verklausuliert wirkende Vokabular, wie es für Sozialarbeiter typisch ist. Hoberg spricht dann von „kontinuierlicher Einzelfallhilfe“, von „eigenständiger Konfliktdeeskalation“ oder von „informellen Kurzgesprächen“. Und dann ist da die gar nicht so formelle, sondern die direkte und geradlinige Sprachebene.

„Du bist aber heute morgen schnittig mit deinem Mofa um die Kurve gekommen.“ Oder: „Warum kiffst du dir eigentlich jeden Nachmittag die Birne weich?“ Der Typ Sprache also, mit dem Jugendliche etwas anfangen können.

Armin Hoberg plädiert dafür, dass Schüler nicht allein aus dem Blickwinkel der reinen Wissensvermittlung betrachtet werden. Foto: Markus Bienwald

Gleichberechtigter Kollege

Hoberg ist Schulsozialarbeiter an der Willy-Brandt-Gesamtschule, und wenn er seinen Job in einem einzigen Hauptsatz erklären will, sagt er: „Schulsozialarbeit ist eigentlich Beziehungsarbeit.“ Beziehungsarbeit leistet er inmitten von 900 Schülern, doppelt so vielen Müttern und Vätern sowie natürlich seinen lehrenden Kollegen. Von allen drei Seiten braucht es dazu Respekt. Dabei hilft sicher sprachliche Anpassungsfähigkeit. Und vielleicht mehr noch das gesunde Selbstbewusstsein, das das Naturell vieler Sozialarbeiter ausmacht. Auch Hoberg ist so ein Typ.

Schulsozialarbeit ist also Beziehungsarbeit. Und vor allem, findet Hoberg, sollte diese Arbeit gar nichts Besonderes sein. Umso kritischer sieht er die aktuelle Diskussion um das Bildungs- und Teilhabepaket, in dessen Rahmen vor drei Jahren bundesweit 3000 Stellen für Schulsozialarbeiter geschaffen wurden. Nun aber streiten Kommunen, Länder und Bund über deren weitere Finanzierung. Auch der Kreis Heinsberg will die entsprechenden Stellen auslaufen lassen.

An der Willy-Brandt-Gesamtschule ist Schulsozialarbeit wirklich nichts Besonderes. Aber etwas Wichtiges. Seit 18 Jahren macht Hoberg (der vom Land bezahlt wird und den die Haltung des Kreises persönlich nicht betrifft) den Job, mithin hat er an der Comeniusstraße einige Generationen an Schülern kommen und gehen sehen. Etwa 30 Prozent von ihnen, schätzt Hoberg, lernt er im Laufe ihrer Schullaufbahn näher kennen. Sei es, weil sie Hilfe brauchen, oder sei es, weil sie anderen helfen wollen, oder sei es, weil sie sich engagieren. Und alle kenne er beim Namen — mit Ausnahme von Teilen der Oberstufe, wo an Gesamtschulen oft ein großer Teil der Schüler neu hinzustößt.

18 Jahre Schule — glaubt man den manchmal hysterisch geführten Debatten, ist die Jugend in diesem Zeitraum brutaler (Stichwort Jugendgewalt), betrunkener (Stichwort Koma-Saufen) und selbstverständlich asozialer (Stichwort Mobbing) geworden. Hoberg zählt nicht zu den Hysterikern. Er zählt allerdings auch nicht zu denen, die die Probleme kleinreden.

Natürlich sei immer schon geprügelt worden, anders als heute habe es früher allerdings „so etwas wie einen Ehrenkodex“ gegeben — der da besagte: liegt der eine am Boden, lässt der andere von ihm ab. Und selbstverständlich habe das Thema Alkohol auch für andere Generationen Heranwachsender eine Rolle gespielt. „Dass es erklärtes Ziel war, sich abzuschießen, es also einen zielgerichteten Alkoholmissbrauch gab, das habe ich vor 18 Jahren aber noch nicht so wahrgenommen.“ Und ja, der Begriff Mobbing werde mitunter überstrapaziert. Andererseits habe die technische Entwicklung dieser Form der psychischen Gewalt tatsächlich ein neues Gesicht gegeben: „Durch zwischengeschaltete Medien wie Facebook ist die Distanz zum Opfer größer. Und das setzte die Hemmschwelle herab.“

Hoberg redet sehr offen über diese Themen. Manche Schulleiter geben vor, an ihrer Schule existiere nichts davon. Solche Behauptungen ernst zu nehmen, fällt Hoberg schwer. Möglicherweise sei es richtig, dass sich an Gymnasien mit Kindern aus überwiegend einkommensstarken Familien weniger körperliche Gewalt abspiele. Für die seelische Gewalt gelte dies aber nicht, eher schon sei das Gegenteil der Fall. Es stelle sich also nicht die Frage, ob die besagten Probleme vorhanden sind, sondern danach, wie man ihnen begegnet. Die Willy-Brandt-Gesamtschule gibt darauf Antworten mit Suchtprophylaxe, Ausbildung von „Kontaktschülern“ und Konfliktberatung, aber auch — ganz unspektakulär — Freizeitangeboten. Und nicht zuletzt ist Hoberg auch Vertrauensperson, er kennt die privaten Hintergründe vieler Schüler. Sind die Eltern gerade in der Trennungsphase? Ist finanziell daheim alles etwas enger? „Vielen Schülern hilft es schon, wenn sie wissen: Da ist ein Erwachsener, der kennt meine Situation. Auch wenn sie die konkrete Hilfe vielleicht gar nicht in Anspruch nehmen.“ Tun sie es doch, gelten zwei Grundregeln. Erstens: Sie suchen Hoberg freiwillig auf. Und zweitens: Was in seinem Büro gesprochen wird, verlässt sein Büro auch nicht.

Zu wenig Erziehung

Ein anderer Baustein ist die Hilfe bei Erziehungsfragen. Schließlich, sagt Hoberg, kommen die Schüler von zu Hause in die Schule. Mit allem, was den Einzelnen auszeichnet, aber auch mit all seinen Pro—blemchen und Problemen. Und nicht umgekehrt. Sein Eindruck ist: „Es wird heute nicht falsch erzogen, aber oft ganz einfach zu wenig.“ Viele kümmerten sich zu wenig, „quantitativ wie qualitativ.“ Auch die Politik müsse sich da mehr einsetzen. Siehe Bildungs- und Teilhabepaket. Nicht zuletzt seien die Personalschlüssel in Kitas oft katastrophal. Außerdem fehle Eltern mitunter das Durchsetzungsvermögen. „Da bringt eine Mutter es dann nicht fertig, der Tochter den PC auszuschalten. Eltern müssen aber auch mal Arsch in der Hose haben“, findet Hoberg.

Zu einer „Jugend von heute“ haben eben immer schon auch die „Eltern von heute“ gehört. Dem kritischen Blick von Hoberg zum Trotz müssen die aber auch vieles richtig machen. Denn Hoberg sagt: „Ich bin froh, dass wir genau diese Schüler haben.“