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Lesung und Diskussion : Sorge tragen und Erinnerung wach halten

Lesung und Diskussion : Sorge tragen und Erinnerung wach halten

Gleich zwei Aktionen der Initiative Erinnern im Saal der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule: Die Lesung „Inside AfD“ und Diskussion mit Franziska Schreiber sorgte nicht nur für einen gut gefüllten Raum, sondern auch für gespannte Stimmung.

„Die AfD suggeriert ihren Wählern und Sympathisanten pausenlos, dass es kurz vor zwölf sei“, sagt Franziska Schreiber über das Innenleben der Partei, die sie verlassen hat.

Der Saal der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule war bei ihrer Lesung „Inside AfD“ gut gefüllt, knapp 160 mehrheitlich junge Menschen haben auf Einladung der Initiativer Erinnern und der Anton-Heinen Volkshochschule den Weg in die Aula der Gesamtschule gefunden. Die Stimmung war gespannt, da die AfD und die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule ihre eigene Vorgeschichte haben.

Radikalisierung durch Druck

Franziska Schreiber las zwei Passagen aus ihrem Werk und erläuterte ihre persönliche Radikalisierung und den immensen Druck, den die Partei auf Mitglieder und Sympathisanten ausübe. Die Partei vermittle pausenlos eine Alarmstimmung, die suggeriere, dass Deutschland kurz vor dem Zusammenbruch stehe.

Schreiber beschrieb auch, wie moderate Kräfte sukzessive zurückgedrängt würden und die Partei mittlerweile hoffnungslos an den Flügel von Björn Höcke verloren sei. Sie glaube nicht mehr daran, dass die Partei noch zu retten sei.

Zum Abschluss berichtete sie von ihrer eigenen Wandlung und dem Ausstieg aus der Partei, der sie viel Mut und Kraft gekostet hätte und durchaus gefährlich gewesen sei. Erste Auftritte mit ihrem Buch habe sie nur mit Schutzweste und Personenschutz durchführen können. Moderator Hans Bruckschen, Sprecher der Initiative Erinnern hakte kritisch ein und konfrontierte Franziska Schreiber damit, wie sie die ganzen Aussagen aus ihrer aktiven Zeit in der AfD und der Jungen Alternativen heute etwa vor Schülern dieser Schule rechtfertige. Schreiber griff diese Zitate meist gekonnt auf, kam aber das eine oder andere Mal in Erklärungsnot, etwa bei ihren früheren Aussagen zum Thema Meinungsfreiheit und Holocaustleugnung. Auch das Publikum beteiligte sich lebhaft an dieser Diskussion.

Für alle Beteiligten ergab sich ein spannender politischer Abend mit viel Insider-Wissen und einer charmanten, aber nicht unumstrittenen Franziska Schreiber, die die Anwesenden ermutigte, die Inhalte der AfD sehr genau und mit Sorge zu beobachten, aber etwas gelassener mit ihr umzugehen, um sie aus ihrer Opferrolle heraus zu holen.

Neun neue Stolersteine

Die Initiative Erinnern ist allgemein sehr aktiv, um die Ereignisse des Holocaust und die Folgen für die jüdischen Mitbürger zu dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Erst in der vergangenen Woche wurden in Geilenkirchen wieder neun Stolpersteine für Angehörige jüdischer Familien aus Geilenkirchen verlegt, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten vertrieben, deportiert und ermordet worden sind. Über 100 Schüler und Geilenkirchener waren dabei.

An den Verlegestellen für die Angehörigen der Familien Gottschalk, Horn, Meier und Baum stellten Schüler aller weiterführenden Schulen die Menschen vor, denen gedacht wurde. Aber nicht nur Namen und Daten fanden sich in den Beiträgen, sondern auch politische Statements, Poetry Slam-Vorträge, Gedichte und Nachrichten von Hinterbliebenen. Kristina Schilling, politisch aktive Schülerin der Gesamtschule mahnte: „Mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten wiederholen sich sprachliche Muster der Geschichte, stehen wir auf, dass sich nicht auch die Taten wiederholen.“ Die Schüler der Realschule und des Gymnasiums verliehen ihrem Gedenken Ausdruck, als sie Erfahrungen mit Zeitzeugen und deren Angehörigen schilderten und deutlich machten, wie wichtig der Austausch und das Erinnern für unsere Gegenwart und Zukunft seien. Der  Abschluss der Gedenkveranstaltung wurde von den beiden Berufskollegs der Stadt mit Gesang, Poetry Slam und mehrsprachigen Grüßen organisiert. Auch die Bläserklasse des St.Ursula Gymnasiums untermalte die Verlegung mit musikalischen Beiträgen. (red)

(red)