Rückblick auf das Jahr 1969: Schneewunder und Frauenüberschuss in den Schlagzeilen

Rückblick auf das Jahr 1969 : Schneewunder und Frauenüberschuss in den Schlagzeilen

Nein, das Foto ist nicht aktuell, wie es sich eigentlich für eine Tageszeitung gehört, sondern es stammt aus dem Januar 1969 und wurde in der Teverener Heide aufgenommen.

Vor genau einem halben Jahrhundert nämlich sah es hier genauso weiß und frostig aus wie noch vor ein paar Tagen, nur mengenmäßig hatte Petrus es ein wenig üppiger rieseln lassen. „Rodelschlitten waren durchweg in den Geschäften ausverkauft“ titelte die Geilenkirchener Volkszeitung am Donnerstag, 2. Januar 1969, und berichtete vom „Schneewunder“, das am zweiten Weihnachtstag begonnen und sich über die letzten Tage des Jahres 1968 bis ins neue Jahr fortgesetzt hatte. „Es schneite wie in den Bergen“, so der Berichterstatter.

Doch Schlitten hatten ganz offensichtlich nicht auf den Wunschzetteln für das Christkind gestanden, denn jetzt konnten sich die Geschäfte kaum vor dem Ansturm der Kaufwilligen retten. Der Engpass zeigte sich aber nicht nur beim Rodelgerät, auch Schneeschaufeln waren schnell ausverkauft. Die aber waren dringend von Nöten, da nicht nur Hauseigentümer schippen mussten, sondern nicht zuletzt auch der ein oder andere Autofahrer, der sein Vehikel an den nicht vordringlich gestreuten Straßen selbst aus dem Acker oder der Schneewehe befreien musste.

Und weil in Deutschland stets alles gut behördlich geordnet ist, veröffentlichte die Geilenkirchener Volkszeitung am Samstag, 4. Januar, die von der Stadtverwaltung eingeforderten Verhaltensregeln bei „Frostwetter und Schnee“. Zuwiderhandelnden wurde „als Strafe für Nichtbefolgen dieser Vorschriften“, eine Geldbuße von 500 D-Mark in Aussicht gestellt.

Rasante Geschwindigkeit zum kleinen Preis. Der Fiat mit 47-PS-Motor. Foto: Kirsten Barth

500 D-Mark waren im Jahre 1969 viel Geld, lag der durchschnittliche Wochenverdienst eines Arbeiters in Nordrhein-Westfalen doch bei 222 Euro, Arbeiterinnen kamen lediglich auf 140 Euro. „Bei den Angestellten ist der Unterschied übrigens nicht weniger krass. Hier erhalten die Männer (alle Leistungsgruppen zusammengefaßt) 1261 Euro im Monat, die Frauen müssen sich mit 810 Euro bescheiden“, so die GVZ am Samstag, 4. Januar 1969. Die höchsten Arbeitslöhne zahlte die graphische Industrie, es folgten die Energieversorgung, die chemische Industrie und die Mineralölindustrie. Schlusslichter in Sachen Lohn waren die Schuh- und die Textilindustrie. Auch die Banken bezahlten ihre Angestellten nicht eben üppig mit 1115 D-Mark (Männer) und 795 D-Mark (Frauen).

Männer in der Unterzahl

Vielleicht war die doch beachtliche Differenz bei den Löhnen und Gehältern ganz einfach der Tatsache geschuldet, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Am Samstag, 18. Januar, war als Überschrift zu lesen: „Der Frauenüberschuß wird auch im Selfkant immer kleiner. Noch (aber) ist die weibliche Bevölkerung in der Überzahl.“ Tja, und ein Überangebot reduziert bekanntlich den Preis.

Besorgt in Sachen anzahlmäßiger Gleichheit von Männern und Frauen zeigte sich der damalige Redakteur auch wegen der Autounfälle, denn „Für einen weiteren Frauenüberschuss sorgen heutzutage leider auch die vielen Verkehrstoten, unter denen insbesondere die Männer im Alter zwischen 18 und 30 überwiegen.“

Heute nicht denkbar: Arbeitgeber suchten gezielt nach weiblichen Kräften. Foto: Kirsten Barth

Ganz unrecht hatte der Schreiber gewiss nicht, denn die Autoindustrie hatte die heimlichen Wünsche der PS-interessierten Männerwelt längst im Visier und war fleißig dabei, Bedürfnisse in Bedarf zu verwandeln, indem mit erschwinglichen Preisen Werbung gemacht wurde.

So inserierten die Fiat Händler im Kreis „Auf den Wagen haben sie gewartet… Sportliches Fahren ist nicht länger eine Sache des großen Portemonnaies oder der kleinen Familie… Denn Fiat hat sein fünfsitziges Kompaktauto zur Sportlimousine gemacht: mit dem bewährten, kraftvollen 47 PS-Motor, mit Scheibenbremsen vorne, mit breiten Reifen an einem schnellen Fahrwerk und einer sportlich-eleganten Innenausstattung. Höchstgeschwindigkeit 135 km/h. Preis: 4.495,50 Euro ab Werk.

Rasant zugehen musste es auch am Mittwoch, 22. Januar 1969. Obwohl Kontrollen an der Grenze zu den Niederlanden durchaus noch obligatorisch waren, wurde für absolut freie Durchfahrt gesorgt, damit ein Niederländer in Nijmegen durch eine deutsche Niere aus Köln gerettet werden konnte. Mit Unterstützung der Polizei beider Staaten, der Grenzbehörden, der Johanniter Unfallhilfe und natürlich vor allem der Ärzte wurde europäische Hilfbereitschaft und Freundschaft praktisch gelebt.

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