Geilenkirchen: Ruth Thelen und der poltitische Protest

Geilenkirchen: Ruth Thelen und der poltitische Protest

Politisch aktiv war sie immer, aber nie in einer Partei. Als Studentin ging sie auf die Straße, demonstrierte gegen Kürzungen im Hochschulbereich, bei den Anti-Kohl-Demonstrationen marschierte sie ebenfalls mit. In Paderborn protestierte sie auf der Straße gegen den Irak-Krieg.

Nach dem Studium verschlug es sie auf die Insel Sardinien. Dort demonstrierte sie gegen Silvio Berlusconi. Die Kommunisten wollten die engagierte junge Frau bei den Kommunalwahlen als Kandidatin aufstellen, doch sie winkte ab. Und später, als Mutter, ging sie in Geilenkirchen auf die Straße: für Kindergartenplätze. „Mein Herz schlug immer schon links. Im Geschichtsunterricht hat mich Karl Marx fasziniert“, sagt Ruth Thelen (45), die bis zum Jahre 2008 keiner Partei angehörte, dann aber den Grünen beitrat und seit 2009 für diese im Stadtrat sitzt.

Den Grünen trat die an der Hauptschule Boscheln unterrichtende Lehrerin bei, weil ihr Jugend, Soziales und Bildung am Herzen liegen. So ist sie nicht nur Stadtverordnete, Mitglied des Jugendhilfeausschusses und des Ausschusses für Bildung, Soziales, Sport und Kultur, sondern arbeitet auch im kreisweiten Arbeitskreis „Hilfe zur Erziehung“, im Arbeitskreis „Jugendamt und Schule“ und am Runden Tisch für Flüchtlingsarbeit.

Manchmal, so sagt sie, findet sie die Grünen zu konservativ, besonders auf Bundesebene zu angepasst. „Aber in Geilenkirchen sind die Grünen die einzige Oppositionspartei. Wenn dann aber Kritik als Nestbeschmutzung dargestellt wird, ist das nicht gut für die Entwicklung einer Stadt. Man braucht Kritik, um besser zu werden.“

Ruth Thelen wurde 1968 in Geilenkirchen geboren, wuchs in Randerath auf und besuchte in Geilenkirchen das St.-Ursula-Gymnasium und später das Cusanus-Gymnasium in Erkelenz. Nach dem Abitur im Jahre 1987 studierte sie in Köln und Paderborn Latein, Theologie und Religionspädagogik.

Eine Begebenheit in den Semesterferien war der Anlass, dass sie nach dem Studium auf die Insel Sardinien auswanderte. Während dieser Ferien auf Sardinien nämlich, die sie dort mit einer Freundin verlebte, wurden ihr Auto, die Pässe und das Geld gestohlen. In dieser Notsituation erhielten die jungen Frauen Hilfe der ehemaligen Haushälterin des Geilenkirchener Dechanten Ludwig Zermahr und von einem evangelischen Militärpfarrer. Dieser stellte ihnen sogar zwei Blankoschecks aus. Später wurde das Auto gefunden: ohne Reifen, Lenkrad und Nummernschild.

Mit den Blankoschecks ausgestattet, konnten die beiden Geilenkirchenerinnen das Auto reparieren lassen und den Heimweg antreten. Mittlerweile hatte Ruth Thelen die Insel und viele Menschen in ihr Herz geschlossen. Die Semesterferien verbrachte sie von nun an stets auf der Obstplantage von Zermahrs Haushälterin.

Nach Abschluss des Studiums brach Ruth Thelen ihre Zelte ganz in Deutschland ab und ließ sich auf der Insel nieder. Zunächst verdiente sie sich als Tauchlehrerin ihren Lebensunterhalt, allerdings wurde vier Monate später in der sardischen Bergwelt in einer Schule eine Deutschlehrerin gesucht. Ruth Thelen unterrichtete hier drei Stunden in der Woche. „Dafür hatte ich allerdings eine Anfahrtszeit von zwei Stunden“, blickt sie lachend zurück.

Fehlende Kindergartenplätze

Bald darauf wechselte sie zum Gymnasium Isili, mit dem das St.-Ursula-Gymnasium Geilenkirchen heute noch eine Partnerschaft hat, später ging sie zum Goetheinstitut. Dozentin für deutsche Sprache und deutsche Geschichte wurde sie an der Fachhochschule für Dolmetscher, 1999 wurde sie Deutschlehrerin am Gymnasium in Oristano und italienische Beamtin.

Zwei Jahre nach der Geburt von Tochter Lena kam sie im Jahre 2006 nach Deutschland zurück. Hier leitete sie im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ab 2007 Integrationskurse, seit 2010 ist Ruth Thelen Lehrerin an der Hauptschule Boscheln.

Die Kindergartenplatzsituation in Geilenkirchen war es, die Ruth Thelen in die Politik brachte. „Ich sah, dass Eltern ohne Lobby keinen Platz für ihr Kind bekommen haben. Alleine in meiner Umgebung waren es etwa 45. Und vor diesem Hintergrund wollte die katholische Kirche auch noch den Bauchemer Kindergarten schließen“, erklärt Thelen. Sie ging gemeinsam mit anderen Eltern, so erzählt sie rückblickend, wieder auf die Straße. Schließlich übernahm die Stadt Geilenkirchen die Kindertagesstätte.

Bei dieser Aktion lernte sie den Grünen-Parteichef Jürgen Benden kennen, der sie zu den Fraktionssitzungen einlud. So trat sie 2008 den Grünen bei. „Auch im nächsten Jahr werde ich wieder kandidieren“, versichert sie.