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Gegen Fremdenfeindlichkeit: Runder Tisch für menschenwürdiges Leben

Gegen Fremdenfeindlichkeit : Runder Tisch für menschenwürdiges Leben

Seit fast 30 Jahren setzt sich der Runde Tisch für Flüchtlingsarbeit für die Belange der in Geilenkirchen gestrandeten Menschen und gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Jetzt ist er von der SPD mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet worden.

Krieg auf dem Balkan, Grenzstreitigkeiten zwischen Äthiopien und Eritrea und zwischen Mali und Burkina Faso. Bürgerkrieg in Burundi und im Kongo, in Senegal und Simbabwe und Zusammenbruch der Sowjetunion: Immer mehr Menschen flohen in den 90er-Jahren nach Deutschland. 1992 waren es schon über 400.000. Es kam zu Übergriffen auf Flüchtlingswohnheime in Hoyerswerda. Nach Hoyerswerda kam Rostock. Auch hier flogen nicht nur Steine, sondern auch Brandsätze. Menschen, die ihre Heimat verlassen und unter schwierigsten Umständen Deutschland erreicht haben, kamen auch in Mölln und Solingen zu Tode. Deutschland in den 1990er-Jahren…

Es waren auch die Jahre, in denen deutschstämmige Russlandaussiedler nach Deutschland kamen, auch nach Geilenkirchen. Sie erhielten sofort jede notwendige Hilfe, wurden mit Wohnung und Geld versorgt; die Flüchtlinge aus dem Rest der Welt waren nicht in dem Maße privilegiert. In dieser Situation erreichte die Stadt Geilenkirchen ebenso wie die anderen Kommunen ein Brief aus dem Innenministerium, mit der Bitte, der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit vorzubeugen. Das war sozusagen die Geburtsstunde des Runden Tisches für Flüchtlingsarbeit in Geilenkirchen. In dieser Woche wurde er mit dem Ehrenamtspreis der Geilenkirchener SPD ausgezeichnet.

Auf Einladung der Stadt kam es am 7. Juni 1994 zur konstituierenden Sitzung dieses Runden Tisches. Helmi Meisters, die auch heute noch aktiv ist, und die inzwischen verstorbene Margret Pauli waren die offiziellen Gründerinnen. Mitglieder waren von Anfang an die Stadt, engagierte Ehrenamtler, die katholische und evangelische Kirche, die Arbeiterwohlfahrt, die Diakonie und die politischen Parteien. 400 Asylbewerber waren damals in Geilenkirchen untergebracht, die meisten in der ehemaligen Molkerei und in der Jülicher Straße. Die Russlanddeutschen hatte man in Bauchem und in Niederheid angesiedelt. Sechs Jahre später kam es zu einer Neugründung: Lag die Verantwortlichkeit des Runden Tisches ursprünglich bei der Politik, so wurde diese nun auf die beiden Kirchen übertragen. Mit im Boot saßen dann die Stadt und die Caritas.

Der ehemalige Bürgermeister Georg Schmitz und die Integrationsbeauftragte der Stadt, Yvonne Wolf, in einem Integrationskurs für Flüchtlinge.
Der ehemalige Bürgermeister Georg Schmitz und die Integrationsbeauftragte der Stadt, Yvonne Wolf, in einem Integrationskurs für Flüchtlinge. Foto: MHA/Udo Stüßer

Yvonne Wolf, Integrationsbeauftragte der Stadt Geilenkirchen, und Nicole Abels, Gemeindesozialarbeiterin der Caritas in Geilenkirchen, sind beide Mitglied im Steuerungskreis des Runden Tisches und definieren auch heute, fast 30 Jahre nach der Gründung, die damals wie heute gesteckten Ziele: Hilfe für die Geflüchteten in allen Lebenslagen bieten, Sprachrohr der Flüchtlinge gegenüber der Öffentlichkeit und Behörden sein, Einsatz für menschenwürdige Bedingungen, Einzelfallhilfen, Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Schaffung einer positiven Einstellung der Bevölkerung.

Menschenwürdige Bedingungen waren für den Runden Tisch bestimmt nicht die Wohncontainer am Bahnhof, in denen Flüchtlinge viele Jahre lang untergebracht wurden. Unter anderem ihrem Drängen ist es zu verdanken, dass unter Bürgermeister Thomas Fiedler 2017 zwei Mehrfamilienhäuser mit kleinen Wohnungen An der Friedensburg gebaut wurden.

 Die Wohnungsnot war und ist groß: Dieser Gebäudekomplex An der Friedensburg wurde im Jahr 2017 für 120 Asylbewerber gebaut. Die alten Wohncontainer am Bahnhof wurden abgerissen.
Die Wohnungsnot war und ist groß: Dieser Gebäudekomplex An der Friedensburg wurde im Jahr 2017 für 120 Asylbewerber gebaut. Die alten Wohncontainer am Bahnhof wurden abgerissen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Von jeher ging es dem Runden Tisch um Integration: Mit dem Eintreffen der zahlreichen Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien in Geilenkirchen organisierte der Runde Tisch 1994 auch gleich ein „Fest der Kulturen“, dem weitere folgten. Mit Ausstellungen, Diskussionsrunden mit Schülern, Beteiligung an Stadtfesten und Teilnahme am Fest der Begegnung machten die Haupt- und Ehrenamtler immer wieder auf ihre Anliegen aufmerksam. Dafür wurden sie im Jahre 2002 mit dem Dechant-Ludwig-Zermahr-Preis der Franziskusheim gGmbH ausgezeichnet. Diese Auszeichnung hatte der ehemalige Geschäftsführer Alfons Nickels ins Leben gerufen.

Dem Runden Tisch ging es von Anfang an um Integration. „Offiziell galt das aber nur für die Asylbewerber, die eine gute Bleibeperspektive hatten. Beispielsweise für Iraner, Iraker, Somalier. Für sie waren Integrationskurse sogar verpflichtend. Alle Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive hatten kein Anrecht. Wir haben dennoch Kurse für sie organisiert, weil sie oft viele Jahre warten mussten, bis eine Entscheidung über ihr Bleiberecht getroffen wurde. Und wurde es es ihnen versagt, konnten sie in manchen Fällen nicht abgeschoben werden“, blickt Yvonne Wolf zurück.

Yvonne Wolf und Nicole Abels gehen davon aus, dass im nächsten Jahr die Zahl der Flüchtlinge wieder steigen wird und sind auf der Suche nach ehrenamtlichen Paten. Der Runde Tisch braucht derzeit wieder dringend Unterstützung von Ehrenamtlern. Die Integrationsbeauftragte der Stadt hat derzeit 475 Geflüchtete aus 38 Nationen auf ihrer Liste stehen. „Von den 250 Ukrainern leben 167 in städtischem Wohnraum, der Rest ist privat bei Freunden oder Verwandten untergekommen. Schließlich lebten bereits vor Kriegsausbruch 102 Ukrainer in Geilenkirchen“, so Wolf.

Neben den Flüchtlingen aus aller Herren Länder erwarten Wolf und Abels im nächsten Jahr aufgrund der katastrophalen Zustände in der Ukraine mehr Flüchtlinge aus diesem Land, aber auch aus Russland selbst. „Und dann gibt es ja auch noch die Flüchtlinge, die beispielsweise von Afrika in die Ukraine geflohen sind. Auch afrikanische Ukrainer werden kommen“, prognostiziert Wolf. „Dann haben wir wieder eine Zweiklassengesellschaft unter den Flüchtlingen: Die Ukrainer, die schnell eine eigene Wohnung finden, und die anderen Flüchtlinge, die seit Jahren in städtischen Unterkünften leben, aber trotzdem keine Wohnung erhalten“, sagt Abels. Beide Frauen haben festgestellt, dass viele Geilenkirchener ein großes Herz haben, aber nur, wenn es um die Vermietung ihrer Wohnung an Ukrainer geht.

Beide Frauen sind hauptberuflich in der Flüchtlingsarbeit aktiv. Und dennoch: „Bei uns sind das Hauptamt und das Ehrenamt eng verzahnt. Wenn plötzlich bei uns am Samstagabend unangekündigt 27 Flüchtlinge ohne Geld und Unterkunft ankommen, kann ich nicht sagen, ich habe Dienstschluss“, sagt die Integrationsbeauftragte. „Das ist natürlich auf Dauer kräftezehrend und nicht gerade familienfreundlich.“

Dem stimmt auch die Gemeindesozialarbeiterin der Caritas zu: „Ich bin immer Ansprechpartner für all die Ehrenamtlichen im Einsatz. Auch am Wochenende.“ Die Verleihung des Ehrenamtspreises an den Runden Tisch sieht Wolf deshalb als „Wertschätzung für unsere Arbeit“. In einer kleinen Kommune wie Geilenkirchen könne man die Arbeit nicht auf so viele Schultern verteilen wie in einer großen Stadt. Gerade deshalb verspricht sie: „Wir bleiben mit Herzblut dabei.“ Und Nicole Abels meint: „Bisher ist unsere Arbeit im Stillen geschehen. Jetzt wurde einmal öffentlich gemacht, was wir leisten.“

Und so lobte Heike Becker, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Geilenkirchen, bei der Preisverleihung: „Der Runde Tisch für Flüchtlingsarbeit leistet wertvolle Unterstützung für die Flüchtlinge, indem Deutschkurse angeboten und vermittelt, Fort- und Weiterbildungen in Aussicht gestellt, Hausaufgaben der Kinder betreut und Wohnungen gesucht werden. Für die erste Mobilität werden Fahrräder organisiert und auch repariert. Das sind alles Gründe, warum die Jury sich heute für den Verein Runder Tisch für Flüchtlingsarbeit entschieden hat. Hervorzuheben ist hier noch, dass der Verein die soziale Teilhabe der Flüchtlinge wünscht.“