Geilenkirchen: Runder Tisch für Flüchtlingsarbeit sucht Helfer

Geilenkirchen : Runder Tisch für Flüchtlingsarbeit sucht Helfer

„Die Bilder des Schreckens werden nicht mehr so gezeigt, wie in früheren Jahren. Aber die Menschen kommen weiterhin zu uns.“ Nicole Abels, Gemeindesozialarbeiterin der Caritas und Mitglied der Steuerungsgruppe des Runden Tisches für Flüchtlingsarbeit in Geilenkirchen, stößt zum Jahreswechsel einen Hilferuf aus.

Waren es vor Jahren noch 90 Ehrenamtler, die sich in Geilenkirchen um das Wohl der Asylbewerber und anerkannten Flüchtlinge kümmerten, so sind es heute nur noch 50, die sich als Sprachpaten oder persönliche Betreuer im Kleiderkarussell oder in der Fahrradwerkstatt engagieren.

Nicole Abels und Winfried Ende setzen sich in Geilenkirchen für Flüchtlinge ein und hoffen auf weitere Ehrenamtler. Foto: Udo Stüßer

„In den Jahren 2015 und 2016 kamen so viele Flüchtlinge, da war das Engegament in Geilenkirchen groß. In diesen Jahren ging es um die Erstversorgung und Erstausstattung dieser Menschen. Diejenigen, die jetzt seit einem oder zwei Jahren hier sind, befinden sich in schwierigen Prozessen. Sie müssen sich mit unserer Bürokratie auseinandersetzen. Und sie dabei zu begleiten, ist nicht einfach“, weiß die Gemeindesozialarbeiterin.

Um die Integration weiter vorantreiben zu können, hofft Nicole Abels auf weiteres ehrenamtliches Engagement. Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche oder bei laufenden Asylverfahren ist ebenso gefragt wie Begleitung im Alltag. „Wir brauchen auch Arbeitgeber, die einen Job anbieten, wir brauchen Immobilienbesitzer, die eine Wohnung zur Verfügung stellen, und wir brauchen Nachbarn, die freundlich im Umgang sind und helfen. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Abels.

Einer, den die Schreckensbilder in den Medien zum Runden Tisch geführt haben, ist Wilfried Ende. Seit 2014 ist der Geilenkirchener im Ruhestand. In seinem Berufsleben war er bei einem IT-Unternehmen mit nationalen und internationalen Projekten betraut. Seit September 2015 sitzt er mit am Runden Tisch.

„In meinem Berufsleben habe ich zielorientiertes und planvolles Vorgehen gelernt. Man muss sich ein Ziel setzen und die Schritte festlegen, um dieses Ziel zu erreichen. Das gilt auch in der Flüchtlingshilfe“, sagt Wilfried Ende. Sicherlich gebe es viele Ehrenamtler. „Aber die Zusamenarbeit ist oft unkoordieniert, da fühlte ich mich angesprochen. Das vielfältige Engagement muss gebündelt werden, damit man effizienter arbeiten kann.“ Ende hat bei seiner Arbeit mit Flüchtlingen Menschen kennengelernt, die in Geilenkirchen in ihrem Asylprozess verharren und fömlich zur Untätigkeit verurteilt sind.

Bürokratische Hemmnisse

„In jeder Institution gibt es Menschen, die sich reinhängen, Menschen mit Rückgrat, Menschen mit Zivilcourage. Das ist in unserer Gesellschaft aber leider seltener geworden. Oft wird auf Paragrafen verwiesen, um sich aus der Verantwortung zu befreien“, hat der 68-Jährige, der rund 80 Flüchtlinge betreut, festgestellt. An erster Stelle müsse aber stets der Mensch mit seinem Schicksal stehen. „Dabei will ich mithelfen und plane deshalb eine ihrer Lebensphasen mit.“

Dass das aufgrund bürokratischer Hemmnisse nicht immer ganz einfach ist, hat er im Fall des 37-Jährigen von der Elfenbeinküste erlebt. Als in dem westafrikanischen Land im Jahre 2002 der Bürgerkrieg ausbrach, flüchtete er über Ghana nach Deutschland, weil der Vater der dortigen Opposition angehörte und die ganze Familie bedroht wurde. Seit 14 Jahren wohnt er nun in Geilenkirchen. Seit mehr als zehn Jahren ist sein Asylverfahren abgeschlossen, seitdem ist er lediglich geduldet, allerdings nicht anerkannt.

Der Mann, der in Geilenkirchen eine feste Anstellung und eine eigene Wohnung hat, der Deutsch spricht und sich hier einen Freundeskreis aufgebaut hat, muss auch nach 14 Jahren täglich mit seiner Abschiebung rechnen. „Wo ist da die Menschlichkeit?“, fragt er. „Ich habe immer Angst, wenn ein fremdes Auto vor meiner Tür steht. Meine Wurzeln habe ich in meiner Heimat verloren“, sagt er. Drei Jahre lang hat er für einen Euro auf dem städtischen Bauhof gearbeitet, bis er einen festen Job bekommen hat. Laut Paragraf 25 der Aufenthaltsgestattung müsse ein Asylbewerber, der mehr als sechs Jahre in Deutschland lebt und gut integriert ist, eine Aufenthaltungsgestattung erhalten, sofern er fünf Kritierien erfüllt, sagt Ende.

Was die Behörden dem Mann von der Elfenbeinküste, der die Kriterien erfüllt, vorwerfen, ist die Tatsache, dass er ohne Papiere geflüchtet ist und ihm noch keine Botschaft Ersatzpapiere beschafft hat. Einen Nachweis, dass er von der Elfenbeinküste stammt, kann er deshalb nicht erbringen. „Man befürchtet, dass er seine Identität verschleiern will, und das kann gegen eine dauerhafte Aufenthaltungsgestattung sprechen“, sagt Ende.

Duldung alle paar Wochen bestätigen lassen

Seine Duldung muss sich der 37-Jährige alle paar Wochen im Ausländeramt in der Kreisverwaltung Heinsberg bestätigen lassen. Mal muss er nach zwei Wochen, mal nach ein, zwei oder drei Monaten vorstellig werden. „Das liegt ganz im Ermessen des Ausländeramtes. Aber einem Arbeitgeber kann man eigentlich nicht zumuten, so oft auf eine Arbeitskraft verzichten zu müssen“, sagt Ende.

Die Geschichten der Flüchtlinge ähneln sich. Die in Berlin, die in München und die in Köln. Aber hier in Geilenkirchen kennt man oft die Gesichter der Menschen, die sie erzählen, und man kennt ihre Schicksale.

Wie das des 21-Jährigen aus Guinea, dessen Mutter Christin und dessen Vater Muslim ist. Die Fehde zwischen Muslimen und Christen in Guinea kann bis hin zum Mord innerhalb von Familien führen. Als der damals 17-Jährige eines Tages nach Hause kommt, steht sein Elternhaus in Flammen. Die Familie ist weg, und der Junge macht sich alleine auf den Weg nach Europa: Über Mali, Mauretanien, Marokko und Spanien kommt er schließlich nach Deutschland. Seit dreieinhalb Jahren lebt er in Geilenkirchen und befindet sich im laufenden Asylverfahren. Derzeit absolviert er eine Ausbildung zum Koch und hofft inständig darauf, weiter in Geilenkirchen leben zu dürfen.

Das tut auch sein 23-jähriger Kollege aus Guinea, dessen Vater Mitglied der Opposition war und dessen Familie um ihr Leben fürchten musste. Über Senegal, Mauretanien, Marokko und Spanien kam er vor drei Jahren nach Geilenkirchen. Kontakt zu seiner Familie hat der junge Mann seit Jahren schon nicht mehr. Auch er hofft, dass er in seiner neuen Heimat Geilenkirchen bleiben darf und hier Unterstützung findet.