Geilenkirchen: Reinhold Urtel verdankt sein Leben einem jüdischen Arzt

Geilenkirchen : Reinhold Urtel verdankt sein Leben einem jüdischen Arzt

Reinhold Urtel wurde am 9. August 1937 in Stettin geboren. Sein Vater war Kriminalbeamter. Und auch Reinhold Urtel ging später zur Polizei, tat Dienst bei der Kripo in Übach-Palenberg. Inzwischen lebt er in Gerderath. Dass Reinhold Urtel seinen 80. Geburtstag feiern konnte, verdankt er einem jüdischen Arzt. Die Geschichte kennt Urtel nur aus den Erzählungen seiner Mutter.

Zwei Jahre war er alt gewesen, als ihn das Fieber — eine doppelseitige Lungenentzündung hatte ihn ins Krankenlager niedergedrückt — so schwer packte, dass der Vater um das Leben seines Sohnes bangte. Dass ausgerechnet ein jüdischer Arzt ihm damals unter der Naziherrschaft sein Leben gerettet hat, hat Reinhold Urtel bis heute nicht vergessen.

ALG-Schüler vor einem Leichenkarren im Dokumentationszentrum der ehemaligen Schindlerfabrik in Krakau beim Besuch im Rahmen des Auschwitz-Projektes. Foto: Walter Scheufen

Nun ergab sich die Gelegenheit einmal stellvertretend „Danke“ zu sagen. Über Medienberichte hatte Urtel davon erfahren, dass Schüler der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen, wo Urtel viele Jahre wohnte, einmal jährlich nach Auschwitz reisen. Berichtet wurde auch, dass die finanziellen Mittel, um diese Fahrten für alle Schüler der höheren Klassen durchführen zu können, knapp werden.

Die Berichterstattung im Rahmen eines Konzertabends mit Esther Bejarano, einer der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, hatte Reinhold Urtel aufmerksam verfolgt, und ihm war sofort klar gewesen, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten mithelfen wird, die Auschwitzfahrten auch weiterhin möglich zu machen.

Telefonisch setzte er sich mit Uwe Böken, Schulleiter der Anita-Lichten-Gesamtschule, in Verbindung und kündigte ihm eine Spende von 5000 Euro zur Unterstützung der Auschwitzfahrten an. Das Geld war sofort überwiesen, und die Schulleitung dankte Reinhold Urtel ganz herzlich. Der Gedanke, dass die Auschwitzfahrten gefährdet sind, hatte Reinhold Urtel nicht ruhen lassen. „Das kann nicht angehen,“ sagte Urtel bestimmt, „das ist unsere Geschichte.“

„Unsere Geschichte“ ist auch Teil von Reinhold Urtels Lebensgeschichte. Urtel erzählt, wie sein Vater, nachdem ihn der Kinderarzt in Stettin auf den nächsten Tag vertröstet hatte, abends heimlich durch die Stettiner Gassen zu einem jüdischen Arzt, den er kannte, schlich und diesen um Hilfe bat. Der jüdische Arzt versagte die Hilfe nicht, kam gleich mit zum kranken Sohn und rettete ihm vermutlich das Leben.

Ein Fieber von 41 Grad bei einem Kleinkind war eine überaus ernste Angelegenheit. Reinhold Urtel erzählt, wie er die Herrschaft der Nationalsozialisten als kleiner Junge erlebte. Eine Geschichte aus dem Jahr 1945 hat er bis heute nicht vergessen. Die Mutter schickte ihn zum Brötchenholen. Siebeneinhalb Jahre sei er damals gewesen, berichtet Urtel.

Mit einem lauten „Guten Morgen“ habe er an diesem Morgen den Laden betreten. Doch statt der Brötchen erhielt er von den Leuten im Geschäft einen Anpfiff: „Kannst Du nicht Heil Hitler sagen!“ Hätte der kleine Reinhold sicherlich sagen können, wollte er aber nicht. Urtel: „Auf einmal stand eine riesen Kante hinter mir in schwarzer Uniform, tippte mir auf die Schulter und wollte wissen, zu wem ich denn gehöre.“

Als gebrochener Mann

Der sei vom Urtel hätten die Leute gesagt; der Urtel sei bei der Kripo. Das werde ein Nachspiel haben, habe der Mann in Schwarz gedroht. Als Reinhold sich dann auch noch den „Staub“ von der Schulter wischte, dort, wo ihn die „Kante“ angetippt hatte, „da war es ganz aus“, erinnert sich Urtel noch gut an diesen Morgen, an dem er das letzte Mal Brötchen holen ging. Die Mutter bekniete ihn, doch „Heil Hitler“ zu sagen, doch Reinhold meinte: „Mach ich nicht.“ Die Gestapo tauchte bei Urtels auf und drohte mit der Macht, die Männer in langen, schwarzen Ledermänteln auszuströmen vermögen. Die ältere Schwester musste dann Brötchen holen gehen und war sauer auf Reinhold.

Der Vater wurde in den letzten Kriegstagen eingezogen. Er geriet in russische Gefangenschaft und kehrte erst fünf Jahre später zurück. „Als gebrochener Mann“, sagt Urtel, „und das alles wegen des dreckigen Krieges.“ Reinhold Urtel, seine Schwester und seine Mutter wurden vor Kriegsende zwangsevakuiert. Reinhold reiste mit einem Köfferchen ins Emsland. Mit der Spende an die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule schließt sich ein Lebenskreis für Reinhold Urtel. Der Mann, der sein Leben einem jüdischen Arzt verdankt, trägt mit seiner Spende dazu bei, dass sich Geschichte nicht wiederholt.