Ramadan: Täglich gegen das eigene Ego kämpfen

Von: Isabelle Hennes
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Solch einen reich gedeckten Tisch gibt es während des Ramadans nur am späten Abend beim Iftar, dem Fastenbrechen. Familien, Freunde und Bekannte versammlen sich dann, woe wie hier in der Kölner Moschee. Foto: dpa
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Erdogan Tirkiz (links) und der Imam Mehmet Demirden mit seinen beiden Söhnen Yousuf und Kadir. Foto: Isabelle Hennes

Übach-Palenberg. Vor zwei Jahren hat sich Erdogan Tirkiz wie ein Versager gefühlt. Er hat gefrühstückt, mitten im Fastenmonat Ramadan. Gemeinsam mit seiner Tochter stand er in der Küche, hat Brot gegessen und türkischen Tee getrunken. Heute lächelt er zwar darüber, aber ein bisschen Unsicherheit ist ihm immer noch anzumerken.

Tirkiz ist 46 Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit 1978 in Deutschland. Seine Familie glaubt an Allah, sie sind muslimisch. Für sie und die rund 1,3 Millionen Muslime weltweit hat vor wenigen Tagen der Fastenmonat Ramadan begonnen. Ausschau halten nach dem Neumond: Wenn dessen Sichel am Firmament erscheint, beginnt der Ramadan. Vom 9. Juli bis 7. August darf von Beginn der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung nicht gegessen und getrunken werden. Auch Rauchen und Geschlechtsverkehr sind tabu.

Es ist ein Kampf gegen das eigene Ego. Ständig muss Tirkiz Versuchungen widerstehen. Gerade bei sommerlichen Temperaturen ist das nicht leicht. Dabei hat er Glück: Vor kurzem hat sein Urlaub begonnen. Das nutzt er aus, er schläft lange. Müsste er zur Arbeit, wäre es schwieriger. Er kennt das schon. Kreislaufprobleme, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten. „Aber da gewöhnt man sich dran“, sagt er.

Tirkiz ist bei Schlafhorst beschäftigt. Schon oft hat er während des Ramadans arbeiten müssen. Der Fastenmonat verschiebt sich immer um zwei Wochen. Dass er dieses Mal genau in die bisher heißeste Zeit des Jahres fällt, ist das eine. Das andere macht den Verzicht vielleicht noch schwerer: Anders als in muslimischen Ländern fehlt in Deutschland die Welle der Mitfastenden. Tirkiz verbringt deshalb einen Großteil seines Urlaubs in der Türkei. Natürlich auch, um Urlaub zu machen.

„Die Türkei ist das schönste Land der Welt“, sagt der 46-Jährige und grinst. Dort werden dann Nachbarn, Bekannte und Freunde zum Iftar eingeladen, dem täglichen Fastenbrechen am späten Abend, meist gegen 22 Uhr. Dann gibt es für eine kurze Zeit alles, was das Herz begehrt: Fladenbrot, Marmelade, Käse und Tee. Der ein oder andere schlägt dann auch schon mal über die Stränge. „Einige schlagen sich die Bäuche so voll, dass danach ein bisschen Bewegung notwendig ist“, sagt Tirkiz.

Für ihn persönlich geht die Bedeutung des Ramadan aber über das Fasten hinaus. Es geht um Frieden und Versöhnung. „Fasten bedeutet nicht nur nicht zu essen, sondern auch, keine schlechten Worte in den Mund zu nehmen“, sagt Tirkiz. Sich allem bewusst sein. Nichts essen und an arme Menschen denken, denen es immer so schlecht geht. Wenn er das alles während des Ramadan geschafft hat, fühlt Tirkiz sich befriedigt. Denn er weiß, er hat etwas Gutes geleistet.

Der Fastenmonat Ramadan gehört zu den fünf tragenden Säulen des Islam und ist deshalb ein unbedingtes Gebot. Dazu zählen das Bekenntnis zu Allah, das Gebet, Almosen geben und die Pilgerreise nach Mekka. Fünf Mal am Tag beten Tirkiz und andere Gläubige in Übach-Palenberg mit dem Imam Mehmet Demirden. Der Priester lebt seit fünf Jahren mit seinen beiden Söhnen und seiner Frau in Deutschland.

Besonders stolz ist er auf seinen ältesten Sohn, Yousuf, neun Jahre alt. Er macht schon mit beim Ramadan. Der Verzicht auf das Pausenbrot in der Schule macht ihm nichts aus. „Es macht halt Spaß“, sagt er. Es war seine eigene Entscheidung zu fasten. Normalerweise ist der Ramadan für Jugendliche erst ab der Pubertät Pflicht. „Dann sind die religiös reif“, sagt Erol Pürlü, Dialogbeauftragter des Verbandes Islamischer Kulturzentren in Köln. Ausgeschlossen vom Ramadan sind Kranke, Reisende, Stillende und Schwangere. Sie können als Ausgleich Geld an Bedürftige spenden.

Auch wenn ab der Pubertät der Ramadan Pflicht ist: Tirkiz hätte seine Tochter nie gezwungen, zu fasten. Das müsse sie schon selbst entscheiden. Es gibt viele Eltern, die das nicht mehr so streng sehen wir früher. Nicht nur in Deutschland, auch in der Türkei. „Die Leute werden modern“, sagt Tirkiz. Draußen stehen Jugendliche auf den Straßen und rauchen. Drei bis vier Wochen bleibt Tirkiz in seinem Heimatland. Und diesmal wird er keine Pause machen.

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