Prummerner Schneiderin mit Latex-Jacke für Staatspreis NRW nominiert

Raus aus der Schmuddelecke : Alltagstaugliche Mode aus Latex, made in Prummern

Karin Plum ist für den Staatspreis NRW nominiert. Sie fertigt Unikate aus selbst gemischtem Naturkautschuk in chicken Designs an. In ihrem Atelier in Prummern gibt es eine breite Palette an alltagstauglicher Latex-Kleidung.

Karin Plum ist ein Mensch, den man einfach mögen muss. Ihr Lächeln ist ansteckend, sie trägt fröhliche Farben, ist gut gelaunt und im positivsten Sinne selbstbewusst. Die 53-Jährige wohnt in Prummern, ihr Mann ist Landwirt, und gemeinsam wohnen sie auf einem Hof am Rande des idyllischen Geilenkirchener Ortsteils. Karin Plum ist eigentlich gelernte Gärtnerin und Floristin, doch ihre Leidenschaft gilt der Schneiderei und dem Modedesign. Ein Material hat es ihr besonders angetan: Latex.

Als Karin Plum sich vor 15 Jahren mit ihrer eigenen kleinen Schneiderei selbstständig macht, ist sie Dorfgespräch. Denn anstatt Änderungen an Leinenröcken oder Chiffon-Blusen vorzunehmen, konzentriert sie sich auf den Fetisch-Bereich. Glänzende und hautenge Kleidung aus Lack, Leder und Latex. „Die ersten Rollen Latex, die ich damals bestellt habe, kamen irrtümlicherweise bei meinem Nachbarn an. Da wussten es dann natürlich alle“, erinnert sich Karin Plum lachend. „Am Anfang waren die Prummerner skeptisch, aber mittlerweile stehen sie hinter mir und interessieren sich sehr für meine Arbeit.“

In Kontakt mit der Fetisch-Szene kam Karin Plum schon vor rund 20 Jahren. „Eine Freundin sprach mich an, weil ich schon immer gerne genäht habe, und fragte, ob ich nicht Näharbeiten für einen Fetisch-Laden in Bergheim machen wolle. Warum nicht?“, hat sie sich dann gedacht und einfach angefangen. „Ich musste viel üben, denn das Material ist komplett anders als normale Stoffe. Ich habe verschiedene Kleber ausprobiert und experimentiert, welche Schnallen oder Verschlüsse am besten funktionieren.“ Mit der Zeit wird Karin Plum ein Profi. 2004 macht sie sich selbstständig. „Die Lack- und Latex-Szene ist ja nicht groß. Darum kannten mich schon viele Kunden.“ Der Rest ist Mundpropaganda, und mit und mit bekommt Karin Plum Aufträge aus ganz Deutschland. Heute hat sie drei Mitarbeiterinnen, zwei in Teilzeit, eine kommt stundenweise. Denn Arbeit gibt es wahrlich genug.

Wer vermutet, dass sich die Mode von Karin Plum in einem dunklen Kellerraum des Prummerner Wohnhauses befindet, hinter verschlossenen Türen und mit Schwarzlicht in Szene gesetzt, liegt komplett falsch. Das helle und freundliche Atelier befindet sich im umgebauten Kuhstall, direkt am Innenhof. Betritt man die Räume zum ersten Mal, ist man zunächst überwältigt von den vielen farbenfrohen Kleidungsstücken: Röcke, Jacken und Hosen hängen auf Ständern und an den Wänden. Ein paar Hüte sind an der Decke befestigt.

Wunderschöne Kleider leuchten in verschiedenen Farben und Mustern. „Ich habe mich vor rund eineinhalb Jahren darauf spezialisiert, alltagstaugliche Mode aus Latex herzustellen. Ich sage oft aus Naturkautschuk, das schreckt die Leute dann nicht direkt so ab.“ Tragbar ist die Mode von Karin Plum allemal. Vielen Stücken sieht man auf den ersten Blick gar nicht an, dass sie aus Latex gefertigt wurden. Es gibt einen Materialmix aus mattem und glänzendem Latex, viele Teile sind mit edlen Futterstoffen ausgekleidet, und es gibt sogar Wendemode, die man je nach Wunsch mit der Stoff- oder der Latexseite nach außen tragen kann.

Besonders stechen die bunten Muster der Kleidungsstücke ins Auge. Karin Plum: „Ich mache das Material heute selbst. Ich mische Latexmilch mit Textilfarben aus dem Theaterbereich, gieße die Flüssigkeit auf eine Platte und arbeite die Muster in das Material ein. Nach drei Tagen ist das Latex getrocknet, es vulkanisiert aus und kann dann weiterverarbeitet werden.“ Die Schnitte für ihre Mode denkt sich Karin Plum dann ebenfalls selbst aus. Oder sie bekommt Anregungen von Kunden, ob sie denn nicht mal dies oder das nähen könnte.

„Meine Kunden sind in erster Linie Menschen, die das Material lieben, aber nicht im sexy Fetisch-Outfit auf die Straße gehen möchten. Für sie kreiere ich die alltagstauglichen Kleidungsstücke.“ Ganz günstig sind diese Teile leider nicht, denn es steckt viel Arbeit und Materialeinsatz darin. Jacken kosten zwischen 500 und 800 Euro, ein einfacher Rock ist schon für 150 Euro zu haben. „Kurz, knapp und sexy, das ist überall im Internet für wenig Geld zu bekommen. Ich biete hochwertige Kleidung an für jeden Anlass.“ Die trägt sie natürlich auch selbst. Und ihren Mann konnte sie auch schon überzeugen.

Mindestens NRW-weite Bekanntheit wird die Modedesignerin aus Prummern spätestens im September erlangen. „Im März habe ich mich mit einer Jacke für den Staatspreis für das Kunsthandwerk beworben. Und ich wurde ausgewählt.“ Als eines von insgesamt 128 Stücken in sechs Kategorien – Möbel, Skulpturen, Schmuck, Kleidung und Textil, Medien, Wohnen – ist sie für den Preis nominiert. Alle werden vom 1. September bis 13. Oktober im Museum für Angewandte Kunst Köln zu sehen sein. Eröffnet wird die Ausstellung am 31. August von Ministerpräsident Armin Laschet.

An diesem Tag wird auch bekannt gegeben, welche sechs Projekte mit dem Staatspreis, der insgesamt mit 60.000 Euro dotiert ist, ausgezeichnet werden. „Mein Ziel war es, in die Ausstellung zu kommen“, blickt Karin Plum entspannt zu diesem Tag hin. „Meine Mode hat alleine durch die Nominierung schon eine andere Wertigkeit bekommen. Ob letztlich auch der Preis dabei herausspringt, ist erst einmal zweitrangig, wäre aber natürlich ein echter Traum.“ Ganz Prummern drückt Karin Plum die Daumen.

Mehr von Aachener Zeitung