Aachen/Übach-Palenberg: Prozess um versuchten Mord: Blumen und Pistolenpatronen

Aachen/Übach-Palenberg : Prozess um versuchten Mord: Blumen und Pistolenpatronen

Mit dem Rollator ging es schon ganz gut. Das hätte Ismail E. (39) sich vor zwei Wochen noch nicht träumen lassen, dass er in diesem Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Aachener Schwurgericht, in dem es hauptsächlich um sein Schicksal geht, selber aussagen kann. Auch der Vorsitzende Richter Roland Klösgen sagte erfreut: „Ich hätte das nicht gedacht, Sie hier sehen zu können.“

Der 39-Jährige wurde am 11. Dezember 2017 in der Alten Poststraße in Übach-Palenberg mit dem Auto angefahren. Die Kammer hat zu entscheiden, ob dies mit Absicht geschah, oder ob es sich möglicherweise doch um einen Unfall handelte. Letzteres behauptet Thomas M. (27), der am Steuer saß, betrunken und zugedröhnt mit Amphetaminen, wie er sagt. Der getunte Mercedes traf Ismael E. mit einem Tempo von rund 50 Kilometern in der Stunde.

Sein Körper wurde von der Vorderfront aufgenommen und mehr als zwei Meter hoch in die Luft geschleudert. Ismail E. landete auf der anderen Straßenseite, unzählige Knochenbrüche waren die Folge, ein schwerer Schädelbruch und ein Hirntrauma. Sein Leben hing nach Aussage des Rechtsmediziners lange am seidenen Faden (siehe auch Ausgabe von Donnerstag, 29. März, Regionalseiten).

Zwei Meter durch die Luft

Opfer und mutmaßlicher Täter stammen beide aus Brühl bei Köln. Die beiden waren über Jahre beste Freunde. „Wir haben fast alles zusammen gemacht, wir konnten uns blind aufeinander verlassen“, skizzierte E. das einstige Verhältnis zu Thomas M. Jetzt sind nicht nur seine Gliedmaßen, die momentan nur „durch Metall zusammengehalten werden“, wie E. es selbst beschrieb, zerstört. Auch die Freundschaft fiel dem Kühlergrill des Mercedes zum Opfer. Von einer Entschuldigung will Ismael E. absolut nichts wissen.

Dabei geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass es gar nicht ihn treffen sollte. Zur Tatzeit gegen 20.20 Uhr, es war tief dunkel, habe der Passant in seinem Pulli mit der Kapuze allerdings ausgesehen wie ein vermeintlicher Nebenbuhler von Thomas M., dessen Verhältnis zu Ilona W. gerade in die Brüche gegangen war. Ilona W. wohnt in der Alten Poststraße, um sie drehte sich ein Eifersuchtsdrama, das sich bis zum 11. Dezember abgespielt haben muss.

Der Angeklagte habe sie bereits seit Monaten geschlagen und mit Anrufen und Kurznachrichten terrorisiert, schilderte sie am Donnerstag der Schwurgerichtskammer. Eine Babyflasche mit einer Blume und Pistolenpatronen darin habe er ihr als Drohung in den Briefkasten gesteckt. Seine rasende Eifersucht habe sich unmittelbar gegen alle in der Umgebung der jungen Mutter anwesenden Männer gerichtet. Da war zunächst sein Vorgänger, ein polnischer Landsmann von Ilona W. und Vater ihrer Tochter. Mit ihm geriet Thomas M., der sich im Sommer 2017 in Übach-Palenberg niedergelassen hatte, einige Male aneinander.

Und noch ein weiterer Mann habe den unbändigen Zorn des Angeklagten erregt: Marcel S., 30 Jahre alt, ein guter Freund von Illona W. Das führte, wie Ilona W. es am Donnerstag beschrieb, zu ungezählten und nicht mehr auszuhaltenden Streitigkeiten, bei denen immer Alkohol und Amphetamine im Spiel waren. „Ich habe oft auf die Kleine aufgepasst, sonst war da nichts“, berichtete Marcel S. am Donnerstag.

Doch Thomas M. lebte in einer Art Wahn, einer Paranoia, die vom psychologischen Gutachter als behandlungsbedürftig eingestuft wird. Er hatte bereits vor dem 11. Dezember gedroht, „den Marcel zu überfahren“, wie es vor dem Schwurgericht hieß. Und er sah von seiner Statur und seinem Klamottenstil her wohl ähnlich aus wie das spätere Opfer Ismail E. Wenn es tatsächlich so war, wie die Anklage annimmt, wurde Ismael E. damit Opfer einer Verwechslung. Und Marcel S. hätte großes Glück gehabt. „Heute schaue ich mich alle paar Schritte um, keine Kapuze mehr und kein Kopfhörer in den Ohren“, gestand er am Donnerstag dem Schwurgericht.

Der Prozess wird am Freitag, 6. April, ab 9 Uhr am Landgericht Aachen fortgesetzt.

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