Projekt „Regenbogen“ - Jugendlichen beim Coming-out helfen

Projekt „Regenbogen“ : Jugendlichen beim Coming-out helfen

Nils Stüllenberg ist transgender. Er wurde als Nadine geboren und als Mädchen großgezogen. „Doch irgendwie war mir schon immer bewusst, dass ich anders bin“, erzählt Nils Stüllenberg. „Ich habe den ganzen Mädchenkram nie gemocht und hatte immer eher männliche Freunde.“

Als er sich dann zum ersten Mal in ein Mädchen verliebte, dachte er dann zunächst, er sei lesbisch. „So eine typische Kampflesbe eben“, lacht Nils Stüllenberg. Erst durch einen Kurs zum Thema Transgender habe er erkennt, dass er nicht lesbisch ist, sondern im falschen Körper geboren wurde und sich als Mann fühlt. „Ich hatte vor meinem Outing zunächst Angst vor der Reaktion meiner Eltern. Schließlich hatte ich mich schon mehrere Jahre mit dem Thema beschäftigt, aber für sie war es völlig neu“, blickt Nils Stüllenberg zurück. Zum Glück habe seine Familie verständnisvoll reagiert: „Aber ich kenne auch Fälle, bei denen es anders läuft und man in der Familie auf Ablehnung trifft.“

In dieser Umbruchszeit zwischen beim inneren Coming-out und äußeren Coming-out hätte sich Nils Stüllenberg einen Ansprechpartner gewünscht. Daher war er auch sofort an Bord, als er von Peter Barwinski vom Jugendhaus Franz von Sales von einem neuen Beratungsprojekt für homo-, bi- und transsexuelle Jugendliche in Geilenkirchen erfuhr – dem Regenbogenprojekt.

Das neue Hilfeangebot für junge Menschen zwischen zwölf und 27 Jahren, die in ihrer Ausrichtung nicht der heterosexuellen gesellschaftlichen Norm entsprechen, steht in den Startlöchern. Am Donnerstag, 6. Juni, wird es von 18 bis 20 Uhr erstmals im Evangelischen Gemeindezentrum Geilenkirchen eine anonyme und persönliche Beratung geben.

Aktuell verteilen Peter Barwinski und Nils Stüllenberg Flyer in der Stadt. In der Beratung werden die beiden noch von Sam Engels unterstützt.  . Foto: Michèle-Cathrin Zeidler

„Im gesamten Kreis Heinsberg gibt es sonst keine Beratungsstelle für schwule, lesbische, bisexuelle oder transsexuelle Jugendliche“, erzählt Peter Barwinski. Unverständlich für den Sozialarbeiter, der auf einem Fachkongress mit schockierenden Zahlen konfrontiert wurden. „Rund ein Viertel aller Eltern lehnen die Homosexualität ihres Kindes ab.

Der Jugendliche findet also genau dort keine ausreichende Unterstützung, wo er sich eigentlich geborgen fühlen sollte, nämlich in der eigenen Familie“, erklärt der Projektleiter. „Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Selbstmordrate bei diesen Jugendlichen um bis zu sieben Mal höher liegt.“

Die Fachwelt gehe weiterhin davon aus, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung lesbisch, schwul, transsexuell oder bi ist. Für den Kreis Heinsberg wären das also rund 25.000 Personen. 4000 Menschen sind dabei noch zwischen zwölf und 27 Jahren alt, auf die Stadt Geilenkirchen entfallen dabei noch immer rund 500. Gerade diese jungen Menschen befinden sich nicht selten zumindest zeitweise in einer krisenhaften Situation.

„Doch wer zu diesem Thema Hilfe sucht, musste bisher für Selbsthilfegruppen bis nach Aachen oder Mönchengladbach fahren“, weiß Barwinski. Wer professionelle Hilfe braucht, musste bis nach Köln zum Jugendzentrum „anyway“ oder bis nach Düsseldorf zum Jugendzentrum „Puls“ reisen. Daher ist Peter Barwinksi froh, diese Beratungslücke nun zu schließen.

Das Regenbogenprojekt wurde vom Jugendhaus Franz von Sales in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Geilenkirchen im letzten Jahr konzipiert, die Landesfachberatungsstelle „gerne anders – sexuelle Vielfalt und Jugendarbeit“ in Mühlheim hat hierbei beratend unterstützt. Anfang Oktober 2018 wurde das Projekt dem Jugendhilfeausschuss der Stadt Geilenkirchen vorgestellt und fand dort einstimmige Zustimmung. Finanziert wird das Hilfsangebot in erster Linie durch das Land NRW aus dem Fördertopf des Kinder- und Jugendplans. Die dann noch ungedeckten Kosten übernehmen das Jugendamt der Stadt Geilenkirchen und das Jugendhaus Franz von Sales.

„Unsere Beratung fußt auf mehreren Säulen“, erklärt Peter Barwinski. Zum einen wurden auf der Homepage des Jugendhauses unter www.lsbt-gk.de  vielfältige Informationen rund um das Thema aufbereitet. Auch für das gesamte Umfeld  – von den Eltern und den Geschwistern, über die Freunde und Lehrer bis hin zum Trainer – gibt es Handlungsempfehlungen und Informationen. Zum anderen gibt es eine Onlineberatung per E-mail (lsbt-gk@jhfvs.de). „Nicht jeder hat den Mut oder die Gelegenheit, unsere persönliche Beratung zu nutzen“, so Barwinski. Kernstück des Projektes sei aber die persönliche Beratung.

Außer an gesetzlichen Feiertagen, also auch in den Schulferien, ist an jedem Donnerstag von 18 bis 20 Uhr ein Berater im evangelischen Gemeindezentrum. Die Beratung ist kostenlos, anonym, unverbindlich, offen und vertraulich. „Man muss sich vorher nicht anmelden“, erklärt der Projektleiter. „Und für alle, die ihre Schwellenangst nicht alleine überwinden können, bieten wir nach vorheriger Absprache einen Abholdienst von einem vereinbartem Treffpunkt an.“

Zwei bis drei Jahre brauchen Jugendliche in der Regel von der Erkenntnis bis zum äußeren Coming-out. „Wir wollen sie dabei unterstützen und beraten“, sagt Peter Barwinski und stellt noch einmal klar: „Homosexualität ist keine Wahl, man wird so geboren.“