„Ewiggestrige“: Politikerbesuch hinterlässt „schalen Beigeschmack“

„Ewiggestrige“: Politikerbesuch hinterlässt „schalen Beigeschmack“

Einige Häuser sind schon verlassen. Die Menschen haben ihre Heimat für immer verlassen. Erkelenz-Keyenberg befindet sich mitten im Umsiedlungsprozess.

Die Politiker Wilfried Oellers (CDU-Bundestagsabgeordneter für den Kreis Heinsberg) und der CDU-Landtagsabgeordnete für den Nordkreis, Thomas Schnelle, informierten sich jüngst bei einem Rundgang durch Erkelenz-Keyenberg über die aktuelle Situation.

Eingeladen zu dem Rundgang hatte sie Franz Maibaum, der für die CDU Mitglied im Kreistag ist und selbst in Keyenberg lebt.

Eine Formulierung Maibaums – er sprach von „Ewiggestrigen“, die für den Erhalt der Heimat kämpfen würden – stieß vielen Betroffenen jedoch auf.

So auch dem Ratsherrn und direkt betroffenem Umsiedler Hans Josef Dederichs. „Es freut es mich, wenn Politiker sich vor Ort ein Bild von den Belastungen der Umsiedler im Stadtgebiet Erkelenz machen“, sagt er und lobt, dass Wilfried Oellers und Thomas Schnelle in der Verganggenheit schon häufig das Gespräch mit den Umsiedlern suchten. „Wenn jedoch die Umsiedler, denen die Umsiedlung an den neuen Standort verweigert wird oder die Probleme beim Verkauf ihrer Anwesen haben, da sie die Anforderungen von RWE nicht erfüllen können, als Ewiggestrige bezeichnet werden, bekommen solche Besuche vor Ort einen ganz schalen Beigeschmack“, kritisiert er. „Als Ewiggestriger wird laut Definition ein Mensch bezeichnet, der an seinen alten politischen Meinungen festhält und keinen Fortschritt erkennt, beziehungsweise anerkennt“, erklärt Dederichs. „Heutzutage werden beispielsweise aktuelle Anhänger des Nationalsozialismus oder des Rassismus als Ewiggestrige tituliert. Als solche Menschen sollten Umsiedler, die aus privaten, wirtschaftlichen oder auch aus emotionaler Bindung an den bisherigen Ort an der Umsiedlung lieber nicht teilnehmen würden, nicht bezeichnet werden“, betont der Politiker, der für die Grünen im Erkelenzer Stadtrat sitzt. Seiner Meinung nach solle die Politik dazu beitragen, Gräben zwischen den Umsiedlern zu überbrücken, anstatt die Menschen auch noch in Gruppen zu kategorisieren.

„Rückständig und den Fortschritt nicht anerkennend sind meines Erachtens nach vielmehr die Politiker, die an einer menschen- und klimafeindlichen Braunkohleverbrennung festhalten und dabei den Ausbau der erneuerbaren Energien be- und verhindern“, sagt Dederichs. Dazu zählt er auch die aktuelle Landesregierung in NRW. Auch aus diesem Grund hat er Vertreter der Regierung eingeladen, zu einem Dorfspaziergang zu kommen. „In einem Interview hat Ministerpräsident Armin Laschet angegeben, bislang noch kein Gespräch mit den Umsiedlern geführt zu haben, weil er schlichtweg noch nicht dazu eingeladen wurde“, sagt Dederichs. Das habe er nun übernommen und Laschet eine Einladung zugesandt – und Armin Laschet hat zugesagt. Am Samstag nimmt der Ministerpräsident an einem Dorfspaziergang durch Keyenberg teil, anschließend informiert er sich in einem nicht öffentlichen Gespräch über die Probleme der Menschen, denen bislang die Teilnahme an der Umsiedlung nicht ermöglicht wurde.

(ng)
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