Geilenkirchen: Philatelie-AG hat mehr als eine Million Briefmarken

Geilenkirchen: Philatelie-AG hat mehr als eine Million Briefmarken

Ronny Hennings nimmt eine Briefmarke, auf der eine ältere Dame abgebildet ist, in die Hand und legt sie vorsichtig auf eine schwarze Unterlage. Dann tropft er reinen Alkohol auf die Rückseite der Marke und wartet einen Moment.

Langsam ist das Wasserzeichen zu erkennen, an dem Hennings ablesen kann, welchen Wert die Marke hat. Er nimmt sich die nächste Briefmarke, die auf einem Tisch mit unzähligen weiteren liegt und betrachtet sie. Dann macht er das Gleiche wieder von vorn. Willkommen in der Welt der Philatelie-AG der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule.

Briefmarken sind ihre Leidenschaft: Philipp, Lea (vorne), Fabian, Joost und Lehrer Ronny Hennings (hinten, von links), der Leiter der Philatelie-AG. Foto: Katrin Fuhrmann

Briefmarken auf ihren Wert zu prüfen, ist bei Ronny Hennings und seinen Schülern keine Seltenheit mehr. So geht das hier jeden Mittwoch. Und das schon seit 1999, als Hennings die AG gründete.

Hennings war sich von Anfang an darüber im Klaren, dass das Sammeln von Briefmarken nicht unbedingt einen großen Reiz auf die Schüler ausübt. Dennoch konnte er sich bislang jedes Jahr über eine rege Teilnahme der Schüler freuen. In diesem Schuljahr gehören acht Mädchen und Jungen zu der Arbeitsgemeinschaft, die sich mit den Briefmarken in jeder Farbe und aus aller Welt beschäftigen.

Mit Ronny Hennings haben die Schüler nicht nur einen echten Kenner und wahren Briefmarken-Liebhaber an der Angel, sondern auch jemanden, der ihr Hobby versteht und ihre Begeisterung für Postwertzeichen, wie Kenner sie auch nennen, nachvollziehen kann. Denn Hennings sammelt seit seinem sechsten Lebensjahr, um genauer zu sein seit 1974, Briefmarken. Seine Schwerpunkte sind die Themen „Essen und Trinken“ sowie verschiedene Dauerserien. Er ist seit 2007 Geschäftsführer und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Philatelisten-Jugend, von 2000 bis 2006 war er sogar ihr Vorsitzender.

In der AG kann er mit diesem Wissen punkten. Denn die Briefmarken werden natürlich nicht nur begutachtet und in das Sammelalbum geklebt. Der Anspruch ist ein anderer. „Es gibt kein Hobby bei dem man so viel lernt wie beim Briefmarkensammeln“, sagt Hennings. Schließlich nehme man die „kleinen Märkchen“ genauer unter die Luppe.

So sortieren die Schüler die Marken zum Beispiel nach Farben, Themen, Personen und Ländern. „Danach picken wir uns einzelne auffällige Briefmarken heraus und schauen sie genauer an“, erzählt Fabian (14), einer der Teilnehmer der AG. Zweimal im Jahr fährt Hennings mit den Schülern zu einem Aktionstag für Philatelisten. Dort seien sie immer auf der Suche nach neuen Funden und außergewöhnlichen Schätzen für ihre Sammlung. Viele Briefmarken müssten auch erst einmal von den Briefen gelöst werden, denn nicht alle Briefmarken, die der AG zur Verfügung gestellt oder geschenkt werden, kommen einzeln oder sortiert bei ihnen an. Briefmarken, die zu schwer beschädigt sind, werden zwar nicht in das Sammelalbum geklebt, sie wandern aber auch nicht in den Müll.

Stattdessen werden die Schüler in solchen Fällen kreativ: Stühle, Tische und sogar eine große Deutschlandkarte haben sie schon beklebt. Damit aber nicht genug. Etliche Kartons stapeln sich in dem kleinen Raum in der dritten Etage der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, in der die AG stattfindet. „Mittlerweile lagern wir hier mehr als eine Million Briefmarken zu unterschiedlichen Themen aus Deutschland, England, Frankreich und anderen Ländern“, erzählt Hennings.

Es gebe zwei Arten von Sammlern, erklärt er. Die einen würden länderspezifisch sammeln, die anderen eher thematisch, das heißt zum Beispiel Tiere, Rosen oder auch berühmte Mathematiker. Joost zum Beispiel sammelt vor allem Briefmarken, die Verkehrsmittel abbilden. Züge möge er besonders gerne. Wie viele Briefmarken Joost genau hat, weiß er gar nicht, weil er sie nicht mehr zählen kann. Es müssten mittlerweile schätzungsweise 50 000 Stück sein.

Ronny Hennings weiß nicht, wie viele Briefmarken er besitzt. Es seien viele. Sehr viele. Zählen könne er sie schon seit Jahren nicht mehr. Bei ihm stellt sich nicht die Frage, welche Briefmarke er als nächstes haben möchte, sondern eher, ob er überhaupt noch Platz dafür hat. Mittlerweile gibt es nämlich nur noch zwei Zimmer in seinem Haus, in denen keine Briefmarken zu finden sind. Die restlichen Räume sind proppevoll. Wenn man Hennings danach fragt, wie viel er für so manche Briefmarke schon ausgegeben hat, gerät der 45-Jährige ins Grübeln: „Sagen wir mal so, ein Kleinwagen ist nicht unbedingt günstiger.“ Eine genaue Summe nennt Hennings nicht. Das Briefmarkensammeln sei eben sein Hobby. Da achte er nicht so auf das Geld.

Ganz so viele teure und außergewöhnliche Marken haben die Schüler zwar noch nicht, aber in zwei Sachen sind sie sich einig: Sie sammeln aus Spaß und Leidenschaft. Und sie alle haben den gleichen Wunsch: Irgendwann wollen sie den berühmten Bordeaux-Brief, und sei es nur für einen kurzen Moment, in den Händen halten. Denn auf jenem Brief kleben eine Blaue und eine Rote Mauritius der legendären ersten Serie. Der Brief gilt als der kostbarste der Philatelie und als einzigartig zugleich. Ein ganz besonderes Bonbon also.