Darmstadt/Übach-Palenberg: Paar aus Übach-Palenberg im Mittelpunkt eines Drogenprozesses

Darmstadt/Übach-Palenberg : Paar aus Übach-Palenberg im Mittelpunkt eines Drogenprozesses

Plötzlich bricht Heide B. zusammen. Vielleicht ist ihr in diesem Moment klar geworden, worum es für sie geht. „Bei manchen von Ihnen stehen zweistellige Haftstrafen im Raum, wenn sich alles so bewahrheitet, wie es in den Akten steht“, hatte die Vorsitzende Richterin zuvor ungewöhnlich deutlich das Wort an B. und deren Mitangeklagte gerichtet.

Wirklich strafmildernd könne sich nur ein „umfassendes Geständnis“ auswirken.

Vier Männer und eine Frau sind angeklagt, zwischen August 2016 und Juni 2017 in großem Stil hauptsächlich mit harten Drogen gehandelt zu haben. Bandenmäßiges unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln nennt das die Staatsanwaltschaft und zählt auf, was allein während Durchsuchungen bei den Beteiligten am 30. Juni vergangenen Jahres gefunden worden war: mehr als vier Kilogramm Heroin, etwa ein halbes Kilo Kokain, rund 200 Gramm Amphetamine und mehr als ein Kilo Marihuana.

Unter den Angeklagten, die sich seit diesem Monat vor dem Landgericht im südhessischen Darmstadt verantworten müssen: Heide B. aus Übach-Palenberg, ihr 78 Jahre alter ehemaliger Lebensgefährte sowie ein 26 Jahre alter Niederländer. Dazu kommen ein 36-Jähriger aus Mannheim (Baden-Württemberg) und ein 23-Jähriger aus Bürstadt nahe Darmstadt.

Dass dieses Verfahren anders ist als andere Prozesse, zeigt das Polizeiaufgebot vor und im Gericht: Vor dem Eingang stehen bewaffnete Beamte, einer trägt Maschinenpistole. Hinter der Eingangskontrolle stehen ebenfalls Polizisten, und wer zum Gerichtssaal möchte, muss erneute Kontrollen über sich ergehen lassen: Nochmals werden Taschen und Zuschauer gründlich überprüft.

Vorbei an weiteren Beamten geht es in den Zuschauerraum. Auch dort: Polizei. Prozessbeteiligte und -beobachter sind zudem durch eine Glasscheibe voneinander getrennt. Im Saal sitzen neben den Angeklagten und der Kammer acht Anwälte, zwei Vertreter der Staatsanwaltschaft, eine Dolmetscherin für die niederländische Sprache und sechs Justizwachtmeister. „Sicherheitsprozess“, heißt es. Das ist nicht zu übersehen.

Aus Angst vor Repressalien will der Angeklagte aus den Niederlanden keine Hintermänner benennen, wie er durch seinen Anwalt, den Aachener Strafverteidiger Peter Schäfer, ausrichten lässt. Ansonsten räumt er ein, als Drogenkonsument wegen Schulden bei seinem Dealer in die Sache hineingeraten zu sein. Er habe den Kontakt zu den Hintermännern in den Niederlanden und seinem Mitangeklagten aus Mannheim aufrechterhalten.

Das Haus der 58-Jährigen aus Übach-Palenberg soll als „Bunker“ gedient haben. Die Frau schweigt bislang zu den Vorwürfen, ihre Aussage ist für den 30. Mai geplant.

Nie an Drogen gedacht

Ihr einstiger Lebenspartner dagegen hat bereits das Wort ergriffen. Ihm wird vorgeworfen, als Kurier tätig gewesen und Drogen zu Abnehmern in ganz Deutschland gebracht zu haben. „Ich dachte, das ist Sexspielzeug und Autozubehör“, sagt der 78-Jährige geradezu entrüstet über die Pakete, die er herumgefahren haben soll. Da er die 58-jährige Mitangeklagte einst in einem Sexkino kennengelernt hatte, habe dies nahe gelegen.

Die Fahrten habe die Frau zuvor selbst unternommen, oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Da sie jedoch körperlich eingeschränkt sei und unter „Anfällen“ leide, habe er ihr die Touren abgenommen. An Drogen habe er nie gedacht, beteuert der Mann. „Ich habe sie extra gefragt, das wollte ich nämlich nicht.“ Er habe bloß die Päckchen am Zielort abgeben und Geld empfangen, das er wiederum an seine Lebensgefährtin weiterreichte.

Die Vorsitzende Richterin runzelt wiederholt die Stirn. „Das kam ihnen nicht komisch vor?“, fragt sie mehrfach verwundert. Zögerlich räumt der Mann schließlich ein, alles irgendwie doch „seltsam“ gefunden zu haben. Dies habe er sich jedoch nicht eingestehen wollen. Und in die Päckchen habe er schließlich nie hineingeschaut. Nur einmal habe er zufällig gesehen, was er transportierte: „welke Blumen“, sagt er. Marihuana, sagt die Staatsanwaltschaft.

Seine Fracht habe er schließlich nicht versteckt, sondern gut sichtbar auf dem Rücksitz liegen gehabt und durchs Fenster an die Empfänger gereicht: „Da war auch so ein netter Junge dabei“. Dem widerspricht allerdings der „nette Junge“, der Mitangeklagte aus Bürstadt: Er habe die von dem Senior gebrachten Drogenpäckchen auf einem Discounterparkplatz entgegengenommen und glaubt die Geschichte vom unbedarften Alten nicht.

„Auf dem Parkplatz ist er aus dem Auto raus, hat den Sitz von seinem Zweitürer nach vorne geschoben und ist auf die Rückbank gekrabbelt“, so der 23-Jährige. Dort habe der alte Mann „auf den Anhänger seiner Kette gedrückt“, woraufhin sich eine Klappe im hinteren Bereich des Autos geöffnet habe. Dort sei das für ihn bestimmte Päckchen verborgen gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt, bislang sind Termine bis in den August festgelegt.

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