Gangelt: Originalität Hastenrather Straße: Seit zehn Jahren bereits gesperrt

Gangelt: Originalität Hastenrather Straße: Seit zehn Jahren bereits gesperrt

Nein, sagt Guido Mußmann, so ein Fall sei ihm noch nie untergekommen. Mußmann steht am westlichen Ende von Gangelt und lässt den Blick über die Hastenrather Straße schweifen. Die liegt ruhig und ungenutzt da, sie ist ja bekanntlich gesperrt, seit zehn Jahren schon. Nicht nur dem Laien kommt das merkwürdig vor, sondern auch Guido Mußmann, der als Verkehrsexperte beim ADAC in Köln arbeitet, und seinen Kollegen. „Und eine gute Lösung ist es jedenfalls auch nicht.“ Mußmann muss ein bisschen lachen.

Die Älteren erinnern sich noch, dass auf der Hastenrather Straße einmal Autos fuhren. Das änderte sich 2004. Die Einmündung auf die Bundesstraße 56 sei ein schlimmer Unfallschwerpunkt, wurde seither behauptet. Im Dezember dann musste der Kreis gegenüber unserer Zeitung einräumen, dass es lediglich in einem einzigen Jahr, nämlich 1999, eine „Unfallhäufung“ gegeben habe. Danach nicht mehr.

Wartet man fünf Jahre, um einem Unfallschwerpunkt zu begegnen? Es gibt Menschen in Gangelt, die es lächerlich und ein bisschen kleinkariert finden, sich an so etwas aufzuhalten. Der Umweg über die Kreisstraße 5 betrage ja kaum mehr als einen Kilometer, wenn überhaupt. Doch es gibt auch die, die sich über die Sperrung und die aus ihrer Sicht fadenscheinige Begründung ärgern. Ihnen geht es weniger um den Umweg, als um die Willkür, die sie Politik und Gemeinde vorwerfen.

Über die Beweggründe, die Bewohner der westlich vom Ortskern gelegenen Ortsteile einen Umweg am Nahversorgungszentrum vorbeifahren zu lassen, möchte Mußmann natürlich nicht spekulieren. Fest steht für ihn aber, „dass es sich die Gemeinde hier einfach gemacht hat“. Denn während die Verkehrssicherungspflicht für die Kreisstraße bei Straßen.NRW liege, müsse für die Hastenrather Straße — die ja keine Kreisstraße mehr ist, sondern zur Gemeindestraße herabgestuft wurde — die Gemeinde aufkommen. Normalerweise. Durch die Sperrung entfielen aber die Kosten für Winterdienst, Ausbesserung von Schlaglöchern oder gar einen Rückbau.

Bürgermeister nicht zu sprechen

Die Hastenrather Straße ist neuerdings auch wieder Thema in der Kommunalpolitik. Am Dienstag wurde ein Antrag auf einspurige Öffnung im Haupt- und Finanzausschuss, gestellt von Helga Heinen und Josef Backhaus, abgelehnt (siehe Zusatzbox). Übernächste Woche, am 11. Februar, steht das Thema im Bau- und Umweltausschuss auf der Tagesordnung. Die UB-Fraktion beantragt die Öffnung in beide Richtungen. Die CDU hingegen möchte, dass das Thema erst nach Fertigstellung der neuen Bundesstraße 56 auf den Tisch kommt, was natürlich noch dauern kann. Auch auf den Antrag von Heinen und Backhaus wird in der Sitzungsvorlage verwiesen.

Klar ist: Die Gemeinde fühlt sich nicht zuständig. Es soll sich lieber der Kreis darum kümmern. Die UB-Fraktion findet das merkwürdig. Im Mai 2012 nämlich wurde ihr Antrag auf Öffnung der Hastenrather Straße noch vom gleichen Ausschuss abgelehnt. „Weshalb das Verfahren im Jahr 2012 anders war, ist wohl nur der Verwaltung bekannt“, stellt Roger Schröder von der UB-Fraktion süffisant fest. Bürgermeister Bernhard Tholen war für unsere Zeitung mehrere Tage lang nicht zu erreichen, ging nicht an sein Handy und reagierte auch nicht auf Bitte um Rückruf.

ADAC-Mann Guido Mußmann zumindest erschließt sich nicht, warum die Gemeinde nicht selbst zuständig sein sollte. Dafür erklärt er, wie er mit der Hastenrather Straße verfahren würde: „Normalerweise würde man hier einfach eine abknickende Vorfahrt einrichten“, sagt er. Die Fahrzeuge auf der Kreisstraße hätten also freie Fahrt, die auf der Hastenrather Straße müssten warten. Und die Einmündung auf die Bundesstraße am anderen Ende? „Das ist natürlich eine knifflige Stelle“, sagt Mußmann. „Aber hier fahren ja sicher überwiegend Einheimische. Die sind sich der Problematik bewusst und entscheiden dann selbst, ob sie lieber einen Umweg fahren und dafür Vorfahrt haben oder den kürzeren Weg nehmen und vielleicht warten müssen.“

Bürger, die selbst entscheiden — vielleicht ist darauf ja an maßgeblicher Stelle ganz einfach noch niemand gekommen.

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