Oliver Steller mit Texten von Robert Gernhardt

Oliver Steller mit Texten von Robert Gernhardt : Tiefsinniger und hintergründiger Humor

Dem Volk aufs Maul geschaut, dem Volk den Spiegel vorgehalten – so kann man das Leben und Werk von Robert Gernhardt (1937-2006) grob umschreiben.

Im Detail betrachtet, war es natürlich facettenreicher und bunter. Oliver Steller hat aus den vielen Nuancen ein Programm gemacht und präsentierte bei seinem zehnten Gastspiel in der Bürgerhalle Langbroich auf Einladung des Rotary-Clubs Heinsberg mit „Hell und schnell“ wieder einen herrlichen Abend.

„Langbroich“ kann Oliver Steller jetzt fast genauso gut aussprechen, wie es der gemeine Langbroicher tut, und auch die kleine Begegnung in der Garderobe, bei der eine Dame ihn fragte, ob er, Steller, so kurz vor dem Auftritt denn nervös sei. „Nein“, antwortete der erfahrene Bühnenmann, worauf er zur Antwort bekam: „Dann wird dat heute auch nix!“ Spätestens da wusste der Rezitator wieder, mit welchem Menschenschlag er es hier zu tun hat.

An einem 13. Dezember wurde Robert Gernhardt geboren; genau wie Heino und Heinrich Heine. Den Heinrich-Heine-Preis verlieh ihm die Stadt Düsseldorf auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Vor ihm ging er an Elfriede Jelinek, nach ihm an Peter Handke. Eine illustre Reihe.

Gernhardt steht vor allem für Humor; tiefsinnigen, derben und hintergründigen Humor. Allein das macht das Programm von Oliver Steller anders als die vorherigen, die sich mit Rilke, Tucholsky oder Morgenstern beschäftigten. Wann hat es das einmal gegeben, dass das Publikum in der voll besetzten Bürgerhalle mitsingen durfte? An Robert Gernhardt kommt eigentlich niemand vorbei.

Wer die Texte nicht mit seinem Namen in Verbindung bringt, kennt sie aus dem Programm von Otto Waalkes. Ottos enormer Anfangserfolg ist auch und vor allem mit dem Schaffen von Robert Gernhardt verbunden. Aber es ist nicht nur der Humor, der ihn auszeichnet. Auch Gesellschafts- und Zeitkritik spielen bei ihm eine große Rolle – oft humoristisch verpackt.

Gerne wird die Geschichte von der Flucht aus dem estnischen Reval, heute Tallin, erzählt. Vater im Krieg gefallen, sieht der Siebenjährige, wie seine Mutter vor dem Abmarsch einen Revolver in den Rockbund schiebt. Man muss sich also wehren können. Auf dem Höhepunkt der sogenannten 68er-Bewegung war Gernhardt gut 30 Jahre alt. „Er warf aber keine Steine – er saß am Nachbartisch der Revoluzzer als heimlicher Beobachter“, so umriss Steller das Engagement seines Protagonisten.

Gernhardt machte sich einen Namen bei den Satire-Zeitschriften „Titanic“ und „Pardon“ und war Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“. 1973 begann die Zusammenarbeit mit Otto Waalkes „Mein Sechser im Lotto war Otto“, ist einer seiner kürzesten Reime.

Oliver Steller trug an diesem Abend – eigentlich wie immer – vor und griff ab und an zur Gitarre. Hier ließ er immer wieder sein virtuoses Können aufblitzen. Und noch eine Neuheit gab es: Die Lesebrille, die er bei einem einzigen Gedicht brauchte, das er nicht auswendig kann. „So freue ich mich auf die nächsten zehn Jahre“, verabschiedete sich Steller und versprach den Langbroichern damit die Treue.

Vielleicht hat die Dame vom Anfang ja bis zum kommenden Jahr ihre Meinung über die Verbindung von Lampenfieber und Erfolg geändert. (hama)