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Gangelt: Obstbaumwarte wollen Dörfer zum Blühen bringen

Gangelt : Obstbaumwarte wollen Dörfer zum Blühen bringen

Josef Backhaus ist in Hastenrath aufgewachsen, und als er noch jung war, muss es vor Obstbäumen förmlich gewimmelt haben. Kein Wunder: Die Bäume sahen ja nicht nur schön aus, sondern waren auch noch nützlich. Schön sind sie da, wo sie stehen, noch immer.

Aber wer ist zur Selbstversorgung schon noch ernsthaft darauf angewiesen, dass auf seinem Grundstück Kirschen, Äpfel oder Birnen wachsen? Und wer hat die Zeit, sie zu pflücken und zu verarbeiten? Die wenigsten.

Foto: Karl-Heinz Hamacher. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Backhaus glaubt, dass vielen das Verschwinden der Obstbäume kaum auffällt, weil der Prozess natürlich ein schleichender ist. Aber die Zahlen sind eindeutig: Laut einer ziemlich aktuellen Kartierung durch den Zweckverband „Der Selfkant“ gab es in Gangelt vor rund zehn Jahren noch 7000 Obstbäume — heute sind es nur noch halb so viele.

„Die Leute kaufen eben lieber Hochglanzäpfel aus Neuseeland.“ Ein weiteres Problem sei, dass im Vergleich zu früher viel Weideland für Pferde genutzt werde, weniger für Rinder und Schafe. Pferde und Obstbäume vertrügen sich aber nicht, weil die Pferde nicht nur das Obst anknabberten, sondern mitunter auch schon mal den Baum selbst.

In Gangelt hat sich jetzt rund ein Dutzend Bürger zusammengefunden, das das Thema umtreibt — und mit vereinten Kräften selbst eine Rückkehr des Obstbaums bewirken möchte. Bereits Anfang Januar hat die Gruppe sich erstmals bei Josef Backhaus in Hastenrath zusammengefunden, um sich einen Überblick über die gegebenen Möglichkeiten zu verschaffen. Bei allen Anwesenden handelte es sich um sogenannte Obstbaumwarte, die der Naturschutzbund (Nabu) im Bereich Gangelt, Selfkant und Waldfeucht regelmäßig ausbildet.

Noch liegt, wie nach einer ersten Zusammenkunft nicht anders zu erwarten, einiges im Ungefähren. Ein zentraler Punkt im Sitzungsprotokoll ist aber, dass die Werbetrommel gerührt werden soll — und zwar zunächst in den „Pilotdörfern“ Hastenrath, Schierwaldenrath und Waldfeucht.

Und wo genau? An den Haustüren. In Zweierteams wollen die Obstbaumwarte demnächst von Haus zu Haus ziehen und die Bewohner vom Anpflanzen eines oder mehrerer hochstämmiger Bäume auf ihrem Grundstück überzeugen. Kosten und Aufwand beim Pflanzen sollen nicht entstehen, der Kreis Heinsberg übernehme die Kosten für Baum und Schutzgatter, die Obstbaumwarte und ihre Helfer den Aufwand für Abholung und Lieferung übernehmen.

Nur zur Pflege muss sich jeder Haus- und Grundbesitzer natürlich bereiterklären. Die Mühe sollte es wert sein, findet Josef Backhaus: „Wir dürfen das wertvolle Erbe der Streuobstwiesen nicht leichtfertig vergeuden — ein Erbe, das unsere Vorfahren in den letzten 500 Jahren sorgsam aufgebaut haben.“

Die Wichtigkeit von Streuobstwiesen hat für Josef Backhaus’ Begriffe vor allen Dingen zwei wichtige Gründe. Der eine ist der Mehrwert für Mutter Natur, der andere die Optik. Früher, erinnert sich Backhaus, waren Ringe aus Obstbäumen um die Dörfer ein gewohnter und vor allem in Frühling und Sommer prachtvoller Anblick. So geht es ihm und seinen Mitstreitern auch ganz besonders darum, diejenigen Grundstücksbesitzer zu überzeugen, deren Land an den jeweiligen Dorfgrenzen liegt.

Backhaus ist selbst gespannt darauf, wie die Bevölkerung auf das Unternehmen Obstbaum reagiert. Er glaubt, dass viele Vorbehalte beispielsweise durch die Wahl der richtigen Obstsorte gemildert werden können. Als Beispiel nennt er die Kirsche: Wem das pflücken zu viel Arbeit bereite, der könne hier — anders als beim Apfel oder der Birne — einfach der Natur ihren Lauf lassen.

Denn herabgefallene Kirschen verursachten weder fiesen Matsch noch unangenehmen Geruch. An solchen Überlegungen zeigt sich, dass die Obstbaumwarte auch durch die richtige Beratung überzeugen wollen. Klar ist, dass Backhaus selbst mit gutem Beispiel vorangeht: In seinem eigenen Garten wachsen mehrere Sorten Obst.

Einige Bäume sind noch jung und zart, andere bereits zu stattlicher Größe ausgewachsen — der Nussbaum zum Beispiel. „Der wirft jedes Jahr 100 Kilo Nüsse ab“, erzählt Backhaus — und die verkauft er dann an einen hiesigen Händler. Finanziell lohnt sich das natürlich nicht großartig, aber es macht Spaß und ist auch eine schöne Aufgabe für die ganz jungen Familienangehörigen.

Großes Vorbild der Obstbaumwarte ist übrigens die Provinz Limburg in den Niederlanden. Dort seien in den vergangenen Jahrzehnten auf eine breite, langjährige Initiative hin um die 40.000 Obstbäume gepflanzt worden.