Kreis Heinsberg: Notruf wegen Husten: Zu oft wird die 112 wegen Lappalien gewählt

Kreis Heinsberg: Notruf wegen Husten: Zu oft wird die 112 wegen Lappalien gewählt

Mit Blaulicht rast der Rettungswagen heran und stoppt abrupt. Hochkonzentriert greifen die Sanitäter ihren Koffer und laufen zum Einsatzort, hin zum Hauseingang, durch das Treppenhaus hinein in die Wohnung. Denn wenn die Notrufnummer 112 gewählt wurde, zählt jede Sekunde. Davon gehen die Sanitäter zumindest bei jedem Fall aus.

Doch das ist längst nicht mehr so. „Es gibt immer häufiger Fälle, in denen wir alarmiert werden, weil jemand nachts um drei ‚seit fünf Tagen Bauchschmerzen‘ hat“, sagt Ralf Rademacher, Geschäftsführer der Rettungsdienst im Kreis Heinsberg gGmbH. Lappalien, „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“, wie Rademacher es nennt, verleiten Kranke immer öfter dazu, den Notruf zu wählen.

Altersbedingte Notfälle

Die Anzahl der Einsätze im Kreis Heinsberg ist in den vergangenen Jahren fast um ein Drittel gestiegen. Rückte der Rettungswagen (RTW) 2012 noch 17.573 aus, davon 7136 Mal mit Notarzt, waren es 2017 schon 23.909 Einsätze, davon 7410 mit Notarzt.

Die Gründe für die Steigerung sind vielfältig. Einer ist die Demografie. Die Bevölkerung wird immer älter, dementsprechend gibt es mehr altersbedingte Notfälle, zu denen die Rettungssanitäter ausrücken müssen. Doch das macht laut Rademacher nur rund ein Viertel des Einsatzwachstums aus.

Ein weit einflussreicherer Faktor ist das geänderte Nutzerverhalten. „Viele googlen ihre Symptome und denken dann, sie seien lebensbedrohlich erkrankt“, erläutert der Geschäftsführer. Einige Anrufer hätten verlernt, die Ernsthaftigkeit der Symptome richtig einzuschätzen. „Einmal wurden Kollegen nachts um fünf wegen eines eingewachsenen Fußnagels gerufen“, erzählt er. Wählt jemand die 112, versucht derjenige, der den Anruf in der Leitstelle annimmt, herauszufinden, wie ernst die Lage ist. Ist sie eindeutig nicht kritisch, verweist der Rettungsdienst an den kassenärztlichen Notdienst oder den Hausarzt. Im Zweifelsfall wird jedoch immer ein Wagen rausgeschickt. Dazu seien sie verpflichtet, erläutert Rademacher.

513 Euro kostet ein Einsatz. Zehn Euro davon werden als Eigenanteil abgerechnet. Fahren die Sanitäter von ihrem Einsatzort ohne Patienten wieder zurück, übernimmt nicht die Krankenkasse die Kosten, sondern die Allgemeinheit. Das war bis zu einer Gesetzesänderung im Jahr 2015 noch anders. Damals konnte der Träger der Rettungswache unter gewissen Umständen die Kosten dem Patienten in Rechnung stellen, zum Beispiel wenn nach der Behandlung am Unfall- oder Einsatzort keine weitere Behandlung im Krankenhaus mehr erforderlich war. Mittlerweile kann der Träger nur bei Missbrauch des Notrufs die Kosten zurückfordern.

Allerdings ist nicht nur der finanzielle Aspekt von Bedeutung: Die Bagatellfälle frustrieren die Sanitäter. Die Belastung ist gestiegen. Die Ruhephasen zwischen den einzelnen Einsätzen sind kürzer geworden. Der Rettungsdienst habe darauf reagieren müssen: „Wir haben sehr viel in Aus- und Weiterbildung investiert.“ Auch die Arbeitszeiten wurden geändert; früher gab es 24-Stunden-Dienste, mittlerweile wechseln die Schichten im Zwölf-Stunden-Rhythmus. Denn die höhere Belastung geht sonst zulasten der Konzentrationsfähigkeit. Und das wäre bei lebensbedrohlichen Fällen ein Dilemma.

Nachbarschaftshilfe

Engpässe wegen der Fehleinschätzungen gibt es bisher jedoch nicht. „Der Rettungsdienst im Kreis ist insgesamt sehr gut aufgestellt“, betont Rademacher. Die gesetzliche Frist von zwölf Minuten im ländlichen Bereich könne in 94 Prozent der Fälle eingehalten werden. Darüber hinaus gebe es eine gute Nachbarschaftshilfe mit den Rettungsdiensten benachbarter Kommunen wie Alsdorf und Baesweiler. Dass die Situation sich in den kommenden Jahren entspannen wird, daran glaubt Rademacher nicht: „Mit gewissen Fehleinschätzungen werden wir auch in Zukunft leben müssen, denn nur so können wir sicherstellen, dass die Leute keine Scheu haben, anzurufen, wenn wirklich etwas ist.“

Zu den Notfällen, in denen dringend die 112 gewählt werden sollte, gehören Herzschmerzen, Atemnot, stark spritzende Blutungen, Stürze aus großer Höhe und Ohnmacht. Bei Fieber unter 40 Grad Celsius und Erkältungserscheinungen wie Husten ist jedoch der kassenärztliche Notdienst der richtige Ansprechpartner. Dieser ist außerhalb der regulären Sprechzeiten, also abends, nachts und am Wochenende, unter 116117 zu erreichen.