Geilenkirchen: Nigeria, Oman und dann Ortsvorsteherin in Grotenrath

Geilenkirchen: Nigeria, Oman und dann Ortsvorsteherin in Grotenrath

Engagiert war sie Zeit ihres Lebens: im sozialen Bereich, in der Kirchengemeinde, im schulischen Leben. Aber niemals in der Politik. Umso überraschter war Theresia Hensen, als sie vor fünf Jahren von dem Grotenrather Ortsvorsteher Alfred Paulus um ein Gespräch gebeten wurde: Der Christdemokrat wollte sich nach den Kommunalwahlen 2009 aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückziehen und war auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger.

„Ich war sehr überrascht und winkte erst einmal ab. Ich sagte, dass das überhaupt nicht möglich sei, weil ich doch Niederländerin bin“, blickt sie zurück. Doch der Geilenkirchener CDU-Stadtverbandsvorstand ließ das Argument nicht gelten. Man müsse EU-Bürger sein und drei Monate in der Stadt leben, in der man kandidiert, zerstreute er ihre Bedenken.

Die Grotenratherin bat um Bedenkzeit, hatte viele schlaflose Nächte. Ihre Familie bestärkte sie in ihrem Vorhaben. Theresia Hensen, die in ihrem Heimatland stets treue CDA-Wählerin gewesen ist, sagte schließlich „Ja“. Und hatte zunächst noch mehr schlaflose Nächte. „Aber es war eine neue Herausforderung. Ich wollte für die Menschen etwas bewirken und ihre Interessen vertreten“, sagt sie heute.

Herausforderungen hat Theresia Hensen in ihrem Leben nie gescheut. Die 1953 im niederländischen Heerlen geborene Kommunalpolitikern wuchs in Ubachsberg bei Voerendaal auf, besuchte hier die Schule, machte im Pflegebereich eine Ausbildung und arbeitete schließlich in einer Heerlener Klinik. In Heerlen lernte sie ihren Mann Franz, einen jungen Studenten des Bauingenieurwesens, kennen.

Als Theresia Hensen 22 Jahre alt war, läuteten für sie die Hochzeitsglocken, das Paar zog nach Übach-Palenberg. Nach der Diplom-Prüfung ihres Mannes fand dieser eine Anstellung bei der Kölner Baufirma Strabag. Ein Jahr später brach das Paar die Zelte in Übach-Palenberg ab und ging nach Nigeria. In Oshogbo baute die Firma ein Walzwerk.

Da der nächste Arzt fünf Autostunden entfernt war, wurde Theresia Hensen gebeten, die medizinische Betreuung der bis zu 150 Arbeiter zu übernehmen. Die junge Frau war für alle Fälle gewappnet: Ein Fachbuch des Tropeninstituts Antwerpen und Anweisungen zur Behandlung von Schlangenbissen waren ihre Begleiter. Ständig stand sie mit dem Arzt in Telefonkontakt, verteilte nach Rücksprache Medizin und impfte gegen Cholera.

Der nächste Supermarkt war zwei Autostunden entfernt, einen Bäcker gab es weit und breit nicht. „Das Brot habe ich dort selbst gebacken“, blickt sie zurück. Und sie hat erfahren: „Uns geht es hier gut, wir klagen auf hohem Niveau. Wenn wir sehen, wie die Menschen in Nigeria leben, können wir nur von Glück reden, dass wir hier unsere Heimat haben.“

1983 ging es zurück nach Deutschland, 1984 wurde Tochter Simone geboren. Ein Jahr später zog die Familie nach Oman, wo ihr Mann an einem neuen Bauprojekt mitarbeitete. „Hier haben wir den Luxus, in Nigeria die andere Seite der Welt kennengelernt“, sagt sie rückblickend.

Die Auslandsaufenthalte haben Theresia Hensen geprägt. „Man muss sich respektieren und akzeptieren, dann kann man gut miteinander auskommen. Das gilt übrigens auch für das Zusammenleben von Christen und Moslems.“

Nach einem Jahr Oman ging es zurück nach Deutschland, in Grotenrath baute die Familie ein schmuckes Haus mit Blick auf die Teverener Heide. 1987 wurde Tochter Susanne geboren. „Wir wollten sesshaft werden, die Kinder sollten in vertrauter Umgebung aufwachsen“, sagt die Ortsvorsteherin.

Die Neu-Grotenratherin engagierte sich in der Schulpflegschaft der Grundschule, später in der Pflegschaft des Gymnasiums. Sie wurde Mitglied im Pfarrgemeinderat und im Rat der Gemeinschaft der Gemeinden Bonifatius Geilenkirchen. Auch in den Besuchsdienst des Geilenkirchener Krankenhauses investierte sie viel Freizeit.

Das vielfältige Engagement war der Grund, warum die Geilenkirchener Christdemokraten auf Hensen aufmerksam wurden. 2009 kandidierte sie erstmals für den Stadtrat und wurde gewählt. Seitdem ist sie Mitglied im Umwelt- und Bauausschuss und im Sozialausschuss. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Ich musste viel lernen, und ich musste schnell lernen.

Denn ich muss schließlich die Interessen der Menschen vertreten, die mich gewählt haben“, erklärt sie. Aber sie versichert auch: „Ich bin sehr stolz, dass die Menschen mir ihr Vertrauen schenken. Deshalb muss man sich auch immer wieder selbst hinterfragen.“ Nach zweijähriger Ratsmitgliedschaft erhielt die Grotenratherin einen der drei Posten des stellvertretenden CDU-Stadtverbandsvorsitzenden. In der vergangenen Woche wurde sie zum zweiten Mal zur Beisitzerin der Kreis-CDU gewählt.

Sicherlich opfert sie viel Freizeit für ihren Ort: Geht es um Gefahrenstellen in Grotenrath, um den baulichen Zustand der Straßen, um wilden Müll in der Landschaft ist sie Ansprechpartnerin. Bei der Kirmes der Cornelius-Bruderschaft macht sie im Festtagskleid ebenso eine gute Figur wie bei runden Geburtstagen und Goldhochzeiten im Dorf.

Und wenn in dem 850-Seelen-Ort die Jugend einen Treffpunkt sucht, steht sie ihr ebenso mit Rat und Tat zur Seite wie all den Vereinen, die das Dorfleben prägen. „Meine Familie steht dabei ganz hinter mir, sonst würde das gar nicht gehen“, weiß sie. Nur in einem Punkt zieht die Familie nicht an einem Strang: Dann nämlich, wenn die niederländische und deutsche Fußball-Nationalmannschaft aufeinandertreffen, zieren zwei Nationalfahnen das Haus Hinter den Höfen.

Aber eines steht jetzt schon für die ganze Familie fest: Im nächsten Jahr wird Theresia Hensen wieder kandidieren. Denn: „Die Arbeit macht auch Spaß.“