Geilenkirchen: Nicht Sklave des Fests werden

Geilenkirchen: Nicht Sklave des Fests werden

Konflikte sind sein Geschäft. Genauer gesagt: Die Lösung derselben. Daher wäre Dominik Mohr gerade jetzt in der stressigen Weihnachtszeit in vielen Familien vermutlich ein gern gesehener Gast. Denn Konflikte im Familien- und Verwandtenkreis sind in der besinnlichen Zeit keine Seltenheit.

„Der Erwartungsdruck an Weihnachten ist für viele Menschen zu hoch. Und es gibt viele zeitfressende Faktoren. Man muss aufpassen, dass man nicht unter das Weihnachtsrad kommt“, sagt der Mediator, Systemische Coach und Kommunikationsberater. In seinem Geilenkirchener Büro unterstützt und berät er Privatpersonen, Unternehmen und öffentliche Institutionen — unter anderem in Konfliktfragen.

Er erlebte den Heiligen Abend 1944 nicht mehr: Alois Gombert, Angehöriger der 340. Volksgrenadierdivision, fiel am 16. Dezember bei Lindern. Die Zeitgeschichtliche Interdisziplinäre Forschungsgruppe hat ihm dieses Kreuz gewidmet. Gombert, geboren in Kalterherberg, wurde nur 18 Jahre Foto: Jan Mönch

Eins vorweg: Mohr sieht sich selbst nicht als Heilsbringer, nicht als Konflikt-Guru. „Ich kenne nicht die Lösungen für alle Probleme. Die Menschen, die zu mir kommen, sollen erst einmal mit-einander sprechen und sich vor allem gegenseitig zuhören. Das ist ganz wichtig. Und dann sollen sie mit meiner Hilfe eine adäquate Lösung selber finden“, beschreibt er seine Herangehensweise.

Weihnachten empfindet der Mediator mittlerweile als reines Geschäft, nicht als Fest oder gar als besinnlich. „In den Fußgängerzonen herrscht die pure Hektik“, findet Mohr. Um diesem Weihnachtsstress zu entfliehen und Konflikten, beispielsweise an Heiligabend, aus dem Weg zu gehen, muss man auch bereit sein, alte Gewohnheiten aufzubrechen und „etwas Neues zu wagen“. Das können Kleinigkeiten sein: Die Geschenke schon vor dem ersten Advent besorgen, oder wenn Opa — wie jedes Jahr — über die zu lange gebratene Weihnachtsgans meckert, einfach mal etwas anderes kochen.

Der Mediator sieht auch kein Problem darin, Familienangehörige auszuladen, wenn ein Streit schon vorprogrammiert ist. „Jeder in der Familie soll etwas von Weihnachten haben. Man darf sich nicht zum Sklaven des Festes machen“, betont Mohr. Oder man sucht sogar das Weite. So hat es auch Mohr mit seiner Familie die letzten vier Jahre gemacht. Rund um die Feiertage ging es in Kurzurlaub. „Uns hat das sehr gut getan“, sagt der zweifache Familienvater. So eine Entscheidung könne die positive Erkenntnis bringen, dass es doch schöner ist, mit der ganzen Familie, einschließlich Oma, Opa und Tante, gemeinsam zu feiern.

„Du gehst mir auf den Keks“

Wem das nicht so einfach möglich ist, wer sich über die Feiertage Gemecker über die schlecht gekleideten Kinder, das nicht gelungene Essen oder die falschen Geschenke anhören muss, dem rät Mohr in den meisten Fällen zu Zurückhaltung. „Wenn der Streit eskaliert, sollte man ihn nicht weiter forcieren und versuchen, sich zurückzunehmen und Verständnis für den anderen zu zeigen“, sagt der 38-Jährige. Dass das nicht immer leicht umsetzbar ist, weiß auch Mohr. Dennoch sei Wertschätzung bei Streitereien sehr wichtig. Ein Satz wie „Ich mag dich, aber was du da sagst, geht mir auf den Keks“ dürfe dann schon mal fallen, findet Mohr.

80 Prozent aller Streitereien — auch solche, die vor Gericht landen — seien mit Mediation lösbar, ist Mohr überzeugt. Entscheidend sei, dass die Bereitschaft der beteiligten Parteien dazu vorhanden ist. „Wenn man miteinander spricht, klärt sich vieles. Viele Konflikte schwelen zu lange. Es würde oftmals helfen, früher Tacheles zu reden.“

Mohr selbst geht einigermaßen entspannt in die Feiertage. Die Geschenke haben er und seine Frau schon lange besorgt. In diesem Jahr suchen Mohr und seine Familie auch nicht das Weite. Es wird zu Hause gefeiert — mit Verwandschaft. Ganz entspannt, hofft er. Doch so ganz ohne Konflikte geht es auch im Hause von Mediator Mohr nicht. „Ich kann meine Kinder doch nicht die ganze Zeit mediatisieren“, scherzt er. „Konflikte gehören zum Leben dazu.“ Entscheidend sei letztlich der Umgang mit ihnen.

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