Gangelt: Neuerungen in der Beerdigungskultur als Chance

Gangelt : Neuerungen in der Beerdigungskultur als Chance

Das Haus im Gangelter Gewerbegebiet strahlt in einem warmen Gelb. Auch im Eingangsbereich wird man von freundlichen Farben begrüßt. Es hängen besinnliche Bilder an den Wänden, und überall gibt es aufmunternde Sprüche. „Der Tod ist schon dunkel genug“, meint Sabine Nordhausen.

So wie das Haus von innen und außen leuchten auch Sabine Nordhausens Augen. Meistens weil sie ihren Beruf mit viel Freude und Leidenschaft ausfüllt. Manchmal weil Tränen in ihren Augen blitzen — auch als Bestatterin darf man Gefühle zeigen. „Was würde es über mich aussagen, wenn mich die Trauer der Hinterbliebenen kalt lassen würde? Die Menschen mögen an mir, dass ich mir Zeit für sie nehme, mit ihnen gemeinsam trauere und ihnen ihre Wünsche erfülle, oder eben die Wünsche ihrer verstorbenen Lieben.“

Es ist noch nicht allzu lange her, dass der Bestatter ein typischer Männerberuf war. Das weiß auch Dieter Mirbach, Vorsitzender der Bestatterinnung im Bezirksverband Aachen. „Ursprünglich ist der Bestatter ein rein handwerklicher Beruf gewesen. Meistens waren es die Schreiner, die den Sarg gebaut und sich um den Transport zum Friedhof gekümmert haben. In den letzten Jahrzehnten sind aber immer mehr Leistungen dazu gekommen, es gibt mittlerweile den Ausbildungsberuf zum Bestatter, der ganz unterschiedliche Anforderungen vereint.“

Komplettes Rundum-Paket

Der Bestatter biete heute ein komplettes Rundum-Paket eines hoch qualifizierten Dienstleisters. „Da sind Bürotätigkeiten und Buchhaltung ebenso gefragt wie Trauerpsychologie, seelsorgerische Tätigkeiten, Grafik-Design bei der Gestaltung von Anzeigen und ähnlichem, Grabmachertechnik, Kremationstechnik und die Konservation.“ Und neben dem sachlichen Nachlass müsse heute auch der digitale Nachlass geregelt werden. „Was geschieht mit dem Facebook-Account, was mit Online-Konten?“

Der Bestatter werde dabei immer mehr zum „Special-Event-Manager“. Mirbach: „Wir organisieren eine einmalige Veranstaltung, für die es keine Generalprobe und keine Möglichkeit der Wiederholung gibt. Und je nach den Wünschen der Verstorbenen oder ihrer Hinterbliebenen kann die Beerdigung schon eine große logistische und organisatorische Herausforderung sein.“

In der Bestattungskultur habe es gerade in den vergangenen Jahren viele Veränderungen gegeben, erzählt auch Sabine Nordhausen, die erst durch ihren Mann zu diesem Beruf gekommen ist. „Ich bin eigentlich Krankenschwester, aber habe schon immer Erfüllung darin gefunden, sterbenden Menschen zur Seite zu stehen.“

Es scheint wohl Schicksal gewesen zu sein, dass sie dann ausgerechnet einen Bestatter kennenlernte und später heiratete. „Ich habe von Anfang an im Familienbetrieb mitgeholfen, aber richtig eingestiegen bin ich erst vor rund zehn Jahren, als mein Mann mich mit zu einem Abschied auf den Friedhof nahm. Der Verstorbene war ein großer Michael-Schumacher-Fan. Er trug seinen Jogging-Anzug mit Autos darauf. Wir hatten alles so organisiert, wie es sich der Verstorbene und die Hinterbliebenen gewünscht hatten, und dann betrat ich die Totenhalle auf dem Friedhof und habe mich erschrocken.“

In der Ecke lagen tote Mäuse, an den Wänden hingen Spinnennetze, und alles war dreckig und grau. „Da habe ich beschlossen, dass ich etwas ändern möchte“, sagt Sabine Nordhausen. „Man hat mir damals gesagt, das sei schon immer so gewesen und ich könne die Welt nicht verändern, aber ich war mir sicher: Doch, wenn man es in kleinen Schritten macht, geht das. Denn die Würde des Menschen ist für mich unantastbar.“

Darum ist es für Sabine Nordhausen in ihrem Trauerhaus in Gangelt auch besonders wichtig, dass sich die Menschen hier wohlfühlen, sowohl jene, die sich schon vor ihrem Ableben um alles selbst kümmern möchten, als auch die Hinterbliebenen. Darum gibt es neben Büro und der Halle für die Trauerfeiern auch einen Abschiedsraum und ein Familienzimmer. In diesem Familienzimmer fühlt sich Sabine Nordhausen besonders wohl. Hier kümmert sie sich um einen Teilbereich, der ihr sehr am Herzen liegt: die Naturbestattungen.

„Der Wunsch der Menschen, sich auf der Wiese, im Wald oder auf See bestatten zu lassen, hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen“, weiß sie. „Auf diese Wünsche habe ich mich spezialisiert. Dies ist vor allem durch die Nähe zu den Niederlanden möglich, wo die Bestimmungen weniger streng und auch die Preise niedriger sind.“ Es gibt Urnen- und auch Sarg-Beisetzungen im Wald. Es gibt anonyme Verstreuungen, Flussbestattungen oder Bestattungen auf See. Sogar das Verstreuen der Asche per Flugzeug oder mit einem Heliumballon ist möglich.

Auch eine Frage des Geldes

„Für diesen Trend gibt es mehrere Gründe. Zum einen hat sich das Verhältnis vor allem der jüngeren Menschen zum Tod verändert. Den Friedhofskult unserer Großeltern gibt es immer weniger.“ Zum anderen sei es auch eine Frage des Geldes, „denn einen Platz auf dem Friedhof zu mieten, kostet schon ein ziemliches Vermögen“, weiß die Bestatterin. „Mir persönlich gefallen die Bestattungen im Wald sehr gut. Da ist es ruhig und friedlich. Es ist keine Grabpflege nötig, und trotzdem gibt es einen Ort, an den die Hinterbliebenen kommen können.“

Jede Beerdigung sei anders, meint Sabine Nordhausen, so wie auch die Menschen unterschiedlich seien. „Der eine möchte eine Urne in den Farben seines Fußballvereins, der andere mag es klassisch.“

Längst nicht mehr sei die Anwesenheit eines Priesters die Regel, „obwohl ich immer noch einmal frage, ob das auch wirklich so gewünscht ist. Denn wenn die Beerdigung einmal vorbei ist, ist es vorbei. Ich versuche, alle Wünsche zu erfüllen. Das einzige, was ich nicht verstehe, ist, wenn Leute gleichgültig sind und ihnen alles egal ist. Wir sind ja schließlich kein Entsorgungsbetrieb. Da müssen sie sich jemand anderen suchen.“