Übach-Palenberg: Nachts spielt die Apothekerin Klavier

Übach-Palenberg: Nachts spielt die Apothekerin Klavier

Endlich mal Zeit zum Durchschnaufen — die hat Apothekerin Veronika Lücker eigentlich kaum. Nur jetzt, im Nachtdienst, nach 23 Uhr, da kommt sie schon mal dazu, sich in Ruhe was zu essen zu bereiten, zu singen oder auf dem Klavier zu spielen. „Ich habe das Glück, direkt über der Apotheke eine Nachtdienstwohnung zu haben“, erzählt sie. Dort steht auch ein Klavier, denn die Apothekerin liebt Musik. Vor allem der Gesang hat es ihr angetan, „aber in der Apotheke singe ich nur, wenn ich mich für die Probe warmsingen muss“.

Das Klavier hingegen kommt öfter zum Einsatz. „Das brauche ich einfach, denn ich bin den ganzen Tag für Andere da, die mit Sorgen und Beschwerden zu mir kommen“, erzählt sie, „und das kann auch schon mal dauern“.

Ein riesiger Schrank voller Medizin ist nur ein Teil der Arbeit von Apothekerin Veronika Lücker, denn der Nachtdienst gehört für sie als Inhaberin der Übacher Christophorus-Apotheke ebenso dazu. Foto (2): Markus Bienwald Foto: Markus Bienwald

Im Nachtdienst ist das nicht anders, auch wenn es in der Pharmazie einen eigenen Rhythmus gibt. In der Zeit zwischen dem Ladenschluss und ungefähr 23 Uhr hat Lücker die meisten Anfragen, danach wird es still. „Vorher kommen Menschen rein, die beim not- ärztlichen Dienst waren“, so Lücker.

Das heißt aber nicht, dass sie sich ab 23 Uhr aufs Ohr legen kann. 24 Stunden bleibt sie wach. Der Nachtdienst endet, wenn sie morgens wieder regulär ihre Apotheke öffnet. „Man hat natürlich im Hinterkopf, dass jederzeit jemand klingeln könnte, und oft muss man ja auch improvisieren, weil die Notdienstpraxis ja nur bis 23 Uhr geöffnet ist.“ Da muss sie hellwach sein.

Gerade geht Lücker die tiefen Schubladen durch, die sich beinahe lautlos ausziehen lassen und schaut nach, welche Medikamente nachbestellt werden müssen. Ruhig und konzentriert. Sie ist nicht nur Pharmazeutin, sondern auch Kauffrau, deshalb muss sie sich jetzt Sachen widmen, die tagsüber manchmal liegenbleiben. Da wird die Buchführung ergänzt oder es werden nicht ganz so dringende E-Mails bearbeitet.

„Ich sehe mich als Apothekerin immer auch als Schnittstelle in der Gesundheitsberatung, wir stellen oft andere Möglichkeiten vor, ohne dem Arzt dann in seine Arbeit reinreden zu wollen“, spricht sie aus Erfahrung. Und die ist ein Schatz, denn Veronika Lücker stammt selbst aus einer Alsdorfer Apothekerfamilie. „Meine Tochter Viola ist auch schon mal beim Nachtdienst oder in ihrer freien Zeit dabei, die hilft auch schon mit“, sagt sie. Wie Veronika Lücker als Jugendliche in der elterlichen Apotheke selbst. „Wir Kinder haben immer mitgeholfen, wenn es zum Beispiel Preisänderungen gab“, blickt sie zurück, „da wurden Preisschilder abgeknibbelt und alles neu beschriftet.“

Heute, ein paar Jahrzehnte später, kennt sie die ganze Bandbreite des Apothekerberufs. Alle zehn Tage muss sie den Notdienst übernehmen, das ist Pflicht: Geilenkirchen und Übach-Palenberg bilden einen Apothekenbezirk, zwei Apotheken haben vor einer Weile geschlossen, es bleiben: zehn.

Inzwischen hat Lücker die Bestände gesichtet, geht nun Angebote durch und kontrolliert die Kassenbestände.

Sicher, dass sie diese Laufbahn einschlagen will, war sie sich bis kurz vor ihrem Schulabschluss zunächst nicht. „Ich habe zuerst überlegt, Medizin zu studieren, Biologie war auch eine Sache“, erzählt sie. Zur Pharmazie kam sie am Ende auch aus praktischen Erwägungen, als vierfache Mutter war es für sie attraktiv, als angestellte Apothekerin eine Halbtagsstelle anzutreten.

„Früher habe ich mir gedacht: Das machste anders“, sagt sie mit Blick auf ihr Elternhaus. Doch spätestens mit der Selbstständigkeit — seit fünfeinhalb Jahren ist sie Inhaberin der alteingesessenen Christophorus-Apotheke — hat sie festgestellt, dass es ein Beruf ist, der sehr viel fordert. 14 Stunden kommen da schon mal pro Tag zusammen — die Aufgaben, die sie in ihrer Familie gerne mit übernimmt, eingerechnet. „Ich muss mehr da sein, als ich mir das anfänglich vorgestellt habe, aber ich mache das mit Leib und Seele, es ist meine Berufung.“ Das merken auch die Menschen, die täglich in ihre Apotheke kommen: Da wird ausführlich beraten, auch wenn mal weniger Mitarbeiter da sind und der Laden brummt.

Inzwischen ist es bald Mitternacht, seit fast einer Stunde hat sich kein Kunde blicken lassen. Spannend, da ist sich Veronika Lücker sicher, ist dieser Beruf aber in all seinen Facetten, auch ohne Publikumsverkehr. Insbesondere in der Selbstständigkeit. „Denn das ist in Verbindung mit einer Familie ideal, meine Tochter sieht mich, ich bin greifbar, wenn etwas ist“, sagt sie und lacht.

Mehr Zeit hätte sie gerne fürs Joggen. Aber Yoga sei gebe ihr auch viel Energie zurück. Fast so wie die Musik. „Ich kann noch so kaputt zur Probe gehen, nachher bin ich hellwach und gehe gut gelaunt nach Hause.“ Und während sie das sagt, blitzen auch in diesem Nachtdienst, den sie zwar nicht liebt, den sie aber als Teil ihrer Berufung akzeptiert hat, ihre Augen auf.

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