Nach Einbrüchen im Kreis Heinsberg ist ein Angeklagter verschwunden

Einbrüche im Kreis Heinsberg : Wenn die Justiz sich selbst ein Bein stellt

Ein mutmaßlicher Einbrecher und wichtiger Zeuge, der gemeinsam mit einer Gruppe von fünf weiteren Angeklagten im Kreis Heinsberg aktiv gewesen sein soll, ist trotz Verfahrens aus der U-Haft entlassen worden. So hatte es das Oberlandesgericht Köln verfügt. Jetzt ist der Mann offenbar verschwunden.

Am Aachener Landgericht hat der Prozess gegen fünf Angeklagte begonnen, die für eine Serie von Einbrüchen im Kreis Heinsberg verantwortlich gemacht werden. Der erste von vier Verhandlungstagen verlief aus Sicht der Anklage allerdings eher unbefriedigend. Denn der Vorsitzende Richter Jürgen Beneking scheint sein Urteil fällen zu müssen, ohne den wichtigsten Zeugen gehört zu haben: Ramadan H. Der nämlich ist vor Prozessbeginn aus der Untersuchungshaft entlassen worden und seitdem verschwunden.

Plötzliche Lebensbeichte

H. ist die zentrale Figur in dem gesamten Verfahren, das im vergangenen Sommer durch reinen Zufall seinen Lauf genommen hat. Der Libyer wurde damals in der Gemeinde Gangelt von Beamten der Heinsberger Kreispolizei aufgegriffen. Weil Grund zu der Annahme bestand, dass H. sich illegal in Deutschland aufhält, wurde er auf die Wache mitgenommen. Dort soll H. praktisch aus heiterem Himmel eine Art Lebensbeichte abgelegt haben, er berichtete von Einbrüchen, die er gemeinsam mit Komplizen begangen habe. Vorangegangen war wohl ein Streit um die Beute, die in Privathäusern, Vereinsstätten, einem Kindergarten und einem Supermarkt in den Gemeinden Selfkant und Gangelt und in der Stadt Hückelhoven gemacht worden war. H. präsentierte umfangreiches Täterwissen, er  nannte Namen, und so gerieten neben seiner selbst fünf weitere Personen ins Visier der Polizei.

Die Ermittlungen schritten zügig voran: Nur einige Wochen nach dem Zufallstreffer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage: gegen H. am Geilenkirchener Schöffengericht und gegen seine fünf mutmaßlichen Komplizen am Aachener Landgericht. Von da an lief die Sache allerdings nicht mehr ganz so rund.

Schon die Verhandlung gegen H. in Geilenkirchen im Dezember war ein Misserfolg. Das lag am Angeklagten selbst, dessen Aussagebereitschaft zwischenzeitlich deutlich nachgelassen hatte. Die Richterin brach die Verhandlung damals nach rund einer Stunde entnervt ab, weil H. seine Beteiligung an den Taten nun teilweise leugnete und seine Einlassungen auch sonst ziemlich konfus ausfielen. Die Verhandlung wurde auf Februar vertagt (siehe auch Ausgaben 12. und vom 13. Dezember). Die Richterin nahm an, dass H. bis dahin in der Justizvollzugsanstalt Aachen in Untersuchungshaft bleiben würde. Die Entscheidung darüber oblag allerdings dem Oberlandesgericht (OLG) Köln, wo man zu anderer Auffassung gelangte und die Beendigung der Untersuchungshaft anordnete.

Wo H. sich mittlerweile aufhält, weiß niemand, es ist gut möglich, dass er sich ins Ausland abgesetzt hat. Er lebte in den vergangenen Jahren nach eigener Aussage in Belgien und den Niederlanden, eine Meldeadresse, an der man nach ihm suchen oder an die man ihm zumindest Vorladungen schicken könnte, ist den deutschen Gerichten nicht bekannt. Es bleibt also nur die Hoffnung, dass H. aus freien Stücken zu seiner Verhandlung im Februar erscheint, was angesichts der Tatsache, dass ihm eine mehrjährigen Gefängnisstrafe droht, eher eine Überraschung wäre. Erscheint H. nicht, wird durch das Amtsgericht in Geilenkirchen ein Haftbefehl ausgestellt werden, um ihn zurück in die Untersuchungshaft zu bekommen, dessen Beendigung die Kollegen aus Köln zuvor angeordnet haben.

Der Sprecher des OLG in Köln, Dr. Ingo Werner, erklärte unserer Zeitung dazu, dass das OLG zwischen Fluchtgefahr und Tatverdacht auf der einen Seite und der Verhältnismäßigkeit der Untersuchungshaft auf der anderen Seite habe abwägen müssen. Wichtig sei die sogenannte Sechs-Monats-Grenze. Diese besagt, dass die Fortdauer der U-Haft nach einem halben Jahr zu prüfen ist. „Der Senat hat die Verhältnismäßigkeit der U-Haft verneint, weil in Haftsachen das besondere Beschleunigungsgebot gilt“, so Werner. Anders ausgedrückt: Das Geilenkirchener Amtsgericht hätte sich aus Kölner Sicht mehr beeilen müssen.

Die Freilassung H.s hat nun auch dem großen Prozess in Aachen Sand ins Getriebe gestreut. Denn dort wiederum war H. für den ersten Verhandlungstag diese Woche als zentraler Zeuge geladen. Die Anklage hatte gehofft, dass er seine mutmaßlichen Komplizen erheblich belasten würde, so wie er es ja auch bei der Polizei in Heinsberg getan hatte. H. blieb dem Termin in Aachen jedoch unentschuldigt fern.

Nun muss die Beweisführung aller Voraussicht nach ohne ihn stattfinden. Für den zweiten Verhandlungstag kommende Woche sind eine Mitarbeiterin des geschädigten Supermarkts, ein geschädigter Hückelhovener Hausbewohner und ein Polizeibeamter als Zeugen geladen. Der Polizist dürfte vor allen Dingen dazu befragt werden, was H. in seiner Vernehmung durch die Polizei gesagt haben soll. „Das Verfahren ist nicht in Gefahr“, betont Dr. Daniel Kurth, Sprecher des Aachener Landgerichts.

Bei den in Aachen Angeklagten handelt es sich um vier Männer und eine Frau. Zwei der Männer und die Frau sind Deutsche, die beiden anderen Männer haben die niederländische beziehungsweise die tunesische Staatsangehörigkeit. Drei der Männer sollen von März bis Juni vergangenen Jahres verschiedene Einbruchsdelikte verübt haben, die beiden weiteren Angeklagten werden für Beihilfe zu einem kleinen Teil der Taten verantwortlich gemacht.

Alle fünf Angeklagten ließen gleich zu Beginn der Verhandlung über Ihre Anwälte ausrichten, dass sie von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch und sich zu den erhobenen Vorwürfen nicht einlassen werden.

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