Übach-Palenberg: Mehr als ein Bestattungsinstitut

Übach-Palenberg: Mehr als ein Bestattungsinstitut

Das Telefon klingelt. Das dritte Mal schon in wenigen Minuten. Nichts Ernstes. Nur Formalien. Silvia Vieten sitzt an ihrem Schreibtisch, arbeitet am Computer und koordiniert ihre bald anstehenden Termine. Im gesamten Gebäude duftet es herrlich frisch und es ist warm, angenehm warm. Es ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann, ein Ort, an dem man eine solch positive und friedliche Stimmung vorfindet, wie man sie hier vielleicht nicht erwartet hätte — im Bestattungsinstitut „Reich der Engel“ in Übach-Palenberg.

Es ist 17 Uhr. Silvia Vieten kümmert sich um Danksagungen und hat noch Kleinigkeiten zu erledigen. Am nächsten Tag steht eine Beerdigung in ihrem Terminkalender. Der Tote ist schon vorbereitet. Sie hat ihn gewaschen, angezogen und in einen hölzernen Sarg gebettet. Oben darauf befindet sich ein goldfarbenes Kreuz. „Die Familie hat einen wunderschönen Sarg ausgesucht“, sagt sie.

Silvia Vieten in ihrem Bestattungsinstitut „Reich der Engel“. In den hellen und gut duftenden Räumlichkeiten herrscht eine friedliche Stimmung. Fotos (2): Laura Beemelmanns Foto: Laura Beemelmanns

Die Leiche bleibt so lange in ihrem Kühlhaus, bis sich die Familie von ihrem Angehörigen verabschiedet hat. „Durch die Kühlung halten wir den Verwesungsprozess ein wenig auf“, erklärt Vieten.

Silvia Vieten ist Bestatterin aus „Berufung“, wie sie es beschreibt. Seit zehn Jahren ist die 45-Jährige in diesem Job tätig. Seit zehn Jahren hat sie sich keinen einzigen Tag Urlaub gegönnt. Die Bestatterin mit der blonden Mähne und den strahlend blauen Augen ist 24 Stunden täglich im Dienst. Gestorben wird immer.

„Ich muss immer mit einem Anruf rechnen. Und dann muss ich sofort los, ganz egal, ob ich schlafe oder auf einer Fete bin“, sagt sie. Dann, wenn ein solcher Anruf kommt, muss sie sich schnellstens von einer Situation in die nächste hineindenken, von der Fete zum Todesfall, vom Traum in die Realität.

In diesem Moment ist sie Seelentröster, Bestatter und auch Freund. Sie fährt mit ihrem Leichenwagen zu dem Ort, an dem ein Mensch aus dem Leben schied, muss trösten und ihren Job gewissenhaft erledigen.

Am Telefon erfährt sie, was passiert ist. Kann sich ein wenig auf die Situation einstellen. „Wenn es ein Kind ist, hat man generell Probleme“, sagt sie. Doch sie distanziert sich von den Fällen. In diesem Moment ist sie Bestatterin, spricht mit den Angehörigen, beruhigt sie, und nimmt die Leiche mit. „Am häufigsten sterben die Menschen zu Hause“, weiß sie aus Erfahrung.

Nur selten wolle jemand mit der Leiche länger in einem Raum sein oder in einem Bett schlafen. Und egal, wie spät es ist, Silvia Vieten fährt mit dem Verstorbenen in ihr Institut. „Je nachdem, wie die Angehörigen mit der Situation zurechtkommen, frage ich schon nach Kleidung für den Toten.“ Dann wäscht sie ihn in ihrem Hygieneraum. Und zieht ihn an. Die Nacht verbringt er im Kühlhaus. Sie im Bett — bis der nächste Anruf kommt.

„Es stirbt nicht jeden Tag jemand“, weiß Vieten. Und wenn doch, muss alles ganz schnell gehen. Die 45-Jährige muss überprüfen, ob der Totenschein vom Arzt ausgestellt wurde, sonst darf sie die Leiche nicht mitnehmen. Je nachdem, ob die Person in der Nacht oder am Tag gestorben ist, führt sie nach wenigen Stunden oder am nächsten Tag das Trauergespräch mit den Angehörigen.

Sie müssen entscheiden, ob es eine Erd- oder Feuerbestattung werden soll, Sarg oder Urne aussuchen und den Beisetzungsort auswählen. Die Bestatterin fragt dann noch nach der Konfession, führt ein Gespräch mit dem Pastor, kontaktiert das Friedhofsamt, schaltet eine Todesanzeige in der Zeitung, erstellt Karten und organisiert — je nach Wunsch — einen Beerdigungskaffee, bestellt Blumen und kreiert „Erinnerungsbildchen“, wie sie die Totenzettel liebevoll umschreibt.

All das hat Silvia Vieten schon erledigt. Jetzt muss sie nur noch den Sarg zum Friedhof bringen. Dort trifft sie etwa eine Stunde vorher ein, schmückt den gesamten Raum mit Blumen, Kerzen und Gestecken sowie einigen Bahnen Stoff. Sie versucht alles so zu gestalten, dass es harmonisch und friedlich wirkt.

Dieses Prinzip setzt sich sowohl in ihrem Bestattungsinstitut als auch im schwarzen Leichenwagen fort. Überall finden sich Engel und freundliche Farben. Im Leichenwagen leuchtet ein Sternenhimmel, die Wandverkleidung zeigt Lilien, Spiegel lassen den Innenraum größer wirken. Sie wollte es so. „Meistens gibt es Vorlagen für die Fahrzeuge, doch ich wusste ganz genau, was ich wollte. Auch wenn viele sagen, dass der Tote es nicht mehr sehen kann, die Angehörigen sehen es.“ Und sie wollte noch mehr.

„Ich habe fünf Jahre lang in einem kleinen Institut gearbeitet, wollte aber immer etwas Größeres, etwas Angemesseneres. Eines Tages beerdigte ich ein Kind und wartete am Friedhof auf die Eltern. Ich dachte nur: ,liebe Engel, es kann doch nicht sein, das sich die Mutter von ihrem Kind in diesem Umfeld verabschieden muss, ich möchte endlich neue Räume haben.‘

Drei Wochen später verkauften die Zeugen Jehovas in Übach-Palenberg ihr kleines Gotteshaus. Dann habe ich zugeschlagen. Und ich habe den Engeln ein Denkmal versprochen, wenn sie mir helfen. Das steht heute auf der Einfahrt.“ Es ist eine große Engelstatue, die „das Reich der Engel“ schmückt und an diese Geschichte erinnern soll.

In ihrem heutigen Bestattungsinstitut gibt es zwei Abschiedsräume mit einer Besonderheit. „Jeder Raum verfügt über ein kleines Fenster. Das erleichtert den ersten Blick auf den Verstorbenen. Jeder, der durch das Fenster geblickt hat, ist auch rein gegangen. Ich schmücke den Raum mit vielen Blumen, so dass der Tote fast friedlich und glücklich wirkt. Darüber sind die Angehörigen sehr froh“, sagt sie.

Abschied zu nehmen sei nie einfach. Doch Silvia Vieten hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen so schön wie es eben möglich ist, zu gestalten. Daher bietet sie auch an, Fingerabdrücke zu nehmen. Diese leitet sie an den Goldschmied ihres Vertrauens weiter, der auf Wunsch der Familie ein Schmuckstück daraus anfertigt.

Dann klingelt wieder das Telefon. Eine Angehörige hat Fragen bezüglich der Beerdigung. Sie möchte wissen, ob der Sarg bei Anwesenheit der Familie hinuntergelassen wird oder nicht. Silvia Vieten spricht mit ihr, erklärt ihr die Möglichkeiten und wie die Frau am Telefon am besten vorgeht. Sie legt auf. Heute ist niemand gestorben.

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