Geilenkirchen: Marienberg: Neue Heimat für sechs schwer erziehbare Kinder

Geilenkirchen: Marienberg: Neue Heimat für sechs schwer erziehbare Kinder

Sie sind aggressiv, wahrnehmungsgestört und konfliktunfähig. Bevor geredet wird, gibt es „was auf die Fresse”. Sie sind lernbehindert oder haben eine seelische Behinderung. Und allesamt sind sie Schulverweigerer.

Ihre Eltern kommen aus dem entsprechenden Milieu, sind oft Langzeitarbeitslose in der dritten Generation und gehören zur bildungsfernen Schicht. Sechs Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren, die durch die Raster der Jugendhilfe gefallen sind, werden ab Dezember in Marienberg eine neue Heimat finden. In dem evangelischen Kirchengebäude hat die evangelische Stiftung Hephata Räumlichkeiten angemietet, in der eine intensivbetreute Wohngruppe untergebracht wird.

In ganz Nordrhein-Westfalen macht die Hephata mit Stammsitz in Mönchengladbach in 30 Orten eine Vielzahl von Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien. Dabei handelt es sich um stationäre, teilstationäre und ambulante Hilfen, in der Regel für lernschwache, geistig behinderte und seelisch behinderte Kinder. In der ehemaligen evangelischen Kirche in der Marienberger Schulstraße will die Hephata-Jugendhilfe ein ganz „neues und besonderes Projekt starten”, wie Diplom-Sozialpädagoge Dieter Köllner, seit 1996 Leiter der Hephata-Jugendhilfe, es ausdrückt.

„Diese intensivbetreute Wohngruppe ist eine Alternative zur geschlossenen Unterbringung”, sagt Köllner. „Hier werden die Jugendlichen nicht weggesperrt, sondern nach dem Motto ?Menschen statt Mauern hoch-dicht betreut”, fügt Dieter Kalesse, Leiter der Abteilung Kommunikation, hinzu. Furcht vor den Jugendlichen müsse die Marienberger Bevölkerung keinesfalls haben, betonen beide unisono. „Hier muss niemand Angst haben, weil Profis mit den Jungen arbeiten”, sagt Dieter Köllner, Pädagoge mit 30-jähriger Berufserfahrung, Boys-Instructor und Box-Instructor.

„Beim Boxen lernen die Jugendlichen, zielgerichtet zu handeln. Sie bekämpfen ihre Aggression, verschaffen sich Respekt, lernen, einen Vertrag abzuschließen und einzuhalten. Sie müssen sich an Regeln halten”, sagt Köllner und weist darauf hin, dass bei der Hephata-Jugendhilfe insgesamt 70 Jugendliche in Trainingsgruppen aktiv sind. Der Sozialpädagoge setzt auch sonst auf sportliche Angebote. So stehen für die Jugendlichen Kanu-Fahrten, Klettern, Freilandklettern in der Eifel und erlebnispädagogische Exkursionen auf dem Programm. Wichtigster methodischer Ansatz Köllners ist die Erlebnispädagogik, durch die Durchhaltevermögen, Kreativität und Teamfähigkeit gefördert würden, also erlebnispädagogische Angebote statt pädagogischer Resignation.

Jeder Jugendliche wird in Marienberg in einem Einzelzimmer untergebracht. Gemeinsam werden sie dann in einem Klassenraum von Lehrern der heimeigenen Förderschulen unterrichtet. „Dieser Unterricht ist eher praxisorientiert. Wir haben viele Schulverweigerer dabei, die müssen erst einmal an Regelmäßigkeit gewöhnt werden. Wir wollen die Jungen erst einmal fit machen für eine öffentliche Schule”, erklärt Köllner. Eine spätere Rückführung in die Familie hält der Pädagoge für eine Utopie. „Ziel ist eher, sie in eine normalen Heimeinrichtung zu integrieren. Derzeit sind sie in regulären Heimen Systemsprenger”, erklärt er. „Hier geht es hauptsächlich um die Vermittlung von Werten”, ergänzt Kalesse.

Zwei Jahre werden die Jugendlichen hier untergebracht. Betreut werden sie rund um die Uhr. Die Hephata-Jugendhilfe will hier vier Vollzeit- und acht Teilzeitkräfte einstellen. 270 Euro kostet die Unterbringung pro Tag und pro Person. Für die Kosten kommen die betroffenen Jugendämter auf. „Ein Platz im Jugendgefängnis wäre teurer, der kostet 400 Euro am Tag”, weiß Köllner.

„Auch eine geschlossene Jugendhilfe wäre teurer, denn sie ist wie ein Hochsicherheitstrakt. Andererseits geben wir die Perspektive nicht auf, dass diese Menschen gesellschaftlich gefestigt werden”, meint Dieter Kalesse. „Die Jungen sind lebhaft und haben Energie. Ziel unserer Arbeit ist, dass sie die Energie konstruktiv und nicht destruktiv einsetzen. Das ist harte Arbeit, aber es lohnt sich”, weiß Köllner, der pro Jahr mit seinen Mitarbeitern 300 Jugendliche betreut. „Und jedes Jahr haben wir hundert neue Anfragen.”

In dem weißen Gemeindezentrum an der Schulstraße hat Hephata ausreichend Platz für die Unterkünfte der Jugendlichen und für Büro, Bereitschafts- und Schulungsraum, Küche, Speiseraum, für eine kleine Turnhalle und einen Medien- und Veranstaltungsraum angemietet. In letzterem sollen Hörspiele entstehen und Videoprojekte umgesetzt werden. „Ein Traum wäre es, hier ein Theaterstück einzustudieren und es der ganzen Gemeinde präsentieren zu können”, blickt Köllner mit einer großen Portion Optimismus nach vorne. Doch vorher müssen kleinere Schritte erfolgen: In den mit Kicker, Billard und Tischtennisplatte ausgestatteten Jugendkeller will der Sozialpädagoge in Absprache mit dem Jugendbetreuer der Kirchengemeinde auch Jugendliche aus dem Ort einladen.

Wenn die sechs Jugendlichen nach zwei Jahren Marienberg verlassen, ist das Projekt nicht beendet. Dann wird Köllner sechs andere Jugendliche auswählen, die durch das Raster der Jugendhilfe gefallen sind.