Lesben und Schwule: Beratungsstelle in Geilenkirchen

Informationsangebot : Neue Beratungsstelle für lesbische und schwule Jugendliche

„Die Selbstmordrate unter lesbischen und schwulen Jugendlichen ist sieben Mal höher als bei heterosexuellen jungen Leuten. Das Hauptmotiv der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Einsamkeit.“

Peter Barwinski, Leiter des Jugendhauses Franz von Sales, nannte viele weitere Zahlen und Fakten, als er in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses sein Regenbogenprojekt vorstellte. Mit diesem Projekt will er in Geilenkirchen ein Beratungs- und Unterstützungsangebot für junge Menschen der LSBT*-Gruppe - Lesben, Schwule, Bisexuelle, Tanssexuelle, Transgender und Intersexuelle – einrichten. Für dieses im Kreis Heinsberg einzigartige Projekt hatte Barwinski einen Zuschuss in Höhe von 12.000 Euro beantragt, den der Ausschuss einstimmig gewährte.

Der Grundstein für dieses Projekt wurde im vergangenen Jahr beim Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf mit 10.000 Fachteilnehmern gelegt. „An einem Informationsstand über sexuelle Vielfalt habe ich lange Gespräche geführt“, blickte Barwinski zurück.

Bei diesen Gesprächen sei ihm bewusst geworden, dass es im Kreis Heinsberg keine Angebote für lesbische und schwule Jugendliche und junge Erwachsene gebe. „Mir war gar nicht klar, wie vielfältig diese Welt ist. Sieben Prozent der Jugendlichen sind schwul oder lesbisch. Dazu kommen noch eine Dunkelziffer und die bi- und transsexuellen jungen Leute, die nicht erfasst sind. Somit sind etwa zehn Prozent der Jugendlichen angesprochen.“ Täglich seien auf den Schulhöfen Ausdrücke wie „schwule Sau“ oder „Kampflesbe“ als Schimpfworte oder als Ausdruck des Missfallens zu hören.

Groß seien deshalb die Ängste vor dem Outen. „Diese Jugendlichen brauchen eigentlich einen Gesprächspartner. Sie ziehen sich aber zurück, verstecken sich. Sie treten nicht mehr in Erscheinung. Es gibt sie aber überall mit ihren Nöten“, sagte Barwinski, der dem Ausschuss weitere Fakten nannte. Demnach haben 73,9 Prozent dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen Angst vor Ablehnung durch den Freundeskreis, 69,4 Prozent Angst vor Ablehnung durch Familienmitglieder und 60,5 Prozent Angst vor Problemen in Schule oder Ausbildung.

„Diese Ängste sind berechtigt“, weiß Barwinski. Denn „82 Prozent haben Diskriminierung erlebt und 60 Prozent aller jungen Schwulen Gewalterfahrung.“ 70 Prozent aller Jungen und 50 Prozent aller Mädchen hätten eine Abneigung gegen Gleichaltrige der LSBT*-Gruppe. „20 Prozent aller Mütter und 25 Prozent aller Väter lehnen sogar ihr eigenes Kind ab, wenn es sich zu einer dieser sexuellen Ausrichtungen bekennt.“ Der Rückzug in die Isolation und Einsamkeit, die Flucht in Drogenkonsum und die Empfänglichkeit für „schlechte Freunde“ seinen oft die Folgen.

Von den 400 bis 500 LSBT*-Jugendlichen hätten erfahrungsgemäß etwa 15 Prozent Beratungsbedarf. „Dazu kommen Eltern und Geschwister oder sogar Fußballtrainer, die helfen wollen“, sagte Barwinski. Die nächsten Selbsthilfegruppen seien in Aachen und Mönchengladbach, die nächsten professionellen Beratungsstellen in Köln und Düsseldorf. Er wolle nun in Geilenkirchen eine Onlineplattform, E-Mail-Beratung und persönliche Gespräche durch einen pädagogisch geschulten Mitarbeiter anbieten. Das Projekt sei zunächst für 18 Monate angelegt.

„Was ist eigentlich normal?“, fragte Barwinski abschließend und erhielt für seinen Vortrag viel Beifall von den Ausschussmitgliedern.

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