„Wir leben davon, dass so viele kommen“: Junggesellenverein-Vorsitzender über Klischees und schnelles Internet

„Wir leben davon, dass so viele kommen“ : Junggesellenverein-Vorsitzender über Klischees und schnelles Internet

Im Junggesellenverein finden sich die Junggesellen zusammen, so viel ist klar. In Geilenkirchen-Beeck gibt es so einen Verein. Er hat 43 aktive und um die 60 passive Mitglieder, die Männer sind zwischen 16 und 32 Jahre alt.

Im Gespräch mit Marie Eckert spricht der Vereinsvorsitzende Jens Zimmermann (22) über Klischees, Maikönige, schnelles Internet und darüber, ob der Verein überhaupt noch zeitgemäß ist.

Ihr genießt im Verein das Junggesellenleben. Heiraten die Mitglieder bei euch überhaupt noch?

Jens Zimmermann: Ja. Wir haben auch eine Hochzeit von einem Vereinsmitglied bevorstehen. Da ist es dann so, dass nach der kirchlichen Hochzeit ein paar Junggesellen davor stehen und den Bräutigam mit dem Bierfass empfangen, und dann darf er noch mal das Bierfass rollen. Also das volle 50-Liter-Fass. Das ist eine Anlehnung an unser legendäres Bierfass-Rollen am Kirmesmontag. Da geht’s um die Wette, und der Erste kriegt einen Pokal.

Danach ist der Spaß bei euch aber endgültig vorbei?

Zimmermann: Vergeben und Kinder haben ist okay, aber mit dem Tag der Heirat ist man raus. Man wird dann passives Mitglied. Die Passiven sind bei verschiedenen Veranstaltungen immer noch dabei. Beim Bierfass-Rollen gibt es zum Beispiel eine Kategorie für Passive. Aber die Älteren tun sich da meistens sowieso schon ein bisschen raus mit der Zeit, auch unverheiratet, die haben dann ja oft schon Freundin und Kinder. Da fehlt dann vermutlich die Zeit für so viel Spökes, wie wir ihn machen.

Was denn zum Beispiel?

Zimmermann: Im Großen und Ganzen dreht sich alles um die Kirmes. Es ist eine Tradition, die Kirmes auszurichten. Der Aufbau die Tage davor ist schon immer extrem lustig. Und früher war das so, dass sich ein paar der Junggesellen morgens nach der Kirmesfeier getroffen haben und mit einer Blechtrommel durch die Straßen gelaufen sind, um die anderen Junggesellen aus dem Bett zu holen. Wir sind auch ein bisschen die Krawallmacher. Wir sind halt jung, und man ist ja nur einmal jung.

Noch mal fürs Verständnis: Wenn ich nie heirate, darf ich also für immer im Verein bleiben?

Zimmermann: Genau.

Gab’s das schon mal?

Zimmermann: Nein, ich glaube, den Fall hatten wir noch nicht.

Zögern manche von euch die Hochzeit raus, damit sie länger aktives Mitglied sein dürfen?

Zimmermann: Das weiß ich nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen (lacht). Letztes Jahr hat einer von uns geheiratet, und der hat dann sein letztes Jahr als Aktiver noch mal so richtig genutzt und alles mit uns mitgemacht.

Kann man nach einer Scheidung wieder eintreten?

Zimmermann: Da habe ich mich noch gar nicht mit befasst – ich bin nicht mal sicher, ob das in unserer Satzung steht (lacht). Den Fall gab es einfach noch nicht.

Gibt es sonst Bedingungen, außer unverheiratet und offenbar ungeschieden zu sein?

Zimmermann: Mitglied werden können alle ledigen Männer und Jugendliche ab 16. Wir haben eine Aufnahmeprüfung, bei der man seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellen muss: Man muss einen Liter frisch gezapftes Bier in einem Zug trinken, ohne abzusetzen.

Hat man dafür eine zweite Chance?

Zimmermann: Eigentlich nicht. Einer hat es erst im zweiten Versuch geschafft, aber er ist trotzdem nachher ausnahmsweise reingekommen.

Sind das alles Beecker?

Zimmermann: Fast alle, die in Beeck waren, waren auch im Junggesellenverein. Aber auch manche, die nach Beeck gezogen sind, holen wir in den Verein rein. Es kommen auch Leute aus den umliegenden Orten zu uns. Wer Lust und Laune hat und den Liter Bier schafft, kann in den Verein kommen. Ich hab noch nie erlebt, dass irgendwer abgelehnt worden ist. Warum auch, wir sind ein sehr offener Verein.

Die Aufnahmeprüfung mit Alkohol ist schon ein Vorurteil von Städtern gegen Dörfler, also das Klischee, dass gern getrunken wird…

Zimmermann: Ja, schon.

Mit welchen Vorurteilen habt ihr sonst zu tun?

Zimmermann: Ich weiß nicht, vielleicht, dass wir hinterwäldlerisch seien. Wir sind ein Ort mit 500 Leuten, vielleicht haben wir mehr Kühe als Einwohner (lacht). Aber das sagt nichts aus. Wenn ich mal in den Verein gucke: Wir haben Maschinenbau-Studenten, Medizinstudenten, BWLer, also viele bunt gemischte Leute. Natürlich haben wir auch den klassischen Maurer und Schreiner. Aber man kann nicht sagen, dass wir hinterwäldlerisch sind. Inzwischen haben wir sogar Glasfaser – und schnelleres Internet als in Berlin. Was will man mehr?

Würde der Verein auch in der Großstadt funktionieren?

Zimmermann: Schwierige Frage. Das liegt ja daran, wie gut der Zusammenhalt im Viertel ist. Wir leben auch davon, dass zu den ganzen Veranstaltungen so viele Leute kommen. Ich weiß nicht, ob sich die Städter dafür interessieren, ob man jetzt Junggeselle ist oder nicht. Ich kann mich in die Städter nicht so gut hineinversetzen. Und ich finde es schade, dass so viele Leute aus dem Dorf wegziehen.

Ist Junggeselle und Vorsitzender des Beecker Vereins: Jens Zimmermann. Foto: Marie Eckert

Bist du selbst ein Ur-Beecker?

Zimmermann: Ich bin in Geilenkirchen geboren, aber ich wohne schon immer im Ort. Wenn ich hier durch die Straße laufe, kennt mich jeder. Jeder kennt jeden. Hier kommt auch nichts weg, außer vielleicht ein Bier, das ich auf der Straße stehen lasse (lacht).

Was macht ihr neben der Kirmes?

Zimmermann: Wir machen jedes Jahr Ausflüge. Dieses Jahr ist noch eine Kneipentour in Köln geplant. Und wir veranstalten jedes Jahr ein Oktoberfest, und es gibt einen Glühweinabend im Dezember und eine Veranstaltung zu Silvester. Und zur Kirmes stellen wir jedes Jahr das Maikönigspaar und vier Gefolgepaare.

Wie kann ich Maikönigin werden?

Zimmermann: Wir treffen uns im März, und dann werden die ganzen Beecker Frauen versteigert. Also alle die, die keinen Freund haben oder die Freundinnen von denen sind, die im Verein sind, und zum Kirmeszeitpunkt 16 Jahre alt sind. Die werden nach dem amerikanischen Prinzip versteigert: Der Letztbietende bekommt das Mädchen und ist Maikönig.

Und dann?

Zimmermann: Dann wird abgestuft – erstes, zweites, drittes und viertes Gefolgspaar. Einer läuft mit einem Hammer herum und es geht eine Schale herum, in die alle Geld reinwerfen. Das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, aber wir sind nicht der einzige Verein, der so etwas macht.

Durchaus ungewohnt, ja. Aber das heißt, auf die vierte Frau haben weniger Männer geboten als auf die dritte oder gar die Maikönigin…

Zimmermann: Ja, das hat aber gar nicht so viel mit den Frauen zu tun. Man muss ja auch als Mann Maikönig werden wollen.

Ist denn der Verein noch zeitgemäß?

Zimmermann: Das kann man sich ja so auslegen, wie man will. Gerade als Junggesellenverein kriegen wir dauernd einen jungen, frischen Vorstand, da bleibt auch die Tradition jung, weil immer ein Wechsel drin ist. Klar ist manches auch fest, das Datum der Kirmes oder unsere Kleiderordnung. Aber da sind andere Vereine viel eingefahrener.

Viele Vereine kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Wie sieht es bei euch aus?

Zimmermann: Das geht immer mal ein bisschen hoch, ein bisschen runter, aber im Prinzip haben wir eine relativ gleichbleibende Zahl an Mitgliedern. Das liegt aber am Verein: Ich hab mich früher darauf gefreut, als ich 16 wurde, in den Verein zu kommen. Und das tun halt nach wie vor viele hier auch. Die Bindung und die Kameradschaft sind bei uns echt top. Momentan kommen aber hier mehr Mädchen nach als Jungs.

Dann müsst ihr den Verein vielleicht öffnen und die Mädchen und Frauen mit reinnehmen.

Zimmermann: Das ist, glaube ich, problematisch. Das geht im Prinzip gegen das Junggesellenbrauchtum. Offiziell gehören die Mädels nicht zum Verein, inoffiziell sind sie aber fast immer dabei. Aber es gibt doch Situationen, wo man ein bisschen ungestörter ist ohne Frauen.

Das ist ja wahrscheinlich umgedreht genauso.

Zimmermann: Ja, genau. Und es wird niemand ausgegrenzt.

Eingangs haben wir festgestellt, dass bei aller Freude am aktiven Dasein alle irgendwann heiraten. Ganz persönlich: Was ist besser, ewiger Junggeselle oder verheirateter Mann?

Zimmermann: Ich denke, das Ziel sollte doch sein, dass man irgendwann heiratet. Man bleibt dem Junggesellenverein ja trotzdem verbunden. Und spätestens, wenn man Kinder bekommt, ist das auch wieder ein Thema – die werden schließlich auch mal 16.

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