Gangelt: Jeder kann etwas für seine seelische Gesundheit tun

Gangelt: Jeder kann etwas für seine seelische Gesundheit tun

Für morgen hat die Weltgesundheitsorganisation den Tag der seelischen Gesundheit ausgerufen. Ein Gespräch mit dem Gangelter Facharzt Michael Plum.

Martin Müllermayer ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Er führt eine glückliche Ehe, das Paar hat einen großen Freundeskreis, in den Ortsvereinen ist der Familienvater gerne gesehen. Doch eines Tages kommt der große Schock: Seine Frau trennt sich von ihm. Martin Müllermayer kommt aus dem Gleichgewicht.

„Ist die Welt nicht gesund, wird der Mensch krank“, sagt Dr. Michael Plum, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Foto: Udo Stüßer

Am Arbeitsplatz ist er oft unkonzentriert, er macht Fehler. Die Fehlzeiten im Büro nehmen zu. Trost sucht er im Alkohol. Die Sucht wird immer stärker, die Depressionen aber dadurch nicht schwächer. Hilfe findet er schließlich in der Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der ViaNobis GmbH in Gangelt, die die psychiatrische Pflichtversorgung für alle Bürger des Kreises Heinsberg trägt.

Statistisch gesehen ist Martin Müllermayer einer von 30.000 Bürgern im Kreis, die an einer Alkoholstörung leiden, und einer von 21.000 Menschen, die an einer Depression erkranken.

Statistisch betrachtet nehmen den traurigen Spitzenplatz unter den seelisch Kranken im Kreis Heinsberg aber die über 40.000 Menschen ein, die unter einer Angststörung leiden. Waltraud Wibkefein ist eine von ihnen. Im Urlaub wurde sie von einem Insekt gestochen.

Sie reagierte allergisch, rang nach Luft, bekam Asthma-Anfälle und befürchtete, an dem Stich zu sterben. Dieses Erlebnis sorgte in ihrem weiteren Leben für große Verunsicherung, Panikstörungen waren die Folge. Sie fürchtete ständig, sich in lebensbedrohlichen Situationen zu befinden.

Laut einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland sind jedes Jahr 33 Prozent der Bevölkerung von mindestens einer psychischen Störung betroffen. Tendenz steigend. Aus diesem Grund hat die Weltgesundheitsorganisation den internationalen Tag der seelischen Gesundheit ins Leben gerufen, er ist am morgigen 10. Oktober. Im Oktober wollen daher alle psychiatrischen Kliniken in Nordrhein-Westfalen die Menschen aufklären und in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für psychische Erkrankungen stärken.

Doch wann wird die Seele krank? Und was kann man für ihre Gesunderhaltung tun? Das sind Fragen, mit denen sich auch Chefarzt Dr. Michael Plum, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Anästhesiologie und Ärztlicher Direktor der Fachklinik ViaNobis täglich beschäftigt.

„Die Haltekraft der sozialen Systeme nimmt ab, viele Menschen vereinsamen oder stehen unter ökonomischem Druck. Die Menschen haben immer weniger Zeit für sich und weniger Zeit für Erholung“, kritisiert er.

Schneller, höher, weiter

Spricht man Plum auf eine gesunde Seele an, stellt er die Frage anders, streift dabei auch die Politik: „Ist die Welt überhaupt noch gesund? Nein, sie scheint ins Rutschen gekommen zu sein. Wir fischen die Gewässer vor Senegal leer und wundern uns, dass die Senegalesen zu uns kommen. Das Weltsozialsystem ist an Maßlosigkeit erkrankt. Wir wollen immer schneller, höher, weiter. Wir kennen keine Grenzen. Wir wollen immer billiger. Wann ist es endlich genug? Seelische Gesundheit hängt auch damit zusammen, dass wir wieder einen Sinn für das rechte Maß haben. Der Mensch muss sich begrenzen können.“

Im Klartext: „Ist die Welt nicht gesund, wird der Mensch krank. Der Mensch muss fit bleiben, auch seelisch.“ Zur Begrenzung gehöre auch das Fasten, „Regelmäßiges Fasten verhindert Krankheiten und ist auch gut für die Seele. Gesundes Fasten hat etwas mit Autonomie und Widerstandskraft gegen Krisen zu tun.“

Für die seelische Gesundheit, so der Facharzt für Psychiatrie, könne jeder Mensch etwas tun. Eine enorme Herausforderung sei die Digitalisierung. „Die Menschen schauen doch lieber aufs Smartphone als in ein Gesicht. Das Aufnahmevermögen wird durch Digitalisierung überlastet, der Mensch wird durch zu viel sinnlose Technik überfordert. Das führt dazu, dass Menschen keine Zusammenhänge mehr herstellen können. Zu viele unnötige Informationen sind das Fett der heutigen Zeit“, warnt Plum vor einer Abhängigkeit, die schließlich zur Vereinsamung führe.

Der Mensch sei nicht mehr Herr der Dinge, die er nutze. Er müsse eine seelische Balance erreichen, zur Besinnung kommen und Antworten auf die Frage finden, wie er in einem sinnvollen Kontext leben kann.

Der Gangelter Facharzt gibt gute Tipps, wie man einer seelischen Erkrankung vorbeugen kann: neue Ziele definieren, Dinge verändern, Krisen erkennen und bewältigen, Schwierigkeiten akzeptieren, Probleme sofort lösen und nicht aufschieben. „Bewegung ist positiv, Bewegungsmangel macht depressiv.

150 Minuten Bewegung in der Woche stärken die seelische Balance, Sport sorgt auch für seelische Kraft. Vor allem muss man fragen: Was macht mich glücklich?“ Wichtig sei, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen und zu stärken. Um diese Möglichkeiten zu erkennen, bedürfe es manchmal auch professioneller Hilfe. Ebenso wichtig sei, sich sinnvoll zu verändern.

„Denn die Welt ist nicht statisch. Das ist eine Illusion. Es ist nicht ständig Urlaub, es scheint nicht immer die Sonne. Das muss man sich bewusst machen. Statisch ist auch langweilig“, sagt Plum. Er empfiehlt soziale Kontakte, politisches Engagement, Mitgliedschaft in einem Verein und Beiträge zum Gemeinwesen.

Frage aller großen Religionen

Die Frage nach dem richtigen Leben sei eine Frage aller großen Religionen. „Die Religionen stellen Regeln für ein richtiges Leben auf, das in der Summe der Allgemeinheit zugutekommt. Wir Menschen sind auf ständiger Sinnsuche.“ Ein ständiges Abwenden vom Gemeinwesen hingegen, so Plum, mache auch den Einzelnen seelisch krank.

1600 Patienten versorgt die ViaNobis-Fachklinik im Jahr stationär, hinzu kommen etwa 3300 ambulante und 430 teilstationäre Patienten. „Die Akzeptanz von seelischen Krankheiten nimmt in unserer Gesellschaft zu“, hat der Chefarzt festgestellt.

Mit einer guten Gesprächstherapie, die stets im Vordergrund steht, mit Ergo-, Musik- und Bewegungstherapie, mit einem Selbstsicherheitstraining oder mit einer medikamentösen Behandlung sind die meisten seelischen Erkrankungen in einer überschaubaren Zeit behandelbar.“

Eine Depressionsbehandlung erfordert in Gangelt durchschnittlich einen vier- bis sechswöchigen Klinikaufenthalt, dem eine sechsmonatige ambulante Behandlung folgt. Eine Suchttherapie setzt der Mediziner mit einem zweiwöchigen stationären Aufenthalt an, dem sich eine Nachsorge in einer Beratungsstelle anschließt.

Länger dauert die Therapie im Falle einer Schizophrenie, die Plum mit zwei bis drei Monaten ansetzt. Hier allerdings geht er davon aus, dass lediglich ein Drittel der Patienten gesund wird, ein weiteres Drittel sei auch nach der Therapie nicht frei von Symptomen, das letzte Drittel erleide Rückfälle. „Seelische Gesundheit braucht Zeit!“