Rückblick in die Geschichte in der Region: „Jahr voller Ereignisse, Nöte und Sorgen“

Rückblick in die Geschichte in der Region : „Jahr voller Ereignisse, Nöte und Sorgen“

In der Chronik der Stadt Geilenkirchen wird das Jahr 1949 als ein „Jahr voller Ereignisse, Nöte und Sorgen“ betrachtet. Dieses Resümee sieht die Kreisstadt noch im Zeichen des erst vier Jahre zurückliegenden Krieges, der Leid, Elend und Hunger über die Menschen gebracht hatte.

Zweifellos waren die Folgen des Krieges überall spürbar. Vereinzelt prägten noch Trümmerhaufen das Bild der Kreisstadt und der umliegenden Kommunen.

Vor allem im Bereich der Amtsverwaltung Immendorf-Würm, wo sich im November 1944 deutsche und alliierte Truppen einen erbitterten „Schlagabtausch“ geliefert und Orte wie Beeck und Prummern neunmal an einem Tag die Besatzung gewechselt hatten, war an einen erfolgreichen Abschluss der Wiederaufbaumaßnahmen nicht zu denken.

So lagen einzelne Pfarrkirchen zerstört am Boden, noch immer waren Wohnhäuser von der Bildfläche verschwunden. Doch in einem viel stärkeren Ausmaß litten die Menschen unter den Opfern des sinnlosen Krieges und dem ungeklärten Schicksal von Wehrmachtsangehörigen. Zudem beunruhigte die Überführung des Selfkants unter niederländische Auftragsverwaltung auch die Bevölkerung im Bereich der heutigen Kommunen Gangelt, Geilenkirchen und Übach-Palenberg, da eine Ausweitung der Gebietsansprüche nicht auszuschließen war.

Schwarzhandel löst sich auf

Diesen berechtigten Sorgen stand aber ein mit der Währungsreform einsetzender Optimismus gegenüber, der bei vielen Bürgern das Vertrauen in die eigenen Leistungen wiederherstellte. Von nun an gehörten Schwarzhandel, hungernde Stadtbewohner, die Objekte von einem hohen ideellen Wert zum Tausch anboten, sowie schmuggelnde Kinder und Jugendliche der Vergangenheit an.

Wer arbeitete, konnte völlig zu Recht auf einen gerechten Lohn hoffen, der die Lebensqualität in jeder Hinsicht verbesserte. So durchziehen umfangreiche Wiederaufbauprojekte und Lizenzen zur Eröffnung von Warenhäusern und Handwerksbetrieben die Schlagzeilen der Lokalzeitungen im Verlauf des Jahres 1949 wie ein roter Faden.

Das Jahr 1949 kann völlig zu Recht als ein Jahr des „Neubeginns“ betrachtet werden. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde begleitet von einem Aufblühen des kulturellen Lebens. Vielleicht dem Bewusstsein der hiesigen Bevölkerung, deren Gedanken völlig von der „Gründung einer neuen beruflichen und privaten Existenz“ in Anspruch genommen waren, entrückt, erlebte auch das politische Leben eine „Wiedergeburt“.

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Drei Monate später war die Bevölkerung in den drei Westzonen aufgerufen, anlässlich der Wahl des ersten Deutschen Bundestages ihre Stimme abzugeben. Zum ersten Mal bekamen Männer und Frauen ab dem vollendeten 21. Lebensjahr die Möglichkeit, als „Souverän“ an der Gestaltung des Gemeinwesens teilzuhaben.

Dem Wählerwillen entsprechend wurde Mitte September 1949 eine Koalitionsregierung aus CDU, FDP und DP gebildet. Unter dem neuen Bundeskanzler Konrad Adenauer leitete sie eine bemerkenswerte Stabilität ein, die nach der anhaltenden politischen Instabilität der Weimarer Republik und den furchtbaren Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft das Bild von einem „anderen Deutschland“ vermittelte und diesem einen überzeugenden Platz in der westlichen Staatengemeinschaft verlieh.

So stellte auch der Chronist der Stadtverwaltung Geilenkirchen Ende 1949 fest: „ Wir haben wieder ein Staatsgebilde, das die Anerkennung und Achtung der Zeit genießt“. All diese Ereignisse liegen nun sieben Jahrzehnte zurück. Die Generation der Zeitzeugen ist zum größten Teil verstorben. Trotzdem haben diese denkwürdigen Entwicklungen es nicht verdient, in Vergessenheit zu geraten. Der unermüdliche Einsatz der Generation von Eltern und Großeltern stellt das Fundament der von den heutigen Bürgern fraglos anerkannten Lebensqualität dar. Der demokratische Wiederaufbau der zerstörten Heimat fordert auch in einer heute im Wandel begriffenen Gesellschaft Engagement für die Grundwerte der Demokratie heraus.

So dient die folgende Serie nicht nur einem Ausflug in die Historie unserer Heimat sondern auch einem Appell zu einer positiven Identifizierung mit den Grundpfeilern unserer Gesellschaft.

Wertlos gewordene Reichsmark

Als ein entscheidendes Ereignis auf dem Weg zu einer modernen und stabilen Gesellschaftsordnung galt die Währungsreform am Sonntag den 20. Juni 1948. Innerhalb eines Tages war die völlig wertlos gewordene Reichsmark (RM) durch die stabile DM ersetzt worden. 40 Mark Kopfgeld galten als hoffnungsvolles Startsignal für jeden Bürger. Erwartungsvoll standen die Bürger an diesem Sonntag und dann noch einmal sechs Wochen später Anfang August an. Der Umtausch und die gleichzeitige Ablieferung aller wertlos gewordenen Reichsmarkbeträge gingen reibungslos über die Bühne.

Die Hoffnung der Bevölkerung, „zum letzten Mal in Schlange gestanden zu haben“, ging tatsächlich in Erfüllung. Denn über Nacht tauchten überall wieder Waren in den Geschäften auf, auf die die Kunden über einen längeren Zeitraum verzichten mussten. Von der Währungsreform profitierten auch die in hiesigen Dörfern ansässigen Inhaber von Lebensmittel- und Gemischtwarenläden, denen jetzt ein Warensortiment geliefert wurde, das sie wenige Tage zuvor nicht im Traum erwartet hatten.

Denn das Warenangebot hatte sich zuvor auf nur zum Überleben notwendige Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Salz, Öl oder Margarine beschränkt, die in unregelmäßigen Abständen in bescheidenen Mengen geliefert worden waren.

Ihre Ankunft war von den Kunden mit Sehnsucht erwartet worden. Lange Schlangen hatten sich vor den Geschäften wie auch vor den Bäckereien gebildet. Die Waren selbst wurden von den Ladeninhabern abgewogen und in Büchsen, Gläsern und Flaschen, die die Kunden von zu Hause mitgebracht hatten, verpackt.

Diese später unter dem Namen „Tante-Emma-Läden“ bekannt gewordenen Geschäfte erlebten durch die Währungsreform einen kontinuierlichen Aufschwung.

Das Warensortiment vergrößerte sich. Der Bedarf an Lebensmitteln und Produkten, die die alltäglichen Bedürfnisse befriedigten, war unglaublich groß. Denn der Krieg hatte überall seine Spuren hinterlassen, so dass die Menschen „ganz neu anfangen mussten“.

Finanzielle Möglichkeiten begrenzt

Da der ganze Hausrat verlorengegangen war, fanden in den Geschäften nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kurzwaren, Wäsche, Porzellan, Haushaltswaren und sogar Textilien einen guten Absatz. Die finanziellen Möglichkeiten waren allerdings begrenzt, so dass nicht selten Waren in Raten bezahlt werden mussten.

Das Vertrauen in die stabile Währung bot den Menschen auch die Möglichkeit, die Kriegsschäden nicht nur notdürftig sondern professionell auszubessern. Bald florierte daher auch die Bauwirtschaft. Die Gesamtkosten der nach der Währungsreform in unserer Heimat errichteten Einfamilienhäuser beliefen sich auf wenige Zehntausend DM, die aber damals nur mit Mühe aufzubringen waren und die „Bauherren“ vor großen Herausforderungen stellten.

Überall im Geilenkirchener Land entwickelte sich ein reges geschäftliches Leben. Kriegszerstörte Firmen erlebten eine Renaissance. Ehrgeiz und unternehmerisches Geschick motivierten manchen Kriegsheimkehrer zu erfolgreichen Investitionen, die ihm einen sicheren Platz im Geschäftsleben seiner Heimat garantierten.

So sind für das Jahr 1949 die Wiedereröffnung der Hotels „Jabusch“ und „Zum Stern“ belegt. Zwei für die Lieferung von Lebensmitteln zuständigen Großhandlungen hatten bereits im Jahr zuvor ihre kriegszerstörten Niederlassungen durch einen Neubau ersetzt.

Nicht zu vergessen ist die Eröffnung des Textilhauses Stamm im November 1949, das bis zum heutigen Tag Waren für die Bevölkerung zum Kauf anbietet.

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