Geilenkirchen: Interview mit Tanja Bodewig: „Reformation muss auch heute wieder stattfinden“

Geilenkirchen : Interview mit Tanja Bodewig: „Reformation muss auch heute wieder stattfinden“

Die Protestaktion Martin Luthers gegen den Ablasshandel leitete eine neue Epoche der europäischen Geschichte ein. Nicht ohne Grund begehen daher die protestantischen Kirchen in aller Welt den 31. Oktober als ihren Gründungstag.

Was verbinden Sie persönlich mit dem Datum 31. Oktober 1517?

Bodewig: Reformation ist unaufhörlicher Entwicklungsprozess, sie muss auch heute immer wieder stattfinden. Luther hat damals kritische Fragen gestellt an die Kirche seiner Zeit — Fragen, die aus der Bibel abgeleitet waren. Auch heute muss sich die Kirche stets hinterfragen, ob sie mit dem Evangelium übereinstimmt. Das betrifft natürlich auch die äußere Form der Kirchen.

Haben denn Luther, Zwingli und Calvin den Menschen von heute noch etwas zu sagen?

Bodewig: Sie stehen für Gewissensfreiheit, die man auch gegenüber mächtigen Institutionen vertreten soll und muss. Auch heute ist es wichtig, dass die Menschen das Selbstbewusstsein und den Mut zur Eigeninitiative haben und nicht in das Denkmuster verfallen: „Die da oben machen sowieso, was sie wollen, und wir können nichts daran ändern“.

Leider kam es schon früh zu einer Spaltung innerhalb der Reformationsbewegung, vor allem wegen der unterschiedlichen Auffassung vom Abendmahl. Selbst das Marburger Religionsgespräch von 1529 führte zu keiner Einigung. Besteht diese Spaltung eigentlich noch heute?

Bodewig: Nein! Innerhalb der evangelischen Gemeinschaft herrscht darüber heute Einigkeit. 1973 wurden mit der „Leuenburger Konkordie“ die wesentlichen theologischen Diskrepanzen ausgeräumt. Taufe, Abendmahl und Ordinationen wurden gegenseitig anerkannt. Es gibt zwar noch Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten, aber sie werden nicht mehr als kirchentrennend empfunden.

Vor 500 Jahren waren die Menschen Feuer und Flamme für den neuen Glauben und nahmen sogar Verfolgung und Repression dafür in Kauf. Heute dagegen treten sie in Scharen aus der Kirche aus. Ist es heute „aus der Mode“ gekommen, evangelischer Christ zu sein?

Bodewig: Ja, es gibt viele Kirchenaustritte, aber ich sehe das nicht so dramatisch. Auch in der heutigen Zeit gibt es viele Menschen, denen das Christsein und die Zugehörigkeit zur Kirche viel bedeutet. Schließlich ist nach Luther jeder getaufte Christ zum Predigen, zur Wortverkündigung und zum Glaubenszeugnis in der Welt berufen.

Auch im Raum Geilenkirchen-Heinsberg wandten sich viele Menschen dem neuen Glauben zu. Wie sieht die Bilanz in der Region heute nach 500 Jahren aus? Wir haben mit Tanja Bodewig, der evangelischen Pfarrerin von Geilenkirchen-Hünshoven, über die Reformation in der heutigen Zeit gesprochen.

Wie sieht es aktuell in Geilenkirchen aus?

Bodewig: Unsere Gemeinde hat etwa 4100 Mitglieder einschließlich der umliegenden Dörfer. Wir haben zwei Kirchen (in Hünshoven und Teveren), zwei Gemeindehäuser und das Jugendzentrum „Zille“. Außerdem gibt es viele Aktivitäten: Eine Turngruppe, Mal- und Nähkurse, ein Kinder- und ein Frühstückstreff, den Posaunenchor, den Musikkreis „Cantare“, einen Besuchsdienst für Senioren-Geburtstage und auch Sprachkurse für die Flüchtlinge, die großen Zulauf haben.

Welche Aktionen sind noch zum Reformationsjubiläum geplant?

Bodewig: Wir haben am 29. Oktober einen regionalen Gottesdienst unter dem Motto „Das Wort sie sollen lassen stahn“ in unserer Kirche, und am 31. Oktober findet in Gangelt ein Festgottesdienst zum Abschluss des Jubiläumsjahres statt.

Stichwort Ökumene — wie ist das Verhältnis zur katholischen Nachbargemeinde?

Bodewig: Wir wollen gemeinsam die Ökumene auf starke Füße stellen, die Konfessionen sollen das Gefühl haben, miteinander unterwegs zu sein. In Geilenkirchen sind alle Schulgottesdienste ökumenisch, auch in vielen städtischen Gremien — zum Beispiel im Ausschuss für Jugend, Soziales und Bildung — sind beide Konfessionen vertreten. Das gilt auch für viele Veranstaltungen, etwa für die Hospizbewegung Camino oder die Gedenkfeiern zum 9. November. Trotzdem ist die Ökumene sicherlich noch ausbaufähig. Ein erfreuliches Signal ist der ökumenische Gemeindebrief, der auf der Regionalsynode in Rheydt gemeinsam vom Präses Manfred Rekowski und von Bischof Helmut Dieser unterzeichnet wurde.

Wie sehen Sie die Chancen für die Wiederherstellung einer vollen Einheit im Glauben? Welche Schritte aufeinander zu müssten die Kirchen machen?

Bodewig: Ich sehe es nicht als unmöglich an! So etwas kann sich entwickeln — zu klären wären dann allerdings die unterschiedlichen Auffassungen vom Abendmahl und vom Pastorenamt. Auch die Frauenordination (die übrigens keineswegs in allen evangelischen Kirchen praktiziert wird) wäre ein heißes Thema. Und für mich als Protestantin stünde natürlich auch die kirchenrechtliche Stellung des Bischofs von Rom zur Diskussion. Eine Einheit im Glauben kann ich mir am besten in Form einer versöhnten Vielfalt der unterschiedlichen Traditionen vorstellen.