In Übach-Palenberg wird der Prozess um "Drogenbunker" fortgesetzt

Prozess um „Drogenbunker“ geht weiter : „Ich habe dir zwei Küsschen auf die Stirn gegeben“

Fortsetzung des Darmstädter Prozesses um einen „Drogenbunker“ in Marienberg: Im Gerichtssaal werden abgehörte Telefonate der Angeklagten vorgespielt. Übach-Palenbergerin lehnt Angebot des Gerichts ab.

Es sind wenige Minuten, doch sie geben Einblick in den Alltag eines ganz normalen Paares. „Hör ma, ich hatte über ne halbe Stunde Stau, ich hab dat gerade erst abgegeben“, sagt der Mann am Telefon im Dialekt seiner rheinischen Heimat. Die Frau am anderen Ende mahnt liebevoll, vorsichtig zu fahren. „Haste gar nicht mitgekriegt, als ich heute früh gefahren bin?“, fragt der Mann noch. „Ich habe dir zwei Küsschen auf die Stirn gegeben.“ Die Frau lacht. Die Partner sind einander offensichtlich sehr zugetan. Dass sie abgehört werden, ahnen sie nicht.

Inzwischen, mehr als ein Jahr nach diesen Aufnahmen, ist davon nichts mehr übrig. Nur räumlich nahe sind sich beide noch – im großen Saal des Landgerichts Darmstadt (Hessen). Dort sitzen die 58-Jährige aus Übach-Palenberg und ihr 78-jähriger Ex wegen bandenmäßigem unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge auf der Anklagebank. Das Haus der Frau im Stadtteil Marienberg habe als „Bunker“ für die aus den Niederlanden stammenden Drogen gedient, so die Staatsanwaltschaft. Ferner habe sie deren Weitertransport organisiert. Ihr Ex habe den Stoff zu Abnehmern in ganz Deutschland gefahren. Ein ebenfalls angeklagter Niederländer habe unter anderem Kontakt zu Hintermännern gehalten und für Nachschub gesorgt.

Der Niederländer hatte zu Prozessbeginn über einen seiner Verteidiger eine knappe Erklärung verlesen lassen: Er sei drogenabhängig und räume ansonsten die Vorwürfe ein. Der 78-Jährige hatte umfangreicher ausgesagt und unter anderem die Frau belastet. Diese hatte verlesen lassen, dass sie durch die Geschäfte der Prostitution entkommen wollte. Danach schwieg sie meist und wirkte zusehends schwächer.

Wenn sie sich nun doch äußert, dann schreiend, voller Selbstmitleid und ihren Ex beschuldigend. Immer wieder betont sie, der Mann, der gesagt hatte, anfangs nicht gewusst zu haben, dass er Drogen transportiere, sei tief in die Sache verstrickt. Man sei sogar gemeinsam in die Niederlande gefahren und habe dort selbst Nachschub geholt, verrät sich die Frau in ihrer Rage. Überhaupt redet sie mehr über ihren einstigen Partner als über sich. Ihren Tatbeitrag relativiert sie. Sie sei doch „zu doof, um irgendwas richtig zu machen“, jammert sie. Eine Ärztin hatte der Frau zuvor „Minderbegabung“ attestiert – eine Aussage, auf die sich deren Verteidigerin stürzt. Sie beantragt, die 58-Jährige psychiatrisch untersuchen zu lassen. Minderbegabung sei ein Grund für Verhandlungsunfähigkeit, so die Anwältin.

Angeklagte wirkt gut organisiert

Allerdings offenbaren die abgespielten Telefonaufzeichnungen, dass die Angeklagte eines wohl nicht ist: dumm. Vielmehr wirkt sie gut organisiert und weiß offenbar genau, was sie tut. Als der 78-Jährige einen mutmaßlichen Abnehmer seiner Ware nicht antrifft, ruft er die Angeklagte an. Sie kümmert sich, wendet sich an den Niederländer, der – wie in diesem „Wirtschaftszweig“ üblich – seine Handynummer gewechselt hat.

Die Vorsitzende Richterin und ihr Beisitzer betreten den Gerichtssaal in Darmstadt. Die beiden ebenfalls zur Kammer gehörenden Schöffen sind noch im Beratungszimmer. Foto: Sonja Jordans

Die 58-Jährige jedoch kennt die neue Durchwahl. Mit dem Niederländer bespricht sie, wer welche Mengen „von dem Weißen“ bekommen soll, wie viel Geld dafür verlangt werden muss und was sie für sich selbst behalten darf. Mehrfach warnt sie den Mann, den sie „Schatzi“ nennt und er sie „Mama“: Jemand, mit dem er Kontakt habe, „bescheiße“ ihn. „Ich weiß nicht, warum die sowas tun, ich bin ehrlich“, so die Frau, die wegen Drogenhandels vor Gericht steht. Ein anderes Mal warnt sie einen Gesprächspartner, Päckchen anzufassen. „Die können Fingerabdrücke nachweisen“. Als die Richterin fragt, ob sie gewusst habe, was in den Päckchen ist, gibt es die Frau weinerlich zu. Aber verpackt habe sie die Drogen nicht, das habe ihr Partner erledigt. „Sonst wären ja meine Fingerabdrücke drauf“, ergänzt sie beinahe hämisch. Spricht so eine Minderbegabte? Auch schärft sie jemandem am Apparat ein, „keine Namen“ zu nennen am Telefon. Man wisse ja nie. Und sie berichtet dem Niederländer, dieses Mal etwas „so verpackt“ zu haben, „damit es nicht so riecht“.

Ferner wird bekannt, dass die Frau das vor wenigen Tagen gemachte Angebot des Gerichts ablehnt, bei einem ausführlichen Geständnis eventuell mit sechseinhalb Jahren Haft davonkommen zu können. Zu Prozessbeginn hatte das Gericht die Angeklagten darauf hingewiesen, dass ihnen „Haftstrafen im zweistelligen Bereich“ drohen, wenn die Anklage zutreffe und keine umfassenden Aussagen gemacht würden. Der Prozess wird fortgesetzt.

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