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Geilenkirchen-Teveren: Impfschaden? Eltern „haben keinen Lebensmut mehr“

Geilenkirchen-Teveren : Impfschaden? Eltern „haben keinen Lebensmut mehr“

„Wir haben keinen Lebensmut mehr“, sagt Mario Lutat aus Teveren. Und seine Frau Wieslawa erklärt mit Tränen in den Augen: „Mittlerweile sind wir psychisch krank.“ Während die verzweifelten Eltern über ihr Schicksal berichten, liegt der 17-jährige Lorenzo auf dem Sofa. Er kann nicht laufen, nicht sitzen, nicht greifen und nicht sprechen. Tag für Tag plagen ihn epileptische Anfälle.

Außerdem ist Lorenzo blind. Nur ein regelmäßiges Stöhnen ist von ihm zu hören. Vor 17 Jahren brachte Wieslawa einen gesunden Jungen zur Welt, bald darauf war er schwerbehindert. Die Eltern vermuten einen Impfschaden und kämpfen seitdem um dessen Anerkennung. Vergebens. Dennoch geben sie die Hoffnung nicht auf.

Dabei stützen sie sich auf ein neues Gutachten, das ihr Rechtsanwalt Michael Ashcroft, Fachanwalt für Sozialrecht aus Haigerloch, in Auftrag gegeben hat. In dem medizinisch-wissenschaftlichen Gutachten eines renommierten privaten Gutachters (Name der Redaktion bekannt) heißt es: „Eine Anerkennung der Hirnentwicklungsstörung als Impfschaden erscheint also angemessen.“

Mit diesem Gutachten, datiert auf den 31. Januar 2013, hat Ashcroft Klage vor dem Sozialgericht in Aachen eingereicht. „Die Gegenseite, der Landschaftsverband Rheinland, hat bisher noch nicht reagiert“, erklärt Ashcroft, der eine angemessene Entschädigung für Lorenzo erstreiten will. „Dieser Prozess muss bald kommen. Nur durch ihn können wir Gerechtigkeit erfahren“, hofft Wieslawa Lutat.

Dabei hat sie noch die Bilder von glücklichen Tagen im Kopf, als ein gesunder und munterer Junge das Familienglück bereicherte. Doch als der Junge vier Wochen alt war, änderte sich das nach einer Tuberkulose-Impfung durch einen Kinderarzt schlagartig: Der Junge weinte, schrie, erbrach sich, bekam Fieber und Durchfall.

Eine andere Kinderärztin sprach von Blähungen, die Mutter solle andere Milchprodukte auswählen. Doch Lorenzo schrie in den folgenden Wochen viel. Gelacht hat er nie mehr. Als Lorenzo viereinhalb Monate war, untersuchte ihn die Kinderärztin erneut, befand ihn für gesund und empfahl eine Fünffachimpfung, der die Eltern nach langem Zögern zustimmten. Als Lorenzo wieder einmal schrecklich weinte und dabei Krampfanfälle erlitt, fuhr die Mutter erneut zur Kinderärztin. Da erkannte die Medizinerin, dass der Junge epileptische Anfälle hatte.

Ein halbes Jahr verblieben Mutter und Sohn daraufhin im Aachener Klinikum. Die Ärzte vermuteten einen Mitochondrien-Komplex-3-Mangel. Dabei handelt es sich um eine unheilbare, schwere Krankheit mit schweren epileptischen Anfällen von Geburt an. Die Lebenserwartung ist nicht sehr hoch. Auch in Kliniken in Rheydt, Bonn und München fand die Familie keine Hilfe. Es gab nur Medikamente gegen die Schmerzen. Eine Fachärztin für Humangenetik schrieb im Jahre 2010 in ihrem Bericht: „Die Schilderung des Krankheitsbeginns im fünften Lebensmonat lässt meines Erachtens eher an einen Impfschaden denken, als an eine genetisch bedingte Erkrankung.“

Dies nahm Familie Lutat zum Anlass, gegen den Landschaftsverband Rheinland zu klagen und um eine Anerkennung des Impfschadens zu kämpfen. Doch diese Klage hat das Sozialgericht Aachen am 24. Oktober 2011 abgewiesen, weil alle anderen Gutachten gegen die Familie Lutat sprachen. Das neue Gutachten bringt für die Familie jetzt neue Hoffnung. Dies unterstreicht auch der Übach-Palenberger Allgemeinmediziner Dr. Heiner Buschmann, der Lorenzo seit 1998 behandelt. „Eine Tragödie dieses Ausmaßes und ein solches familiäres Schicksal habe ich in meiner 32-jährigen ärztlichen Tätigkeit noch nicht erlebt“, ist er sich jedoch sicher, dass durch das neue Gutachten „eine Odyssee“ zu Ende geht.

„Nach den Kriterien der Weltgesundheitsbehörde ist ein Impfschaden anzunehmen, da die zeitliche Komponente, die krankheitsspezifischen Veränderungen und die Beleuchtung anderer Krankheitsursachen dafür sprechen“, sagt Buschmann. Und: „Neben den Schmerzen, körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen wurde sogar noch festgestellt, dass Lorenzo erblindet ist. Die Eltern sind mittlerweile an ihre Grenzen gestoßen und erdulden ihr Schicksal mit einer grenzenlosen Liebe zu ihrem mittlerweile 17-jährigen Sohn Lorenzo.“

Nicht nur um die finanzielle Absicherung von Lorenzos Zukunft sorgen sich die Eltern. Seit eineinhalb Jahren sind sie auf der Suche nach einem barrierefreien Haus, bislang ohne Erfolg. Und sie benötigen dringend ein geeignetes Spezialfahrzeug, um Lorenzo in seinem Rollstuhl mit Liegeschale transportieren zu können. Das selbstständige Sitzen in einem herkömmlichen Rollstuhl ist ihm nicht annähernd möglich.

Der Vater kann als Alleinverdiener ein solches Fahrzeug nicht finanzieren. Deshalb haben Teverens Ortsvorsteher Josef Paulus und Heinz Pütz, Behindertenbeauftragter der Stadt Geilenkirchen, zu einer Spendenaktion aufgerufen. Mehr als 70 Institutionen und Stiftungen hat Pütz angeschrieben. Bislang hat er bereits 50 Absagen erhalten. „Immer wieder diese Rückschläge…“, bedauert Paulus. So hat die Familie Lutat im August 2013 einen Antrag auf Finanzierung eines Autos durch den Landschaftsverband Rheinland, der für Eingliederungshilfen zuständig ist, gestellt. Der jedoch wurde am 19. November abgelehnt.

„Gefördert wird vom Landschaftsverband vor allem die Eingliederung ins Arbeitsleben. Die Begründung, eine Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft erreichen zu wollen, reicht nicht grundsätzlich aus“, erklärt Wilfried Schulz, Leiter des Geilenkirchener Jugend- und Sozialamtes. Allerdings habe der Landschaftsverband in Aussicht gestellt, den behindertengerechten Umbau eines gebrauchten Fahrzeuges zu finanzieren. Ein solches Fahrzeug hat Heinz Pütz nun bei einem Geilenkirchener Autohändler gefunden, der ihm preislich so entgegengekommen ist, dass es aus ersten Spenden finanziert werden kann. „Der Umbau wird dann wahrscheinlich vom Landschaftsverband übernommen“, sagt Schulz.

Und trotzdem: „Diese Eltern sind in ihrem Leid gefangen“, hofft der Behindertenbeauftragte jetzt auf weitere Hilfe. Nächster Schritt aus der Not heraus muss unbedingt der Umzug in ein barrierefreies Haus sein. Das Haus, das die Familie Lutat derzeit gemietet hat, ist viel zu eng. Tag für Tag liegt Lorenzo im Wohnzimmer auf dem Sofa. Muss er ins Schlafzimmer gebracht werden, kann dies nur mit Hilfe eines Lifters auf dem Schoß der Mutter geschehen. Die Beteiligten bitten um Spenden: Sparkasse Aachen, IBAN: DE17 3905 0000 0000 776 666, Stichwort: „Lorenzo Lutat“.