Handyfreie-Zone: Kita in Geilenkirchen wirbt für Kommunikation mit Kind

Handyfreie Zone in Kita : Smartphone weg und Kind im Blick

„Handy aus – Nimm dir Zeit für mich“: Mit diesem Schild an der Eingangstür versucht die AWO-Kita Stadtmitte in Geilenkirchen, zum neuen Kita-Jahr für einen bewussten Umgang mit der täglichen Smartphonenutzung zu sensibilisieren.

„Einige Eltern bringen ihre Kinder morgens mit dem Handy in der Hand und holen es nachmittags mit dem Handy am Ohr wieder ab“, hat Ingrid Grein beobachtet. Zusammen mit ihrer Kollegin Stefanie Altmann leitet sie die Einrichtung in der Geilenkirchener Innenstadt. „Viele Eltern haben das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen“, weiß Grein. Der Nachwuchs müsse dafür zurückstecken.   „Früher war das Kind im Mittelpunkt, heute ist es manchmal eher das Handy.“

Das Problem sei allerdings nicht neu. Bereits seit sechs bis sieben Jahren beobachten die Erzieher die zunehmende Smartphone-Nutzung der Eltern in der Einrichtung. „Dabei ist die Bring- und Abholphase eine  wichtige Kommunikationszeit für Eltern und Kind“, weiß Ingrid Grein. Eltern sollten sich hierbei Zeit nehmen, etwa um dem eigenen Kind die Schuhe zu binden. Im Zweifel ließen sich Anrufe oder Nachrichten auch noch kurz vor dem Kindergarten tätigen.

„Es ist wichtig, dem Kind in diesem Moment seine Aufmerksamkeit zu schenken“, betont Grein. Die Bindung werde vertieft: „Es will von seinem Erlebten und vielleicht auch seinen Sorgen und Nöten berichten. Dabei sollten Störungen bewusst vermieden werden.“ Wünschenswert wäre es auch, wenn sich die Eltern nicht nur bis zur Eingangstür an diese Empfehlung halten würden: „Wenn wir das Handy ständig in der Hand haben und diese intensive Nutzung vorleben,  welchen Stellenwert soll das Handy dann erst für unsere Kinder haben.“

Die Einrichtung macht regelmäßig mit Aushängen auf das Problem aufmerksam, spricht Eltern, bei denen die Handynutzung keine Ausnahme sondern Dauerzustand ist, gezielt an, und auch auf den Elternabenden ist die Handy-Nutzung regelmäßig Thema. Doch stellen die Erzieher fest: „Es wird immer schlimmer. Kürzlich hat eine Mutter sogar während der Krabbelgruppe ihr Handy rausgeholt“, erzählt Sozialpädagogin Katja Himstedt.

Handy aus: In der Kita sollen sich die Eltern Zeit für ihr Kind nehmen. Foto: Michèle-Cathrin Zeidler

Auch eine Studie der Illinois State University zeigt, dass Kinder unter dem ständigen Blick der Eltern aufs Display leiden. Die Kinder spüren demnach schnell, wenn die Aufmerksamkeit von ihnen aufs Display wechselt.

„Kinder werden dann ungeduldig, zerren an der Hand der Eltern oder machen etwas auffälliges, auf das die Eltern reagieren müssen“, weiß Ingrid Grein. Auch negative Aufmerksamkeit sei eben Aufmerksamkeit. Besonders problematisch sei es allerdings, dass durch die Handynutzung Mimik und Gestik der Eltern nicht mehr zum Verhalten der Kinder passen. „Daraus entsteht eine Verunsicherung und eine problematische Lernerfahrung für die Kinder“, erklärt Grein.

Mit dem Kind zu sprechen, seine Reaktionen zu sehen und darauf zu antworten, seine Bedürfnisse zu erkennen und darauf zu reagieren ist nämlich eine notwendige Zuwendung, die ein Kind für seine Entwicklung unbedingt benötigt. Weil die Kommunikation zwischen den Kindern und den Eltern heutzutage abnimmt, stellen Erzieher und Kinderärzte immer mehr fest, dass die Sprachentwicklung deutlich leidet. „Es fällt den Kindern schwerer, aus der Mimik und Gestik ihres Gegenüber zu lesen“, hat auch die Leiterin der Geilenkirchener Einrichtung  beobachtet. Dadurch komme es häufiger zu Konflikten zwischen den Kindern. „Insgesamt ist die nonverbale Kommunikation der Kinder seit Jahren schlechter geworden“, erzählt Katja Himstedt. Dies könne die Einrichtung auch in den Entwicklungstests ablesen.

„Eltern sollten sich bewusst werden, wie schnell die Kleinen groß werden“, betont Grein. Es sei wichtig, früh eine Kultur des Austausches zu etablieren. „Nur dann berichten Kinder später auch von ihren Erfahrungen in der Schule oder wenden sich in der Pubertät an ihre Eltern.“

Die Mitarbeiter aller AWO-Kitas im Kreis sehen sich als Vorbild. „Es gibt eine klare Dienstanweisung des Trägers“, erklärt Grein. Das Handy wird im Eigentumsfach eingeschlossen, und nur in ganz besonderen Ausnahmefällen darf es stummgeschaltet im Gruppenbereich auf einem Schrank liegen. An diese Vorschrift würden sich alle Erzieher der Einrichtung halten.

Diskussionen mit den Eltern zum Handy-Verbot gebe es bisher nicht. „Die Eltern nicken das eher so ab oder ignorieren unseren Hinweis einfach“, weiß Stefanie Altmann. Aber die Erzieher bleiben dran, zum Wohle des Kindes. „Wir weisen immer wieder freundlich darauf hin und erklären die Hintergründe“, sagt Ingrid Grein. Sollte die Handynutzung noch weiter Überhand nehmen, könnte sich die Leitung auch einmalige Aktionen wie die in einer Essener Kita vorstellen. Dort hatten Kinder mit Warnwesten und Kelle Eltern am Handy ermahnt.

In den Städten sei das Problem laut Grein allerdings fortgeschrittener. „Dort sehe ich auch immer öfter Babys, die vorne im Kinderwagen bereits ein Tablet hängen haben“, berichtet sie. Während die Mutter mit dem Handy in der Hand schiebt, werde das Kind mit einem Video beschäftigt: „Ein gefährlicher Trend. Aber ich fürchte, dass er bald auch nach Geilenkirchen schwappen wird.“

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