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Gesundheitsreform: Was auf Patienten zukommt...

Gesundheitsreform: Was auf Patienten zukommt...

Kreis Heinsberg. Über Mangel an Arbeit konnten sich die drei Experten an den Telefonen in der Heinsberger Regionalredaktion unserer Zeitung wahrlich nicht beklagen: Zum Thema Gesundheitsreform erreichten uns am Dienstagnachmittag sehr viele Anrufe.

Dr. Jost Reermann, Arzt für Allgemeinmedizin aus Wegberg und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung im Kreis Heinsberg, Hans Kühle von der Hirsch-Apotheke in Erkelenz, Pressesprecher der Apotheker im Kreis Heinsberg, und Herbert Löscher, bei der AOK-Regionaldirektion Heinsberg als Fachserviceleiter für Privatkunden verantwortlich, waren gefragte Gesprächspartner.

Aus der Vielzahl der Fragen und Antworten präsentieren wir heute eine Auswahl.

Wenn ich beim Hausarzt die Praxisgebühr von zehn Euro bezahlt habe, muss er mir dann auch auf meinen Wunsch hin eine Überweisung zu einem Facharzt ausstellen?

Reermann: Nach meiner Einschätzung ist der Hausarzt dazu verpflichtet, damit Sie beim Facharztbesuch nicht erneut zehn Euro binnen eines Quartals bezahlen müssen. Übrigens ist die Praxisgebühr nicht für die Ärzte bestimmt. Wir müssen sie vielmehr nach Gesetz nur für die Gesetzlichen Krankenkassen einkassieren.

Beim Erwerb von Medikamenten in der Apotheke sollen wir also ab 1. Januar noch mehr zuzahlen. Stimmt das?

Kühle: Das stimmt leider. Bislang haben Sie je nach Packungsgröße vier Euro, 4,50 Euro oder fünf Euro bezahlen müssen. In Zukunft liegt Ihr Eigenanteil grundsätzlich bei zehn Prozent; mindestens bei fünf, höchstens bei zehn Euro. Dieses Geld kommt nicht dem Apotheker zu Gute, sondern wird Ñ vergleichbar mit der Praxisgebühr Ñ zur Ausgabenreduzierung für die Krankenkassen verlangt.

Ich bin privat versichert. Ändert sich auch für mich etwas?

Reermann: Das so genannte GKV-Modernisierungsgesetz, das am 1.Januar 2004 in Kraft tritt, betrifft nur die Gesetzlichen Krankenkassen. Für Sie ändert sich also grundsätzlich nichts.

Für Patienten, die im öffentlichen Dienst in Kombination mit Beihilfe privat krankenversichert sind und möglicherweise bislang auch schon ihre Zuzahlung für Medikamente selbst tragen mussten, ändert sich allerdings da der Berechnungsmodus genauso wie für Gesetzlichversicherte.

Mein Medikament, das ich regelmäßig bekomme, soll in Zukunft nicht mehr rezeptpflichtig sein. Bedeutet das, die Kasse wird es nicht mehr bezahlen?

Kühle: Alle Arzneimittel, die nicht verschreibungspflichtig sind, dürfen im Regelfall nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Nach einer Übergangsregelung im ersten Quartal soll dies ab 1. April 2004 so gelten. Begründete Ausnahmefälle soll es aber geben.

Härtefälle zeichnen sich bereits ab: Der Wirkstoff Calciumfolinat beispielsweise, von Krebsärzten bei der Behandlung von Karzinomen verwendet, ist nicht verschreibungspflichtig, müsste also in Zukunft vom Patienten selbst getragen werden, wenn es nicht doch noch spezielle Regelungen geben sollte.

Ein anderes Beispiel: Sinupret, ein rein pflanzliches Mittel, das sehr gut unter anderem gegen Stirnhöhlenvereiterung wirkt, muss in Zukunft vom Patienten selbst bezahlt werden.

Ich hatte für die Zuzahlungen eigentlich bereits eine Befreiung bis zum 31.Dezember 2004 erhalten. Diese soll jetzt nicht mehr gültig sein?

Löscher: Alle Befreiungsausweise gelten nur noch bis zum 31.Dezember 2003.

Härtefallregelungen mit generellen Befreiungen wird es nicht mehr geben.

Wenn Sie mit Zuzahlungen und Praxisgebühren zwei Prozent Ihres Bruttojahreseinkommens zum Lebensunterhalt (dazu zählt nicht nur Gehalt oder Rente, sondern beispielsweise auch Mieteinnahmen) erreicht haben, können Sie einen Antrag auf Befreiung stellen; als schwerwiegend chronisch Kranker liegt die Belastungsgrenze bei einem Prozent.

Ich bin wegen einer Herzerkrankung regelmäßig in ärztlicher Behandlung. Bin ich damit im Sinne des Gesetzes „chronisch krank”?

Reermann: Es tut mir leid, Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt keine genaue Antwort geben zu können. Aber die Definition, wer genau unter den Begriff „Chronisch Kranker” fällt, liegt noch nicht vor. Dies ist noch nicht endgültig entschieden.

Es zeichnet sich aber bereits ab, dass die „Großzügigkeit”, mit der dies bislang geregelt war, nicht mehr gegeben sein wird.

Es ist doch von der Wahl der Kostenerstattung die Rede. Was würde das für mich konkret bedeuten?

Löscher: Sie könnten dann, obwohl Sie gesetzlich versichert sind, quasi wie ein „Privatpatient” zum Arzt gehen. Danach würden Sie vom Arzt eine Rechnung bekommen und diese selbst bezahlen.

Wir erstatten Ihnen die Kosten - allerdings nur nach den Vertragssätzen für die gesetzliche Versicherung. Die Differenz müssten Sie, wenn Sie keine private Zusatzversicherung haben, selbst tragen; ebenso natürlich die Praxisgebühr und die Medikamentenzuzahlung. Hinzu käme noch ein Anteil für Verwaltungskosten und die Kosten für die fehlende Wirtschaftlichkeitsprüfung.

Zu bedenken ist: Sie sind an Ihre Entscheidung zur Kostenerstattung, die Sie vor dem Arztbesuch treffen müssen, für ein Jahr gebunden. Sie sollten sich dies also sorgfältig überlegen und sich zuvor unbedingt eingehend beraten lassen.