Geilenkirchen und das Jahr 1949

Ein Blick in die Geschichte Geilenkirchens : Das kulturelle Leben kehrt langsam zurück

Rathäuser, Schulen und Kirchen: Das Jahr 1949 war auch in Geilenkirchen geprägt vom Wiederaufbau und eine Art Neubeginn. Die Vereine nehmen ihre Aktivitäten wieder auf.

Im Jahr 1949 waren die Folgen des Krieges in der Region noch spürbar. Doch das Land kämpft sich zurück, der Wiederaufbau der öffentlichen Gebäude beginnt. In viel größerem Umfang als die Nachbarkommunen Gangelt und Übach-Palenberg war die Kreisstadt Geilenkirchen von den Kriegsfolgen gezeichnet. Sowohl die Innenstadt selbst als auch die Dörfer im Bereich der damaligen Amtsverwaltung Immendorf und Würm waren fast völlig zerstört. Nicht nur Wohnhäuser sondern auch öffentliche Einrichtungen wie Rathäuser, Verwaltungsgebäude, Schulen und Kirchen glichen einer Trümmerwüste.

Man musste sich mit Provisorien begnügen. In dieser Hinsicht bot das Jahr 1949 auch einen Neubeginn. Zum letzten Mal trafen sich die 1948 gewählten Ratsherren am 24. Mai 1949 zu ihrer Sitzung im „Provisorium“ in der damaligen Neustraße, der heutigen Herzog-Wilhelm Straße .

Eine Woche später wurde das neue Verwaltungsgebäude am Markt seiner Bestimmung übergeben.

Bauen in Rekordzeit

In einer Rekordzeit von drei Monaten war unter der Aufsicht des städtischen Bauamtes aus der Ruine des ehemaligen Wehrmeldeamtes ein neues Verwaltungszentrum errichtet worden. Das Hauptgebäude beherbergte zwölf Büroräume, eine Dienstwohnung für den Stadtdirektor sowie einen Sitzungssaal für die Ratsherren. Mit diesem Neubau war das Startsignal für einen hoffnungsvollen Neubeginn gelegt worden, der fünf Jahre später am 19. Oktober 1954 durch die Grundsteinlegung für das neue Rathaus seine Vollendung fand.

Neben der Kreissparkasse hatte auch die Polizeibehörde ihren Standort  in weniger kriegszerstörte Orte des Kreisgebietes verlegen müssen. Ihr Umzug von der provisorischen Dienststelle in Wassenberg in die freigewordene Villa Dautzenberg in der Herzog-Wilhelm Straße signalisierte ebenfalls den Neubeginn des öffentlichen Lebens.

Auch der Bauchemer Wasserbau, der seit 1903 die Versorgung des Geilenkirchener Landes mit Trinkwasser sichergestellt hatte, war ein Opfer des Krieges geworden.

Erster Wasserturm in der Region

Nachdem das Wasserwerk bereits im September 1945 eine behelfsmäßige Lieferung sichergestellt hatte, machten zahlreiche Rohrbrüche den baldigen Wiederaufbau unumgänglich. Der am 2. Juni 1949 erfolgten Grundsteinlegung folgte bereits am 27. September 1950 die Einweihung. Als erster von 11 im Bereich des Regierungsbezirks Aachen zerstörten Türmen konnte der hiesige Wasserturm wieder in Betrieb genommen werden.

Bis auf die Pfarrkirchen St. Mariä Himmelfahrt  in Geilenkirchen und Heilig Kreuz in Süggerath waren alle andere Gotteshäuser nicht mehr benutzbar. Die Gläubigen mussten sich mit Notkirchen begnügen und warteten ungeduldig auf den Wiederaufbau ihrer „religiösen Heimat“. Mangel an Baumaterialien und in einzelnen Pfarreien Alter und Krankheit der Pfarrer verzögerten die Projekte. Nichts desto trotz war man bemüht zumindest das Gelände unter Beteiligung aller Pfarrangehörigen – selbst der Schulkinder- so bald wie möglich zu „entschutten“.

1949 lagen aber die Kirchen in Hünshoven, Kraudorf und Würm noch völlig zerstört am Boden. Der  Wiederaufbau war den in den Jahren 1949 und 1950 neueingeführten Pfarrern Wilhelm Forsbach(Hünshoven), Matthias Schmitz (Kraudorf) und Hubert Schmitz ( Würm) vorbehalten. Zweifellos ragte unter allen Kirchneubauten die von dem über die Grenzen des Rheinlandes hinaus bekannten Architekten Dominikus Böhm hinaus konstruierte Pfarrkirche St. Johann Baptist in Hünshoven heraus. Aber auch die Engagements der anderen Pfarrer sind genauso zu würdigen, zumal in Würm als dem laut Bericht der Geilenkirchener Volkszeitung vom 10. September 1949 am stärksten zerstörten Ort des Kreises   alle Lebensgrundlagen zerstört waren.

Schule wieder aufgebaut

Der Raum einer ehemaligen Lazarettbaracke diente in gleicher Weise als Notkirche und als Unterrichtsraum. Ohne große Unterstützung durch die öffentliche Hand konnte dank des zähen Aufbauwillens der Bevölkerung das alte Schulgebäude aus dem Jahre 1845 1949 wieder zu Unterrichtszwecken genutzt werden. In gleicher Weise lenkte man die Aufmerksamkeit auf den Wiederaufbau der Pfarrkirche. Dabei sollte die 1949 ausgesprochene Hoffnung, in spätestens zehn Jahren wieder ein neues Gotteshaus an Stelle der alten Kirche setzen zu können, bereits 1953 in Erfüllung gehen.

An das Kultusministerium gerichtete Petitionen mit dem Ziel, eine Unterstützung aus dem „Grenzlandfond“ zu erhalten, durch die Kreissparkasse gewährte zinslose Darlehen sowie Beihilfen von seiten des Bischöflichen Generalsvikariats zeigen, dass die genannten Pfarren alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben um die notwendigen Geldquellen „aufzutreiben“. Aber die Hauptlast lag in den Händen der selbst unter den Kriegsfolgen leidenden Bevölkerung, die durch Haussammlungen einen finanziellen Grundstock ermöglichte und nicht selten das Baumaterial unentgeltlich lieferte.

Dagegen konnten die Wiederaufbaumaßnahmen an der Missionsschule St. Josef auf dem Loherhof bereits 1949 erfolgreich zum Abschluss gebracht werden, als in Verbindung mit den Feierlichkeiten zum Schuljubiläum  die Herz-Jesu Kirche benediziert wurde. Sie sollte in den nächsten beiden Jahren den Pfarrangehörigen von Hünshoven als Notkirche zur Verfügung stehen.

Mit der die Tradition  der 1934 aufgelösten Höheren Knabenschule fortsetzenden Städtischen Realschule konnte 1949 eine Lücke in der Schullandschaft der Kreisstadt geschlossen werden. Die Wiedereröffnung der Schule war angesichts der damaligen Zeitverhältnisse nicht unproblematisch.

Es bedurfte umfangreicher Verhandlungen der hiesigen Stadtoberen mit den Vertretern der Bezirksregierung vor allem wegen der ungeklärten Finanzierungsfrage, bevor am 27. April 1949 der damalige Rektor Kohlhaas mit wenigen Kollegen und einer Eingangsklasse von 38 Schülern das Gebäude in Hünshoven beziehen konnte.  Für die Stadt Geilenkirchen bedeutete die Etablierung dieser Schulform eine zusätzliche Mehrbelastung,  da auch andere dringende Projekte wie die Instandsetzung der unter den Kriegsfolgen leidenden Schulen in Gillrath, Tripsrath und Hatterath auf ihre Durchführung warteten.

Mit der Neuordnung des Bildungswesens kam die öffentliche Hand einer gesetzlichen Verpflichtung nach. Damit war die ganze Bandbreite des kulturellen Sektors noch nicht erschöpft.

Die Reaktivierung von Vereinen, deren Aktivitäten durch die Kriegswirren geruht hatte, Vereinsneugründungen sowie zahlreiche Angebote im Bereich der Musik, der Literatur und der bildenden Kunst machten im Jahr 1949 Schlagzeilen.

Das kulturelle Leben lässt grüßen

Für die Weiter- und Fortbildung sorgten die Stadtbücherei Geilenkirchen , die für die Interessenten einen Bestand von 500 Bänden zur Verfügung stellte, sowie die Volkshochschule, die Kurse in Geilenkirchen und Übach-Palenberg anbot.

Auch der närrische Virus hatte die Kriegswirren überdauert. Er erfasste die Menschen in Stadt und Land.  Man verstand wieder zu feiern und vor allem den Alltag zu parodieren. Vor allem der die Besatzungssituation thematisierende Schlager „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ verlieh der Session 1948/49 eine originelle Note.

Sowohl Sitzungen als auch erste Karnevalsumzüge fanden in Frelenberg, Übach, Boscheln und Palenberg einen guten Zuspruch. Im Winter 1948/49 schlug auch die Geburtsstunde der KG „ Würmer Wenk“, deren Veranstaltungen wegen des Todes des Pfarrers Dohmen kurzfristig abgesagt werden mussten.

Auch die Kirmesfeierlichkeiten als Höhepunkt des kulturellen Lebens in den Dörfern   erlebten im Jahr 1949 eine Renaissance. Verwandtenbesuche, Festumzüge, Tanzveranstaltungen sowie die bei den Kindern beliebten Karussells  und Buden ließen drei Tage lang die Arbeit ruhen.

Zum ersten Mal nach Kriegsende fanden an den Pfingsttagen Schausteller den Weg nach Geilenkirchen zum Pfingstmarkt, der Menschen aus Nah und Fern in die Kreisstadt lockte. Über die Grenzen der Stadt hinaus Beachtung fanden die Jubiläumsfeierlichkeiten der vor 285 Jahren gegründeten St. Johannes Schützenbruderschaft. Es war das erste Schützenfest im heutigen Bezirksverband Geilenkirchen. Die Vorbereitungen für die beiden großen Schützenfeste in Teveren und Geilenkirchen in den folgenden Jahren waren bereits im vollen Gang.

Für Unterhaltung und Geselligkeit sorgten von zahlreichen Ortsvereinen wie der DJK Gillrath und den Kirchenchören in Brachelen und Immendorf dargebotenen Theateraufführungen. Eine Laienspielspar unter Leitung von Lehrer Bernhard Jussen wurde im Jahr 1949 gegründet und hatte über längere Zeit ihren festen Platz im kulturellen Leben der Kreisstadt.

An eine alte Vorkriegstradition knüpfte man 1949 in Übach-Palenberg an: Der Festsaal der Gewerkschaft Carolus Magnus wurde zum Zentrum des kulturellen Lebens. Am 20.März wurde die Bevölkerung zum Besuch eines Frühjahrskonzerts eingeladen.

Für den Ferienmonat Juli waren mehrere Gastspiele des Rheinischen Landestheaters terminiert. Zum kulturellen Zentrum der Kreisstadt entwickelte sich hingegen das Steinbuschbad. Am 26. März führte der Männergesangverein „Liedertafel“ das große Oratorium „ Die Jahreszeiten“ von Haydn auf. Eine Operettenaufführung des Stadttheaters Aachen fand Anfang Dezember nicht die gewünschte Resonanz bei der Bevölkerung.

In der Gemeinde Gangelt schlug in diesem Jahr die Geburtsstunde des Freibads. Der Rat beschloss im Juni das Schwimmbad wieder betriebsfähig zu machen und das Gelände durch ein Gasthaus auszustatten. Damit wurde sinnvoll in die Zukunft investiert, zumal die Ambiente von Freibad und Restaurant die touristische Attraktion der Gemeinde bis zum heutigen Tag begründet hat.  
>Fortsetzung folgt

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