Geilenkirchen: Neutralitätsgebot für Lehrer

Neutralitätsgebot für Lehrer : Für Meinungsfreiheit und gegen Bespitzelung

„Wir haben rechtsextreme Bundestagsabgeordnete im Deutschen Bundestag wieder sitzen, seit der letzten Bundestagswahl.“ Dieser im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung in eine Fernsehkamera gesprochene Satz hatte, wie berichtet, Uwe Böken, Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen, eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingebracht.

Der Aachener AfD-Bundestagsabgeordnete Uwe Kamann hatte die Beschwerde auf den Weg gebracht. Böken hatte zwar die AfD nicht direkt genannt, doch wem der Schuh passe, der müsse ihn sich halt anziehen, hatte Böken im Nachhinein argumentiert. Aus der Dienstaufsichtsbeschwerde wurde nichts, doch die Diskussion um das Neutralitätsgebot für Lehrer ist nicht vom Tisch.Vor allem junge Lehrer, so Uwe Böken, die ihre Karriere noch vor sich hätten, dürften nicht eingeschüchtert werden.

Eine Podiumsdiskussion soll das Thema vertiefen. Sie trägt den Titel „Neutralitätsgebot für Lehrer: Wie weit reicht das Recht auf freie Meinung, und wo sind die Grenzen der freien Meinungsäußerung im Unterricht?“. Diese öffentliche Veranstaltung wird am Donnerstag, 8. November, ab 19 Uhr in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen stattfinden.

Die Initiative Erinnern Geilenkirchen tritt als Veranstalter auf. Hans Bruckschen ist ihr Sprecher und Geschichtslehrer an der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Beim Pressetermin zur Vorstellung der Podiumsdiskussion und zweier weiterer Veranstaltungen bezieht Hans Bruckschen klar Position. Es sei eine haltlose Unterstellung der AfD, wenn sie mit ihrer Online-Plattform „Lehrer-SOS“ suggeriere, Lehrer würden ihre Schüler einer linken Indoktrination unterziehen.

Mit ihrer Podiumsdiskussion möchte sich die Initiative Erinnern für die Freiheit der Rede und Meinung und gegen Bespitzelung und Gesinnungsschnüffelei engagieren. Die Initiative fordert ein: Freiheit der Meinung und Zivilcourage im Unterricht als Garanten einer werteorientierten Bildung und Erziehung.

Uwe Böken ist Lehrer für Mathe und Physik, ein Mann der Tatsachen also. Er sagt: „Wir stehen 15 Jahre vor dem Jahr 2033.“ Mathematisch sei das korrekt, fügt er augenzwinkernd hinzu. Seine Schule steht seit 25 Jahren für ein Menschenbild, das auf einem respektvollen Miteinander der Kulturen fußt. Das Schicksal der jüdischen Namensgeberin der Schule steht als Mahnmal dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf. Wie man als Lehrer Geschichte im Unterricht vermittelt und dabei aktuelle politische Entwicklungen nicht außen vor lässt, davon hat Hans Bruckschen eine klare Vorstellung.

Wie würde er reagieren, wenn ihn Schüler im Unterricht auf eine Aussage wie etwa die des AfD-Bundessprechers Jörg Meuthen, der Asylbewerber in zentralen Einrichtungen mit Ausgangssperre unterbringen möchte, ansprechen? Bruckschen, der das dünne Eis ahnt, sagt: „Man könnte natürlich sagen, das passt jetzt nicht in den Lehrplan, aber man kann das auch mit den Schülern ausdiskutieren.“ Dabei gelte es, handwerklich korrekt zu unterscheiden, den Schülern eine Vielzahl von Quellen und geschichtlichen Ansatzpunkten zu bieten, damit sie selber Vergleiche ziehen könnten. Hans Bruckschen: „Rein plakativ geht nicht, das muss man ausdifferenziert betrachten: fachlich sauberes Handwerk.“

Dieses fachlich saubere Handwerken wurde schon 1976 festgelegt im sogenannten Beutelsbacher Konsens. Dieser legt drei Grundsätze politischer Bildung fest: 1. das Überwältigungsverbot (Lehrende dürfen Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen), 2. die Gegensätzlichkeit (der Lehrende muss ein Thema kontrovers darstellen) und 3. die Schülerorientierung (der Schüler soll die politische Situation der Gesellschaft und seine eigene Position analysieren können).

Der Beutelsbacher Konsens wird sicherlich Erwähnung finden in der Podiumsdiskussion. Drei Teilnehmer wurden eingeladen: Ilja Gold (Fachmann Neutralitätsgebot und Neue Rechte, NS-Dokumentationszentrum Köln), Freya Elvert (Fachfrau Erscheinungsformen Neue Rechte, Vogelsang - Internationaler Platz) und Rechtsanwalt Rainer Dietz, der Uwe Böken bei seiner Dienstaufsichtsbeschwerde fachlich begleitete. Die Podiumsdiskussion wird moderiert von Dr. Ulla Louis-Nouvertné (Anton-Heinen-Volkshochschule) und Hans Bruckschen.

Einen Tag nach dieser Podiumsdiskussion findet eine weitere Veranstaltung der Initiative Erinnern Geilenkirchen statt. In Gedenken an die Verbrechen der Reichspogromnacht 1938 lädt die Initiative zu einem Lichtergang durch Geilenkirchen ein. „Erinnerung sichtbar machen – Ein Licht in die Welt tragen“ lautet das Motto dieses Erinnerungsganges, der am Freitag, 9. November, um 19 Uhr in der Evangelischen Kirche Geilenkirchen, Konrad-Adenauer-Straße 83, startet.

Eine „Jüdische Zeitreise“ mit Liedern und Geschichten von Dany Bober bietet die Anton-Heinen-Volkshochschule in Kooperation mit der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule bereits am Sonntag, 4. November, um 17 Uhr in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, Pestalozzistraße 27, an. Dany Bober wurde 1948 in Israel geboren. 1956 remigrierten seine Eltern mit ihm in die Geburtsstadt seines Vaters, Frankfurt am Main. Bober lebt in Wiesbaden. Seine Lieder, Gedichte und Geschichten sind von jüdischem Humor getragen.