Geilenkirchen: Geilenkirchen bangt um die drei Geiseln

Geilenkirchen: Geilenkirchen bangt um die drei Geiseln

Die 170 Soldaten und 30 zivilen Mitarbeiter des Geilenkirchener Zentrums für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr bangen um ihre drei Kameraden: In der Ostukraine wurden sie am Freitag von pro-russischen Separatisten als Geiseln genommen.

„Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, die wir betreuen werden“, erklärt am Montagmorgen noch der Sprecher des Zentrums, Roman Wolf. „Wir haben volles Vertrauen in die diplomatischen Bemühungen und warten das Weitere ab“, sagt er. Aber ansonsten: kein Kommentar. Keine weiteren Auskünfte. Zuständig sei das Bundesverteidigungsministerium in Berlin, heißt es hier.

Brigadegeneral Jürgen Beyer hatte Ursula von der Leyen auf dem Teverener Flugplatz abgeholt und begleitete sie ins Stabsgebäude. Foto: Georg Schmitz

Das ändert sich eine Stunde später schlagartig: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat ihre für Montag geplante Kosovo-Reise wegen der Festsetzung mehrerer deutscher Militärbeobachter kurzfristig abgesagt, besteigt in Berlin die bereitstehende Challenger und lässt sich zum Nato-Flugplatz Teveren fliegen. Hier wird sie vom Kommandeur des Zentrums für Verifikationsaufgaben, Brigadegeneral Jürgen Beyer, empfangen.

Warten auf die Ministerin: Kamerateams der großen Fernsehsender und Journalisten aus Berlin warteten auf ein Statement zu den Vorfällen in der Ukraine. Foto: Georg Schmitz

Mit der Limousine geht es in die Niederheider Selfkantkaserne, wo die Ministerin den Angehören der drei festgehaltenen Soldaten — Ehefrauen und Kinder — ihr Mitgefühl ausspricht. Während die Filmkameras aller großen Fernsehsender von ARD über RTL bis hin zum ZDF surren und die Fotoapparate der Zeitungs-Fotografen klicken, hebt die Ministerin vor den angetretenen Soldaten die Bedeutung des Zentrums hervor. Von Berlin aus, so versichert sie, werde alles getan, um die Kameraden zu befreien. Zuvor schon hat sie im Gespräch mit Jürgen Beyer auf die Bedeutung von OSZE und Vertrauensbildung hingewiesen.

Ein Zentrumsangehöriger, ein erfahrener hochrangiger Offizier, spricht am Rande von der „Machtlosigkeit“, die er in einem solchen Fall verspürt, obwohl er selbst seit über 30 Jahren Soldat ist und seit vielen Jahren Erfahrungen bei Auslandseinsätzen für den Awacs-Verband und für das Abrüstungsamt gesammelt hat. Sein Mitgefühl gilt nicht nur den betroffenen Soldaten: „Besonders den Ehefrauen fällt es schwer zu verstehen, was da abläuft.“ Aber auch ihm fällt es trotz jahrzehntelanger Arbeit als Soldat schwer, die Lage einzuordnen.

„Gott sei Dank hatte ich in all den Jahren noch keine Erfahrungen mit Geiselnahme. Außerdem sind die Entführer keine Profis.“ Während er das sagt, verlässt ein weiterer hochrangiger Offizier das Stabsgebäude. Schlecht rasiert. „Entschuldigung“, sagt er, „ich war die ganze Nacht über in der Einsatzzentrale.“ Die Einsatzzen-trale des Zentrums ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt. 24 Stunden am Tag werden hier politische und militärische Informationen ausgewertet. Doch in diesen Tagen wird das Team natürlich verstärkt. Schließlich sorgt man sich um drei Kameraden.

Auch Bürgermeister Thomas Fiedler äußert am Montag seine Betroffenheit, will sie dem Kommandeur persönlich per Telefon übermitteln. Die drei festgehaltenen OSZE-Beobachter kennt er nicht persönlich. Sie arbeiten in Geilenkirchen, wohnen allerdings mit ihren Familien nicht in der Stadt. „Trotzdem sind sie Nachbarn und Freunde von Geilenkirchenern. Ich teile die Sorgen der Familien, egal wo sie leben“, sagt er und betont: „Durch diesen bedauerlichen Vorfall der Geiselnahme rückt die Bedeutung des Zentrums ins rechte Licht.“ Betroffenheit herrscht aber auch bei ehemaligen Soldaten des Zentrums, das im April 1991 in Dienst gestellt wurde. Einer von ihnen ist Rüdiger Strübig, Vorsitzender des Aktionskreises Geilenkirchen.

Der pensionierte Oberstleutnant war von 1993 bis 2001 als Dezernatsleiter in der Selfkant-Kaserne für den Einsatz von Militärbeobachtern im Rahmen von UNO und OSZE-Einsätzen zuständig. Die drei Geiseln aus seiner ehemaligen Dienststelle sind ihm nicht bekannt. „Trotzdem denkt man an die Betroffenen, die unter großem psychischem Druck stehen, und deren Familien“, erklärt er. Der heute 69-Jährige erinnert aber auch daran, dass der Beruf eines Soldaten mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Der Vorfall in der Ostukraine sei nicht der erste in der Geschichte des Zentrums, erklärt er und berichtet von einer Geiselnahme in Georgien, die allerdings glimpflich ausgegangen sei.

Strübig hatte den Kameraden, der nach der Geiselnahme in die Heimat ausgeflogen und psychologisch betreut wurde, in Husum besucht. „Er konnte daraufhin auf eigenen Wunsch wieder in den Einsatz geschickt werden.“ Strübig weiß allerdings nicht, unter welchen Umständen der Soldat damals frei kam. „Es wird anschließend nicht publik gemacht, ob Zugeständnisse gemacht wurden oder Geld geflossen ist.“ Wie auch immer die Politik die drei Geilenkirchener frei bekommt, wird den Familien egal sein. Hauptsache, sie können ihre Ehemänner und Väter bald wieder in die Arme schließen.

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