Schlechtes Image und harte Arbeit: „Wir finden keine Lkw-Fahrer mehr“

Schlechtes Image und harte Arbeit : „Wir finden keine Lkw-Fahrer mehr“

Der Online-Handel boomt, immer mehr Waren müssen bewegt werden, doch gleichzeitig mangelt es an Lkw-Fahrern. Mittlerweile fehlen in Deutschland zwischen 45.000 und 60.000 Fahrer, schätzen der Bundesverband Spedition und Logistik und der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung – Tendenz steigend.

„Wir suchen aktuell zwei Lkw-Fahrer, aber der Markt ist wie leer gefegt. Wir finden niemanden“, erzählt auch Frank Lipperts, Teilhaber von Lipperts Transporte in Gangelt.

Die Logistiker würden oft vergeblich um die wenigen freien Fachkräfte buhlen. „Die Fahrer schauen, wo sie am meisten verdienen“, weiß der 35-Jährige. Früher sei das Gehalt lediglich in einem Nebensatz erwähnt worden.

„Der Lohn ist in den vergangenen  drei bis vier Jahren stark angestiegen“, weiß Frank Lipperts. Dabei würden die Unternehmen auf dem deutschen Markt mit den Billiglöhnen in osteuropäischen Ländern konkurrieren: „In Rumänien kann ein Unternehmen von dem gleichen Lohn zwei Fahrer beschäftigen.“

Immer weniger junge Menschen wollen hinter dem Lkw-Steuer Platz nehmen. Die Arbeitsbedingungen sind hart und das Ansehen schlecht. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Lipperts Transporte hat sich auf Transporte im Bereich Rhone Alpes spezialisiert und beschäftigt aktuell 30 Fahrer. Lediglich drei Frauen nehmen dabei regelmäßig hinter dem Steuer der hellblauen Lkw Platz. „Zwei Drittel unserer Fahrer sind außerdem weit über 50 Jahre alt, viele gehen in den nächsten Jahren in Rente“, erzählt Frank Lipperts. „So geht es allen in der Branche.“ Dadurch würde sich die angespannte Situation auf dem Fachkräftemarkt weiter verstärken.

„Der Lkw-Führerschein ist teuer und zeitintensiv“, erklärt Frank Lipperts. Auch nach bestandener Prüfung müssten immer wieder Schulungen nachgewiesen werden. „Früher haben viele bei der Bundeswehr eine Kraftfahrausbildung absolviert“, so der Sohn des Firmengründers. Das Ende der Wehrpflicht habe den Fahrermangel verstärkt. Im Jahr 2010, also im letzten Jahr vor der Abschaffung der Wehrpflicht, machten nämlich noch etwa 17.800 Menschen eine Kraftfahrausbildung bei der Bundeswehr.  „Daher zahlen wir für unsere neuen Fahrer auch den Führerschein. Dafür haben wir eine eigene Fahrschule im Gebäude“, verrät Frank Lipperts. Mit zusätzlichen Startprämien zum Arbeitsbeginn, wie sie einige große Unternehmen zahlen, könne das Familienunternehmen allerdings nicht mithalten.

Eher schlechte Erfahrungen hat das Unternehmen mit vom Arbeitsamt umgeschulten Fahrern gemacht. „Wer keinen Plan hat, wird vom Arbeitsamt gerne zum Lkw-Fahrer umgeschult. Diese Fahrer sind dann aber nicht mit dem Herzen dabei“, erzählt Frank Lipperts. Ihre Fahrweise sei oft schlecht und dadurch sei es bereits zu einigen Unfällen gekommen.

„Der Beruf des Lkw-Fahrers hat heute ein schlechtes Image“, ist sich Frank Lipperts bewusst. Dabei seien viele seiner Fahrer mit Herzblut dabei. „Auf der Straße ist man sein eigener Chef und viele lieben das Gefühl von Freiheit hinter dem Steuer“, weiß er. Auch die Begeisterung für die Größe des Fahrzeuges spiele bei der Berufswahl oft eine Rolle. „Als Lkw-Fahrer kommt man herum, man sieht jeden Tag etwas Neues und nicht nur den gleichen Computerbildschirm“, wirbt Frank Lipperts für den Job.

Nach einem langen Tag auf der Autobahn machen es sich die Fahrer in ihrem Bett gemütlich. Viele richten die Fahrerkabine nach ihren Wünschen ein. Foto: ZVA/Michèle-Cathrin Zeidler

Trotzdem gibt er ehrlich zu: „Für mich ist der Beruf nichts. Ich bin lieber jeden Abend Zuhause.“ Anders geht es da seinem Vater und seinen Onkel: „Die beiden sind noch regelmäßig für uns unterwegs.“

Dabei würden die Chefs immer wieder hautnah mit den Problemen der Fahrer konfrontiert. „Die Straßen sind sehr voll und es gibt zu wenig Platz auf den Raststätten“, berichtet Frank Lipperts. „Wir brauchen einfach mehr Parkplätze.“ Auch sei der Umgangston beim Be- und Entladen nicht der beste. „Viele Fahrer wollen daher sogar lieber die weiten Routen bis nach Frankreich. Dort ist das Verkehrsaufkommen durch die allgemeine Maut entspannter“, verrät Frank Lipperts.

Über schlechte hygienische Verhältnisse auf den Raststätten würden sich die Gangelter Fahrer nicht beklagen. „Da ist in den vergangenen Jahrzehnten einiges passiert“, so der Geschäftsführer. Auch für Übernachtungen seien die Fahrerkabinen gut ausgestattet. „Viele Fahrer gestalten die Kabine noch nach ihren eigenen Wünschen mit spezieller Inneneinrichtung, einem Lederteppich, einem Fernseher oder haben Koch-Utensilien dabei“, weiß Frank Lipperts.

Um die Nacht auf dem Rastplatz noch attraktiver zu gestalten, gibt es Überlegungen in der Gesetzgebung, die Kabinen nach dem Vorbild der in den USA verbreiteten „Langhaubern“ wieder zu erlauben.  „Bisher darf die Gesamtlänge maximal 18,75 Meter betragen“, sagt Frank Lipperts.

Das Familienunternehmen macht sich Sorgen um die Zukunft der Branche. „Das Image der Fahrer wird sich nur schwer verbessern lassen“, befürchtet Frank Lipperts. Immer weniger junge Menschen würden sich für den Beruf motivieren lassen. „Gleichzeitig werden wir auch weiterhin jedes Jahr einen zusätzlichen Fahrer brauchen“, schätzt der 35-Jährige. „Die Nachfrage steigt und wir müssen unseren Fuhrpark vergrößern.“

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