Kranke Psyche: Jetzt dem Sog des Bettes widerstehen

Kranke Psyche : Jetzt dem Sog des Bettes widerstehen

„Warum flüstert die Wand plötzlich mit mir. Wo kommen die seltsamen Geräusche her“, fragt sich Franz Blickhans (Name von der Redaktion geändert). Immer wieder hört der 50-Jährige die leisen Stimmen aus der Wand.

Immer verzweifelter versucht er, eine Erklärung für diese Wahrnehmung, die er mit niemandem teilen kann und mit der er ganz allein ist, zu finden. „Die Aliens sind da“, glaubt er, die Erklärung für das Unerklärliche gefunden zu haben.

Franz Blickhans ist an paranoider Schizophrenie erkrankt. Hilfe findet er in der Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Katharina Kasper ViaNobis GmbH in Gangelt.

„Die Wahrnehmung dieses Patienten ist gestört, sein Realitätsbild ist verzerrt. Er braucht aber eine erklärbare Realität. Und so sind die Aliens für seine Wahrnehmung eine annehmbare Lösung“, sagt Dr. Michael Plum, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Anästhesiologie sowie Chefarzt und Ärztlicher Direktor in der ViaNobis in Gangelt.

Depressionen, Schizophrenie, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Demenz und Suchtkrankheiten behandeln Dr. Plum, sein Kollege Chefarzt Simeon Matentzoglu, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und ein 40-köpfiges Ärzte- und Psychologen-Team. Plum ist sich sicher: „Die Zahl der psychischen Erkrankungen wird zunehmen.“ Die Ursachen sieht er in  der zunehmenden Vereinsamung der Menschen und der gleichzeitigen Reizüberflutung in einer immer komplizierter werdenden Arbeits- und Lebenswelt.

Großes Thema Resilienz

„Die seelische Gesundheit ist unser Thema. Und sie wiederherzustellen, wenn sie verloren gegangen ist“, sagt Michael Plum. Im Gespräch mit den beiden Chefärzten fallen immer wieder zwei Begriffe: Resilienz (die psychische Widerstandsfähigkeit, um Krisen zu bewältigen) und Salutogenese (Entstehung und Erhaltung von Gesundheit). „Wir haben eine sehr freundlich und hell gestaltete Klinik. Das Haus ist offen, mit viel Licht, großen Fenstern und vielen Türen ins Grüne und Freie“, sagt Plum.

Die therapeutische Arbeit entspricht dem neuesten wissenschaftlichen Stand mit großem Wert auf Gesprächstherapie, Bewegungs- und Ergotherapie, Entspannungsverfahren, Kunst- und Tanztherapie bis hin zu Reittherapie. „Resilienz ist inzwischen in der Psychiatrie das ganz große Thema, das wir hier für die Versorgung der Menschen im Kreis Heinsberg bereits seit vielen Jahren zentral in den Blick genommen haben“, sagt Matentzoglu.

Resilienz und Salutogenese: Was macht den Menschen psychisch krank? Was verhindert eine psychische Erkrankung? Was macht den Menschen widerstandsfähiger? Das sind Fragen, mit denen sich die Ärzte in der Fachklinik der ViaNobis beschäftigen. Die Ansprüche am Arbeitsplatz werden immer größer, die  Anforderungen an die Flexibilität des Menschen steigen an, Wissenschaftler sprechen von einer Reizüberflutung. „Das menschliche Gehirn muss heute ein Vielfaches mehr an Informationen aufnehmen als vor 30 Jahren“, erklärt Matentzoglu.

Sie wollen die seelische Gesundheit wieder herstellen: die Chefärzte Dr. Michael Plum (links) und Simeon Matentzoglu und Pflegedirektorin Bettina Vieten. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Männer wie Frauen werden in der heutigen Gesellschaft durch ständig steigende Anforderung an die Selbstoptimierung stark belastet: „Sie müssen im Beruf trotz vieler Unsicherheiten wie Zeitverträgen und ständigen digitalen Neuerungen bestehen, die Kinder versorgen, gute Ehepartner sein und dann auch noch in der Freizeit ständig digital vernetzt sein. Das sind natürlich Herausforderungen für die Psyche, oft auch Überforderungen“, sagt Plum und meint weiter: „Das Leben darf nicht in einen Selbstoptimierungswahn geraten.

Der Mensch muss auch mal Luft holen können und sich fragen dürfen, wie er trotz alledem Lebensqualität haben und sich sinnvolle Grenzen setzen kann.“ Freundschaften, soziale Verbundenheit und einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten sind die wirksamsten Faktoren zur Verhinderung vieler psychischer Erkrankungen und insbesondere von Demenz, weiß Chefarzt Plum.

Kleine Alltagsstreitereien sollte man häufiger hinterfragen, ob sie die Aufregung und die zwischenmenschliche Dissonanz wirklich wert sind. Auch Smartphone und Fernseher besitzen Tasten zum Ausschalten. Die könne man gerne öfters benutzen. „Und dann: Wir sitzen viel zu viel, dabei verträgt das der menschliche Organismus, der evolutionsgeschichtlich betrachtet vor Kurzem noch den ganzen Tag mit Jagen und Sammeln zu tun hatte, gar nicht. Bewegungsmangel macht depressiv. Immer klarer wird auch die Bedeutung gesunder Ernährung, hierzu reicht oft schon der Verzicht auf Fertigprodukte. Wandern und Radfahren ordnen das Denken und machen nach einem anstrengenden Tag den Kopf frei“, weiß  Plum aus eigener Erfahrung.

Mehrmals in der Woche kommen die beiden in Aachen wohnhaften Chefärzte mit dem Rennrad zur Arbeit nach Gangelt. Zeitmangel gilt aus ihrer Sicht nicht als Argument, keinen Sport treiben zu können. „Sport im Alltag“ lautet die Devise: die Treppe statt den Fahrstuhl nehmen, mehr Wege zu Fuß statt mit dem Auto erledigen, nicht bis vor die Supermarkttüre fahren und viele andere Möglichkeiten der Bewegung in den Alltag einbauen. „Befragungen haben ergeben, dass sich manche Menschen bis zu 20 Stunden in der Woche mit dem Handy beschäftigen.

Vor dem Fernseher und mit Internet-Recherche wird ziemlich viel Zeit verplempert. Da kann man sich nicht weiterentwickeln. Der Mensch muss dem Sog des Sofas widerstehen, Sport hat die gleiche Wirkung wie ein Antidepressivum“, sagt Dr. Plum. Matentzoglu weist bei der Gelegenheit auf das Balance-Modell hin: „Je mehr Leistung abgerufen wird, desto größer muss der Ausgleich sein. So schaffe ich es, ausgeglichen zu sein und kann noch mehr Leistung abrufen.“ Allerdings weiß er, dass aktive Veränderung mühsam und oft ein jahrelanger Prozess ist.

300 Mitarbeiter

In diesen Prozess sind auch die Mitarbeiter des Hauses eingebunden. Gut 300 Mitarbeiter sind in ihren verschiedenen Professionen von der Pflege über die Ergo-, Physio-, Musik-, Tanz- und Kunsttherapeuten bis hin zum ärztlichen und psychotherapeutischen Dienst für die Gesundheit der Patienten da. Für die beiden Mediziner und auch Pflegedirektorin Bettina Vieten ist die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter sehr wichtig. „Wir haben mehr Kontakt zu unseren Patienten als in somatischen Kliniken üblich ist, da mehr Zeit für Bezugspflege, Gespräche und Gruppentherapien sowie Supervision und Teambesprechungen eingeplant ist.

Es wird viel Kompetenz erwartet, weil unsere Mitarbeiter eine Beziehung zu den Patienten aufnehmen müssen, um sie auf dem Weg aus ihrer Krankheit gut unterstützen zu können“, erklärt die Pflegedirektorin. Autogenes Training, Supervision, Yoga und Tanzen werden daher im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung angeboten. „Ein gutes Arbeitsklima und die Freude an der Arbeit in multiprofessionellen Teams kommt auch unseren Patienten zugute“, so  Plum.

Auch außerhalb der Fachklinik werden die beiden Chefärzte als Berater für Coaching angefragt: „Wie kann ich meine Resilienz stärken? Was macht stabil in Zeiten ständiger Veränderungen? Wie kann für eine psychisch gesunde Kindheit in gestresster Elternwelt gesorgt werden?“. Mit diesen zentralen Fragestellungen gehen sie in Schulen, Verwaltungen und Unternehmen.

Viel Aufklärungsarbeit wird von ihnen geleistet, dennoch befürchtet Plum: „Durch das immer komplexer werdende Leben wird auch die psychische Belastung zunehmen. Befristete Arbeitsverträge, größere Mobilität, ständige Erreichbarkeit, kaum bezahlbarer Wohnraum: wir leiden unter einem enormen Lebensstress. Es ist fast schon normal, einmal im Leben eine psychische Erkrankung zu haben“, sagt Michael Plum. Er und seine Kollegen setzen deshalb künftig auf mehr teilstationäre Plätze in der Tagesklinik, um möglichst viele Menschen wohnortnah versorgen zu können.

Natürlich ist es nicht nur der Lebensstress, der psychisch krank machen kann: Genetische Belastung, Infektionskrankheiten oder Erlebnisse in Kindheit und Jugend können Ursachen sein. „Wir müssen Experten unserer eigenen Gesundheit werden.“, sagt Plum. Medikamente geben sie nur mit Augenmaß, wie Plum sagt. „Möglichst wenig, aber ohne Medikamente ist beispielsweise eine schwere Schizophrenie nicht heilbar.“

Der Chefarzt setzt eher auf die rund 30 Therapieformen, die er in Gangelt anbieten kann. „Wir wollen die vielfältigen gesunden Ressourcen jedes psychisch kranken Menschen besser nutzen und ansprechen. Die gesunden Anteile müssen gestärkt werden.“ Dann können auch so psychosomatische Schmerzen nachlassen: „Psychische Störungen verursachen oft auch weitere körperliche Folgeerkrankungen. So haben schizophrene Patienten ein höheres Risiko für Kreislauferkrankungen“, sagt Plum.

Die Arbeit für die Mitarbeiter der Fachklinik wird in den nächsten Jahren nicht weniger interessant. „Die Psychiatrie entwickelt sich immer weiter. Wir verstehen neurobiologisch mehr und wissen immer besser, was wir tun müssen. In wenigen Jahren werden wir die Medikamente wohl noch spezifischer je nach persönlichem Gen-Status einsetzen. Und wir werden noch gezielter nicht-medikamentöse Therapien etwa zur positiven Beeinflussung unseres seelischen Wohlbefindens einsetzen.“

Seit 1975 übernimmt die Fachklinik der ViaNobis die akute psychiatrische Versorgung von kranken Menschen im Kreis Heinsberg. 133 vollstationäre Plätze im Gangelter Fachkrankenhaus und 55 Tagesklinikplätze in Gangelt, Heinsberg und Erkelenz stehen dafür zur Verfügung. In der psychiatrischen Ambulanz werden jährlich 3500 Menschen behandelt. Die Klinik ist Weiterbildungsstätte für angehende Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen und Neurologen sowie Pflegekräfte und Physiotherapeuten.

Darüber hinaus leben in den verschiedenen Wohnbereichen der Eingliederungshilfe der ViaNobis am Standort in Gangelt derzeit noch 230 Menschen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung wie in einem kleinen Dorf.