Die Jugendhilfe der ViaNobis GmbH

150 Jahre Dernbacher Schwestern: Die Jugendhilfe : „Wir müssen in seelische Gesundheit investieren“

Während die Gangelter Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und die Eingliederungshilfe für Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung in der Region bekannt sind, weiß wohl kaum einer, dass die Jugendhilfe der ViaNobis GmbH fast ein Drittel des Unternehmens ausmacht. Rund 600 Mitarbeiter – Erzieherinnen, Sozialpädagogen und therapeutische Fachkräfte – sind in der Jugendhilfe unter der Leitung von Guido Royé beschäftigt.

Die Mitarbeiter der ViaNobis GmbH in Gangelt rüsten sich in diesen Tagen für ihr großes Fest: Am Sonntag, 30. Juni, soll mit einem großen „150 JahrMarkt“ im Gangelter Ortskern daran erinnert werden, dass vor 150 Jahren drei Schwestern des Dernbacher Ordens auf Bitten der Ordensgründerin Maria Katharina Kasper nach Gangelt kamen und hier den Grundstein der heutigen Katharina Kasper ViaNobis GmbH, ein anerkannter Träger zahlreicher Angebote in der Behinderten- und Jugendhilfe, eines Ambulanten Pflegedienstes, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, einer Psychiatrischen Institutsambulanz, mehrerer Tageskliniken, Seniorenheime und Kindertagesstätten von der Städteregion Aachen bis zum Niederrhein legten.

Mit rund 1900 Mitarbeitern in über 40 Berufen ist sie heute an über 100 Standorten vertreten. Während die Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und die Eingliederungshilfe für Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung in der Region bekannt sind, weiß wohl kaum einer, dass die Jugendhilfe fast ein Drittel des Unternehmens ausmacht. Rund 600 Mitarbeiter – Erzieherinnen, Sozialpädagogen und therapeutische Fachkräfte – sind in der Jugendhilfe unter der Leitung von Guido Royé beschäftigt. 150 Erzieherinnen sind in den zehn Kindertagesstätten von ViaNobis im Kreis Viersen, in den Städten Mönchengladbach und Wesseling und in Gangelt im Einsatz.

In Gangelt sind es zehn Erzieherinnen, die sich um das Wohl der ihnen anvertrauten Mädchen und Jungen kümmern. Eigentlich ist die Jugendhilfe der heutigen ViaNobis wesentlich älter als 150 Jahre, wurde allerdings von den Dernbacher Schwestern in Rheindalen gegründet. „Im Zweiten Weltkrieg wurden die rund 100 Kinder aus dem Waisenhaus St. Josef evakuiert, zogen drei Jahre lang gemeinsam am Niederrhein entlang, und mit Hilfe der Stadt Mönchengladbach wurde schließlich in Dilborn eine neue Einrichtung gebaut“, blickt Guido Royé in die Geschichte. Die erste eigene Kita in Gangelt baute ViaNobis erst im Jahre 2010.

Rund 600 Mitarbeiter sind in der Jugendhilfe der ViaNobis beschäftigt. Foto: dpa/Monika Skolimowska

„Es ging um die Frage, wie wir unsere Mitarbeiter besser unterstützen können, damit sie Familie und Beruf besser vereinbaren können. Es ging dabei auch um flexible Einsatzzeiten unserer Mitarbeiter. Aber auch die Gemeinde Gangelt und der Kreis Heinsberg hatten Bedarf angemeldet“, sagt Royé. Die erste Kita-Gruppe wurde im Jahr 2010 eröffnet, ein Jahr später bereits die zweite und im Jahr 2014 die dritte Gruppe. 56 Mädchen und Jungen besuchen derzeit die Kita „Kinderreich“. „Kindergärten waren für die Dernbacher Schwestern nichts Neues. Sie bauten Kindergärten auf und gaben sie in den 70er- und 80er Jahren an die Katholischen Pfarreien ab“, so Royé. Bei der ViaNobis-Kita handelt es sich um eine Montessori-Kindertagesstätte, die dreisprachig geführt wird: Deutsch, Englisch und Niederländisch wird hier gesprochen.

Da aber auch diese Einrichtung aus allen Nähten platzt, wird diese Kita in einen Neubau „Im Hatsketal“ als fünfgruppige Einrichtung für 90 Kinder einziehen. Aber auch damit ist der Bedarf nicht gedeckt: „Wir haben noch 35 Kinder auf der Warteliste und bereits 45 für August 2020“, sagt Annika Mertens, Leiterin der Kita „Kinderreich“. Könnte nach einem Umzug in den Neubau die bestehende Kita auf dem ViaNobis-Gelände nicht weiterhin genutzt werden? Dazu sagt Royé: „Der Kreis Heinsberg müsste auf die Idee kommen, das zu wollen.“

Angesichts der Wartelisten brennt Guido Royé ein ganz anderes Thema auf den Nägeln: „Eine Hauptherausforderung der Zukunft ist die Frage, woher wir unsere Fachkräfte bekommen. Wir brauchen eine andere Anerkennung der Bildungsabschlüsse. Dem kann Annika Mertens nur zustimmen. Niederländische Erzieherinnen, so erklärt sie, müssten in Deutschland noch ein halbjähriges Praktikum machen und würden in dieser Zeit auch nur ein Praktikantengehalt erhalten.

„Die Niederländer sind in ihrer Ausbildung spezialisierter, unsere Ausbildung ist generalistisch“, sagt die Kita-Leiterin. Belgische Erzieherinnen hätten sogar ein Pädagogik-Studium absolviert und würden in Belgien wie eine Primarlehrerin bezahlt. Wollten sie in Deutschland arbeiten, müssten auch sie hier ein Praktikum mit Praktikantengehalt machen, um anschließend wie eine Erzieherin bezahlt zu werden. „Uns alle wird der erforderliche Kita-Ausbau und ein Fachkräftemangel treffen“, so Mertens.

Nicht nur die Erzieherinnen können sich nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Auch Britta Müller die „Nepomuk“, das Netzwerk für Kinder und Jugendliche psychisch erkrankter Menschen, leitet, hat alle Hände voll zu tun: Hat sie im Jahre 2017 175 Familien beraten, so zählte sie im vergangenen Jahr 194 Familien zu ihren Klienten. Auch derzeit hat sie drei bis vier Anfragen in der Woche von Menschen, die ihre Hilfe suchen. Mit Nepomuk hat ViaNobis ein präventives Hilfs- und Unterstützungsangebot geschaffen, das sich vorrangig an Familien mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 18 Jahren aus dem Kreis Heinsberg wendet, in denen ein oder beide Elternteile psychisch krank oder suchtkrank sind.

„Kinder psychisch kranker Eltern haben ein fünffach höheres Risiko in eine Krise zu kommen, deshalb haben wir ein präventives niederschwelliges Angebot geschaffen“, sagt Royé. Da kein Rechtsanspruch auf ein solches Hilfsangebot besteht, sind weder die Kreise noch die Krankenkassen zu einer Finanzierung verpflichtet. Im Kreis Heinsberg wird Nepomuk über ViaNobis finanziert und vom Kreis Heinsberg bis Ende 2019 bezuschusst. Eine Bezuschussung muss aber immer wieder neu beantragt werden, wobei aufgrund der hohen und der stetig steigenden Nachfrage für die Verantwortlichen eine feste finanzielle Verankerung in der regionalen Versorgungsstruktur wünschenswert wäre.

„Eltern mit einer psychischen Erkrankung, das ist im ländlichen Raum immer noch ein tabuisiertes Thema“, bedauert Britta Müller, die an der Schnittstelle von Psychiatrie, Jugend- und Eingliederungshilfe für die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen sorgen will. „Wir müssen in seelische Gesundheit investieren, denn auch eine Seele kann krank werden“, fordert Guido Royé, der weiß, dass eine psychische Erkrankung die ganze Familie betrifft. So leidet beispielsweise die Tochter unter der psychischen Erkrankung der Mutter, sie zieht sich zurück und wird immer schweigsamer. Der Mutter aber fehlen die Worte, sie kann ihrem Kind nicht erklären, was sie hat. Eines weiß sie aber ganz genau: Sie will ihr Kind nicht verlieren! In solch einem Fall trifft sich Britta Müller mit der Mutter, führt erste Gespräche, erfragt die Biografie.

In einem zweiten Gespräch wird die Tochter mit hinzu gebeten, damit sie mehr über die Krankheit ihrer Mutter erfährt. Neben Beratungsangeboten für Kinder und Jugendliche und deren Eltern im Rahmen von Einzel- oder Familiengesprächen gibt es Kindergruppen in Geilenkirchen und Erkelenz, in denen sich betroffene Mädchen und Jungen zu Gesprächskreisen zusammenfinden. Britta Müller sieht sich als „Brückenbauer“ für die ganze Familie, als „Lotse“ für Betroffene, wie beispielsweise für die schwangere Klientin mit psychischen Störungen, die vielfache Hilfe, angefangen vom Psychologen, finanzieller Beratung und Jugendamtshilfe benötigt. „Alle Hilfsangebote sind natürlich freiwillig. Wir sind nicht der lange Arm des Jugendamtes“, betont Britta Müller.

Ein großer Bereich der ViaNobis-Jugendhilfe sind die stationären und ambulanten Angebote zur Hilfe in der Erziehung. In Hückelhoven unterhält ViaNobis eine Einrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene, in Oberbruch eine Unterkunft für Mädchen mit Essstörungen und in Kleingladbach ein Haus für Kinder bis 14 Jahre. Hinzu kommt noch das ambulant betreute Wohnen in Palenberg. Guido Royé ist sich sicher: „Es wird mehr Kinder mit besonderen Bedarfen geben, die Anforderungen werden steigen. Auch künftig werden wir Menschen suchen, die eine solch anspruchsvolle Arbeit machen möchten. Da muss man selbst psychisch gesund sein.“