150 Jahre Dernbacher Schwestern in Gangelt

Landwirtschaft als Therapie : Vom eigenen Feld frisch auf den Tisch bei ViaNobis

Spricht man heute von der ViaNobis GmbH, so denkt man an einen anerkannten Träger zahlreicher Angebote in der Behinderten- und Jugendhilfe, eines Ambulanten Pflegedienstes, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, einer Psychiatrischen Institutsambulanz, mehrerer Tageskliniken, Seniorenheime und Kindertagesstätten von der Städteregion Aachen bis zum Niederrhein mit rund 1900 Mitarbeitern in über 40 Berufen an über 100 Standorten.

Am Standort Gangelt, da wo vor 150 Jahren drei Schwestern der armen Dienstmägde Jesu Christi aus Dernbach im Westerwald auf Bitten der Ordensgründerin Maria Katharina Kasper den Grundstein legten, leben heute in einem geschützten Bereich 230 geistig und körperlich behinderte Menschen.

Sicherlich werden die über 40 Berufe überwiegend von Ärzten, Therapeuten, Erziehern und Pflegern ausgeübt. Kaum einer denkt aber an den Bäcker, den Metzger und den Landwirt, die hinter den Kulissen wertvolle Arbeit leisten und in den vergangenen Jahren immer mehr in den Blick der Öffentlichkeit geraten.

„Die im Kloster lebenden Ordensschwestern haben sich immer selbst versorgt. Da das Kloster im Laufe der Jahre immer größer geworden ist, ist auch die dazugehörige Landwirtschaft gewachsen“, blickt Benjamin Erfurth zurück.  Erfurth ist Agrarbetriebswirt, hat darüber hinaus eine pädagogische Ausbildung und leitet den Klosterhof, wie der landwirtschaftliche Betrieb genannt wird. Sicherte  der Klosterhof vor Jahren die Selbstversorgung, so bot man vor rund zehn Jahre Fleisch- und Wurstwaren, Obst und Gemüse sowie Brot, Brötchen und Kuchen auch den Mitarbeitern zum Kauf an. Bald darauf wurde der „Klosterladen“ auch für kaufwillige Bürger geöffnet. Als Konkurrenz zum örtlichen Einzelhandel sieht sich ViaNobis nicht.  „Ich betreibe den letzten Backofen in Gangelt“, sagt Bäckermeister Dirk Arntz, seit sechs Jahren im Betrieb und Leiter der Bäckerei.

Simon Lening will bei der Arbeit mit Klienten ins Gespräch kommen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

55 Hektar groß ist der landwirtschaftliche Betrieb mit Wiesen, Weiden und Feldern, auf denen stets 25 bis 30 unterschiedliche Gemüse- und Salatsorten wachsen. Auch das gentechnikfreie Futtergetreide wird hier selbst angebaut. 750 Schweine und 60 Rinder werden in jedem Jahr in der eigenen Metzgerei verarbeitet. „Unsere Kunden wissen ganz genau, dass die Tiere aus der Region kommen. Sie haben keine langen Transportwege und Zeit ihres Lebens ein großes  Platzangebot“, betont Benjamin Erfurth.

Gesetzlich vorgeschrieben für Schweine sei ein Platzangebot von 0,75 Quadratmetern pro Tier, seine Schweine hätten 1,2 Quadratmeter Platz zur Verfügung. 350 Legehennen sorgen hier täglich für frische Eier. Derzeit züchtet Erfurth Glan-Rinder, die vor Jahren vom Aussterben bedroht waren, um sie auch im Klosterladen zu vermarkten. Solche Experimente können sich andere landwirtschaftliche Betriebe nicht leisten. „Sie müssen Masse produzieren, um existenzfähig zu sein“, weiß Erfurth.

Bäcker Dirk Arntz backt täglich 1000 Brötchen. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Fünf Mitarbeiter stehen ihm in der Landwirtschaft zur Seite,  hinzu kommen rund 30 geistig und körperlich behinderte Klienten, für die Stallarbeiten, Pflanz-, Pflege- und Erntearbeiten als Therapie gedacht sind. „Sie werden nach Neigung und Fähigkeiten eingesetzt, je nach Ausdauer manche eine halbe Stunde, manche sechs Stunden am Tag“, sagt Erzieher Simon Lening, stellvertretender Leiter der Tagesstruktur. „Wir machen auch Koch- und Bewegungsangebote. Dabei kann man ebenso wie bei der gemeinsamen Arbeit die Tagesstimmung aufgreifen und miteinander ins Gespräch kommen“, sagt Lening.

Während Benjamin Erfurth und sein Team das Getreide anbauen, sorgt Dirk Arntz dafür, dass Klienten, Mitarbeiter und Kunden mit frischen Brötchen beliefert werden. 1000 Brötchen backen und verkaufen er und seine sechs Kollegen und Kolleginnen Tag für Tag: 500 für die Einrichtung und 500 für Kunden. Hinzu kommen 300 Brote in der Woche, und täglich gibt es Fladen und Sahnekuchen. Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produkte dient dazu, die Großküche auf dem Gelände zu versorgen. 800 Essen werden mittags zubereitet.

Sie hat täglich frisches Gemüse im Klosterladen im Angebot: Andrea Storms hat viele Gangelter Kunden. Foto: ZVA/Udo Stüßer

Kunden sind Bewohner und Mitarbeiter, aber auch örtliche Kindergärten und ein Pflegeheim in Mönchengladbach, das von Gangelt aus mit frischem Essen versorgt wird. Was hier nicht benötigt wird, ob Fleisch, Obst oder Gemüse, geht an den Klosterladen. „Die Kunden, die auf Qualität achten, schätzen sehr, dass hier selbst produziert wird und dass sie hier Beratung finden“, sagt Andrea Storm, Leiterin der Metzgerei.

Wie groß das Interesse an dem kleinen Geschäft ist, zeigt nicht nur die lange Schlange an den Samstagmorgen, wenn die Kunden geduldig vor der Eingangstür warten, um in den Einkaufsraum zu gelangen: Fleischfachverkäuferin Andrea Storms freut sich, wenn sie wieder eine Bestellung über Schinkenwurst aus München erhält, und Bäckermeister Dirk Arntz weiß, dass so manches seiner Bützer-Brote auch in Berlin auf dem Frühstückstisch steht. „Hier kann man auch kreativ sein und mal was Neues ausprobieren“, meint der Bäcker. Was jedoch alle bedauern: Auch hier ist der Fachkräftemangel spürbar.

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