150 Jahre Dernbacher Schwestern in Gangelt

Die Eingliederungshilfe der ViaNobis gGmbH : „Ich bin behindert, aber nicht doof“

„Menschen mit Behinderungen haben einen Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Mit dem Bundesteilhabegesetz haben wir einen wichtigen Schritt zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention getan. Seine Umsetzung werden wir in den kommenden Jahren intensiv begleiten und gleichzeitig die Teilhabe weiter fördern“: Dies haben die Regierungsparteien CDU, CSU und SPD in ihrem jüngsten Koalitionsvertrag im vergangenen Jahr festgelegt.

Wann immer es  um Menschen mit Behinderung geht, geht es um Inklusion, um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Es geht um selbstbestimmtes Leben, also um ein Menschenrecht. Vor zehn Jahren trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft. Zwei Jahre zuvor hatten Deutschland und 177 weitere Staaten die UN Behindertenrechtskonvention für gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft unterschrieben.

Gleiche Rechte für alle und vor allem ein selbstbestimmtes Leben waren und sind auch heute noch die zentralen Forderungen, die auch von der deutschen Politik ständig weiterentwickelt werden.   So hat das Bundesteilhabegesetz das  Ziel, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen im Sinne von mehr Teilhabe und mehr Selbstbestimmung zu verbessern und die Eingliederungshilfe zu einem modernen Teilhaberecht weiterzuentwickeln.

Das, was von Politikern aller Couleur in großen Worten verkündet wurde und heute noch wird, was in Gesetzen und Konventionen niedergeschrieben wurde, wird bei der ViaNobis GmbH gelebt. 150 Jahre, nachdem drei Schwestern des Dernbacher Ordens den Grundstein für einen anerkannten Träger im Gesundheitswesen mit  über 100 Standorten von Aachen bis zum Niederrhein mit heute rund 1900 Mitarbeitern in Gangelt gelegt haben,  steht in der Eingliederungshilfe der Mensch mit seiner geistigen Behinderung oder psychischen Erkrankung mit all seinen Wünschen und teils auch berechtigten Forderungen Tag für Tag im Blickpunkt.

400 Menschen mit einer geistigen Behinderung oder mit einer psychischen Beeinträchtigung werden von ViaNobis stationär betreut, 1600 Klienten in der Städteregion Aachen, im Kreis Heinsberg und in Mönchengladbach werden ambulant versorgt. In Gangelt leben 250 Menschen mit Behinderung.

Wie sich der Umgang mit Menschen mit Behinderung im Laufe der Jahrzehnte geändert hat, wie sich die Gesellschaft gewandelt hat, hat Ute Kelleners miterlebt. Die Erzieherin arbeitet seit 34 Jahren in der Gangelter Einrichtung, war eine der ersten weltlichen Gruppenleitungen im Bereich für Menschen mit einer geistigen Behinderung und gehört heute zum Referat „Ordensvertretung“. „Man ging weg von der Unterbringung auf Stationen, wie es in einem Krankenhaus üblich ist, und bildete Wohngruppen, in denen mehr pädagogische Arbeit geleistet wurde. Mitte der 90er-Jahre wurden erste Schritte in Richtung betreutes Wohnen getan“, sagt Ute Kelleners. „Anfangs“, so blickt sie zurück, „habe ich gedacht, die armen Menschen, die tun mir leid, denen muss ich helfen. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass ich ihnen nur etwas zutrauen muss. Ich arbeite nicht für, sondern mit den Menschen.“

Den Menschen mehr zutrauen will auch die Sonderpädagogin Ilka Gerigk, Leiterin der Eingliederungshilfe für Menschen mit einer geistigen Behinderung: „Heute ist die Begleitung des Menschen mit Behinderung individueller. Unsere Klienten haben größeres Mitsprache- und Selbstbestimmungsrecht. Früher wurde fürsorglich etwas angeordnet, heute gibt man ihnen einen Rat.“ Ähnlich beschreibt ViaNobis-Finanzleiter Martin Fuchs die Entwicklung: „Früher haben unsere Bewohner ihren Bedarf am Standort Gangelt gedeckt. Heute gehen sie in die Städte und kaufen dort ein.

Das Zutrauen ist größer geworden. In der Vergangenheit  hat man ihnen die Fähigkeit abgesprochen, sich zu entscheiden. Heute soll sich der Bewohner selbst entscheiden.“ Deshalb meint Martin Nicolaes, Leiter der Eingliederungshilfe für Menschen mit einer psychischen Erkrankung: „Wir müssen uns immer wieder fragen: Was kann ich für die Menschen mit Einschränkung tun, damit sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.“ Der gelernte Krankenpfleger verweist auf 120 Wohnungen im Kreis Heinsberg, in denen Menschen mit Behinderung pädagogisch, pflegerisch und medizinisch betreut werden.

Aber nicht alle Menschen mit Behinderung schaffen den großen Schritt ins betreute Wohnen, also in ein selbstständigeres Leben. Ilka Gerigk: „Es gibt auch Menschen, die einen Schutzraum benötigen. Sie bleiben dann in unserer Einrichtung in Gangelt. Außerdem ist unsere Gesellschaft noch nicht so weit, Menschen mit großer Verhaltensauffälligkeit in der Fläche aufzunehmen“, sagt Ilka Gerigk.

Markus Birmanns leitet heute die Wohnstätte Boscheln in der ehemaligen Hauptschule, zuvor war er klassischer Gruppenleiter am Standort Gangelt. „Das war doch wie ein kleines Dorf, jeder Bewohner konnte seinen Bedarf vor Ort decken“, blickt der Heilerziehungspfleger zurück. „Ja, von Mauern umgeben und die Tore verschlossen. Die Bewohner, die jetzt selbstständig in Boscheln leben, gehen abends ins benachbarte türkische Restaurant, wenn sie Lust dazu haben“, ergänzt Ilka Gerigk.

Dass ein selbstbestimmtes Leben nicht alleine politisch gewollt ist, macht Ute Kelleners deutlich: „Die Bewohner haben im Laufe der Jahre ihr Mitspracherecht eingefordert. Sie wollen raus zum Friseur, sie wollen in Geilenkirchen und Heinsberg einkaufen.“ Dass die Entwicklung der Bewohner zu mehr Selbstständigkeit einer ständigen Kontrolle unterliegt, verdeutlicht Ilka Gerigk: „Früher mussten wir über jeden Bewohner alle fünf Jahre einen Entwicklungsbericht schreiben. Heute erstellen wir jährlich einen Hilfeplan, in dem auch der Bewohner zu Wort kommt. Damit soll der eigene Wille des Bewohners herausgefunden werden.“

Dies macht Markus Birmanns an einem Beispiel deutlich: Eine in einer Wohngrupe in Gangelt lebende Klienten hatte im vergangenen Jahr von der Eröffnung der Wohnstätte Boscheln gehört. „Sie wollte unbedingt dort mit Mitte 70 ein selbstständiges Leben führen. Sie sagte, dass sie noch etwas erleben wolle. Klienten äußern klar ihre Wünsche  und erleben mehr Zufriedenheit.“ Auch Martina Flügel, Sprecherin von ViaNobis, hatte mit dieser Klientin gesprochen: „Sie sagte. Ich bin zwar behindert, aber nicht doof.“ Wurde den Klienten in früheren Jahren die Entscheidung genommen, so werden sie heute gefragt. „Die Klienten sind dadurch viel freier und haben ihre eigene Meinung“, sagt Ute Kelleners.

Im Laufe der nächsten Jahre sollen immer mehr Klienten einen Schritt hinzu mehr Selbstständigkeit tun. In Hückelhoven und Wegberg entstehen zwei neue Wohnstätten mit 40 Plätzen, in der Boschelner Schule wurden im vergangenen Jahr 23 Plätze geschaffen. Birmanns: „Die Bewohner werden sogar in die Bauphase mit eingebunden und schauen sich regelmäßig die Baustelle an.“

Martin Nicolaes macht deutlich, dass die Eingliederungshilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder einer Suchterkrankung ein noch junger Bereich ist. So entstand die Fachklinik für Neurologie und Psychiatrie erst Mitte der 70er-Jahre. „Die erste Wohngruppe mit sechs Klienten entstand in den 90er-Jahren“, blickt Nicolaes zurück. „Aber hier ist viel in Bewegung, die Zahl der psychischen Erkrankungen wird zunehmen“, prognostiziert er und sieht in wegfallenden Strukturen und oft fehlender sozialer Sicherheit die Gründe. Ute Kelleners erinnert beispielsweise auch an Veränderungen in ihrer Arbeitswelt: „Früher gab es kein Dokumentationssystem, keine Computer. Und wir haben keine schlechte Arbeit gemacht.“

Klientel der Zukunft

Derweil ist sich Ilka Gerigk sicher, dass man den Dezentralisierungsprozess in der Eingliederungshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung nicht 1:1 auf die noch relativ junge Eingliederungshilfe für Menschen mit psychischer Erkrankung übertragen kann: „Diese Menschen haben einen ganz anderen Bedarf, aber sie sind das Klientel der Zukunft“, sieht die Sozialpädagogin nicht weniger Arbeit auf die Mitarbeiter von ViaNobis zukommen.

Auch wenn die Anforderungen an die Mitarbeiter immer größer werden, sagt Martin Nicolaes: „Pfleger ist ein wunderschöner Beruf. Man bekommt viel von den Klienten zurück, man sieht eine Entwicklung bei ihnen. Ich bin in meinen 33 Berufsjahren mit vielen Klienten alt geworden, da hat man eine emotionale Bindung. Und wir alle wollen doch, dass in Zukunft die Menschen versorgt werden.“

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