Gangelt: Toni Cranen setzt sich für Artenvielfalt ein

Menschen wie du und ich : Toni Cranen setzt sich für Artenvielfalt ein

Toni Cranen zu beschreiben, ist nicht ganz einfach. „Ich bin ein Korinthenkacker“, sagt er über sich selbst. Aber reicht das aus, um Teil der Serie „Menschen wie du und ich“ zu werden? Ja, denn es ist gerade seine Geradlinigkeit und seine „Hundertprozentigkeit“ in allen Lebenslagen — speziell im Bereich Pflege der Artenvielfalt — die ihn und sein Engagement zu etwas Besonderem machen.

Gibt man Toni Cranen ein Versprechen, wird er es nie vergessen, dieses einzufordern. Umgekehrt hält aber auch er konsequent seine Versprechen ein. Eines hat er sich selbst gegeben: „Ich werde der Natur etwas zurückgeben, und dafür kämpfe ich!“

Toni Cranen ist 66 Jahre alt, pensionierter Polizist, Jäger, Jagdpächter und nicht zuletzt Natur- und Umweltpädagoge. Letzteres zwar ohne Ausbildung, dafür aber mit viel Erfahrung und großem Erfolg.

Die Jagd ist Toni Cranen im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt worden. Großvater Anton Cranen hat 1928 als Berufsjäger angefangen, Pächter des Reviers Gangelt VII war seinerzeit der Fabrikant Willy Schniewind. Sein Vater Jakob Cranen hat diese Aufgabe dann vom Großvater übernommen. Toni Cranen war schon als Kind bei den Jagden mit dabei. „Damals, das waren noch Glanzzeiten. Es gab massenhaft Rebhüher und Wachteln. In den sechziger Jahren kamen Fasanen dazu. Und es gab Hasen en masse.“

Im Jagdhaus gibt es viele Präperate und historische Jagdgegenstände, mit denen Cranen Kindern seine Leidenschaft näher bringt. Foto: ZVA/Simone Thelen

Heute sieht das leider anders aus. Die Strecken — so nennen Jäger die erlegten Tiere, beispielsweise die geschossenen Hasen bei einer Treibjagd — sind immer kleiner geworden. So klein, dass der frühere Jagdpächter 2009 seinen auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern wollte. „Am Rückgang des Tierbestandes sind jedoch nicht die Jäger schuld“, erklärt Toni Cranen. „Wir alle sind daran schuld durch unser Konsumverhalten. Die Landwirtschaft setzt heute auf Monokulturen. Und darunter haben die Natur, die Tierwelt und die Artenvielfalt zu leiden. Ich möchte der Natur nun etwas zurückgeben — wenigstens etwas...!“

Dies ist auch der Grund, warum sich Cranen entschließt, sich mit drei Gleichgesinnten, Dr. Werner Burbach, Heinz-Josef Houben und Theo Clemens, gemeinsam um die Nachfolge der Jagdpacht zu bewerben — zu einer deutlich niedrigeren Pacht als zuvor, dafür aber mit dem Ziel, die pflanzliche und tierische Artenvielfalt zu verbessern, also eine ökologisch sinnvolle Verbesserung des 525 Hektar großen Reviers.

Berufsjäger ist Toni Cranen nie gewesen. Mit 17 Jahren zog es ihn zur Polizei, wo er bis zur Pensionierung vor fünf Jahren in verschiedenen Bereichen tätig war. „Im Beruf habe ich mich immer für alles freiwillig gemeldet, ich habe Interesse an allem. Ich war Personenschützer, in der Terrorbekämpfung eingesetzt, Schießausbilder, ich bin Mountainbikestreife gefahren und war zuletzt Dorfsheriff in Tüddern. Ich habe viel erlebt, aber ich bereue keinen Tag und würde sofort wieder bei der Polizei anfangen“, sagt Cranen, und während er das sagt, leuchten seine Augen, und man kann ihm die Leidenschaft, mit der er seinem Beruf und auch seinen heutigen Projekten nachgeht, einfach nur glauben.

Jagdszene aus 1968: Toni Cranen (2.v.l.) war schon als junger Bursche bei der Jagd mit dabei. Ganz rechts im Bild ist sein Vater Jakob Cranen zu sehen. Foto: ZVA/Simone Thelen

„Eine gute Menschenkenntnis und die Fähigkeit, mit meinem Gegenüber auf Augenhöhe zu kommunizieren habe ich in meinem Beruf gelernt.“ Das kommt ihm heute zugute, dabei muss er sich weniger mit Gesetzesbrechern auseinandersetzen als mit anderen Jägern, Treibern und — das macht ihm besonders viel Freude — mit den Natur- und Umweltschützern von morgen, den Kindern aus Birgden.

Die Kinder aus Kindergarten und Grundschule unterstützen Cranen und seine drei Mitpächter bei ihrer Arbeit. Im außerschulischen Unterricht kommen sie in die Jagdhütte der vier Jäger, lernen in der Theorie allerhand Wissenswertes über die Notwendigkeit der Jagd, über Tierarten, ihre Eigenheiten, Lebensweisen und biologische Zusammenhänge. Im Jagdhaus gibt es außerdem allerhand Präparate, Lehrtafeln und historisches Anschauungsmaterial über die Jagd.

„Die Kinder werden aber auch selbst aktiv. Im Laufe der Zeit haben wir 18 Wildschutzflächen mit einer Gesamtfläche von über 50.000 Quadratmetern Größe angelegt, die von den Kindern zum Teil mit uns gemeinsam eingesät und auch gepflegt werden.“ Diese Wildschutzflächen haben eine besondere ökologische Bedeutung für die heimische Tierwelt. Sie locken nicht nur Insekten an, sondern bieten auch Vögeln, Kleintieren und auch Rehen Schutz und Nahrung. „Wichtig ist, dass die Flächen alle miteinander vernetzt sind und so ganz unterschiedlichen Arten eine Heimat geben können.“ Die Erfolge sind messbar. Zunächst kamen plötzlich wieder viele verschwunden geglaubte Schmetterlingsarten zurück. Dann kamen die Vögel, die Bienen, und die Ameisen. Sogar Feldhamster haben sich in dem Revier angesiedelt, und die Bestände von Rebhühnern und Fasanen konnten leicht verbessert werden.

Gemeinsam mit mehreren Imkern wurden auch einige Bienenvölker angesiedelt, für die auch die Schulkinder wiederum aktiv werden. Toni Cranen und seine Kollegen bauen mit ihnen Insektenhotels, um ihnen einen optimalen Lebensraum zu schaffen.

„Diese Arbeit ist sehr zeitintensiv“, gibt Toni Cranen zu, aber sein Perfektionismus und seine Geradlinigkeit lassen ihm wohl keine Wahl. „Ich mache das gerne und bin davon überzeugt, etwas Wichtiges zu tun. Die Kinder verlieren heute mehr und mehr den Bezug zur Natur. Den möchte ich ihnen zurückgeben. Und sie lernen am besten, wenn sie selbst für die Natur aktiv geworden und von einer Sache begeistert sind.“

Mit der Zeit haben die Kinder so etwas wie eine inoffizielle Patenschaft für die Wildschutzflächen übernommen, schauen sich an, wie sich ihre Aussaat entwickelt und geben ihr Wissen auch an ihre Eltern und Freunde weiter. Diese Leidenschaft ist nicht zuletzt auch Toni Cranen zu verdanken, „Man muss Kindern wie auch Erwachsenen das Gefühl geben: Ohne dich geht es nicht! Denn persönliches Engagement kann nur gelingen, wenn man sich mit einer Sache identifiziert.“

Für solches Engagement ist Toni Cranen selbst das beste Beispiel. „Ich gebe mir immer die größte Mühe, jedes Ziel zu erreichen. Wenn man mir sagt ‚Das geht nicht’ ist das für mich die Herausforderung zu sagen ‚Aber ich schaffe das!’.“

Beispiel gefällig? Toni Cranen ist ein Porsche-Fan und wollte schon immer für diese Firma arbeiten. Eines Tages hat er dem Unternehmen seine Dienste angeboten, er war bereit, jede Arbeit zu übernehmen, einzige Bedingung: Er wollte dafür kein Geld. „Die bei Porsche haben mich natürlich erstmal für verrückt erklärt. Aber dann habe ich sie doch überzeugt. „Mittlerweile helfe ich regelmäßig bei Veranstaltungen mit und genieße dort Vertrauen. Wenn ich andere Menschen begeistern kann, ist das für mich der schönste Lohn.“

Große Jagden veranstalten Toni Cranen und seine Pächter-Kollegen heute keine mehr. „Es sind eher bewaffnete Spaziergänge, die mehr dazu dienen, den ausgebildeten Hunden eine Gelegenheit geben, ihr Gelerntes zu zeigen, als der eigentlichen Jagd. Wir pflegen die Tradition des Zusammenkommens mit anderen Jägern und freuen uns an Natur. Es wird nur wenig geschossen. Wir schauen uns vorher den Bestand an und entscheiden, was wir freigeben. Wem das nicht reicht, der ist hier bei uns nicht richtig.“

Da ist sie wieder, die Geradlinigkeit von Toni Cranen. Und auch viel Idealismus ist dabei. „Die Jagd ist natürlich ein Verlustgeschäft. Was gejagd wird, wird verschenkt. Es würde uns ohnehin nicht reich machen. Viel reicher ist man doch, wenn man Menschen eine Freude gemacht hat.“ Das klingt jetzt so gar nicht mehr nach Korinthenkacker...