Gangelt: Interview mit Bürgermeister Bernhard Tholen

Interview mit Bürgermeister Bernhard Tholen : Möglicher Nachfolger im eigenen Hause?

Im Interviewmit Redakteurin Simone Thelen lässt Gangelts Bürgermeister Bernhard Tholen das Jahr 2018 Revue passieren und macht sich Gedanken über die Zukunft – auch über die eigene.

Die Jahre 2017 und 2018 waren für Bernhard Tholen etwas Besonderes. Im Jahre 2017 war er 20 Jahre Bürgermeister der Gemeinde Gangelt und 40 Jahre im öffentlichen Dienst, nunmehr hat er im März sein 60. Lebensjahr vollendet. Eine Menge Gründe zu feiern, findet Simone Thelen, die im Gespräch mit Bernhard Tholen das Jahr Revue passieren lässt.

Herr Tholen, gleich drei runde Jubiläen in relativ kurzer Zeit, damit kann nicht jeder aufwarten, oder?

Bernhard Tholen: Da haben Sie Recht. Ich bin selbst überrascht, wie schnell die Zeit vergeht und wieder ein Jahr vorüber ist.

Dabei sagt man doch, die Zeit vergeht am schnellsten, wenn man viel zu tun hat. Aber mal ganz ehrlich: So richtig viel war in Gangelt ja nicht los 2018 …

Tholen: Aus Sicht Ihrer Zeitung vielleicht. Ich konnte mich über Langeweile nicht beklagen. Hier war immer viel zu tun.

Ich habe jedenfalls vergeblich nach Aufreger-Themen gesucht. In Gangelt ist ja immer alles harmonisch.

Tholen: Stimmt, große Krisen gab es keine. Das bedeutet aber nicht, dass es langweilig war. Es läuft relativ gut in Gangelt, weil wir in der Verwaltung ein gutes Team sind und viele schon über 20 Jahre mit mir zusammen arbeiten. In der Politik kennen sich die meisten Akteure auch schon viele Jahre, man arbeitet sehr sachorientiert.

Lebt das politische Miteinander denn nicht gerade davon, dass man auch mal unterschiedlicher Meinung ist?

Tholen: Na klar. Unterschiedliche Meinungen sind auch in Gangelt selbstverständlich. Nur: Im Vergleich zu anderen Gemeinden, werden sie ganz selten unter parteipolitischen Gesichtspunkten diskutiert. Ich selbst habe gewisse Grundprinzipien und Werte, die ich in der CDU am ehesten wiederfinde, die aber teilweise auch in anderen Parteien zu finden sind. Ich bin konservativ mit sozialem Engagement und einem Hang zu grün.

Dann machen Sie das Fehlen der grünen Fraktion im Gemeinderat wett?

Tholen: Ich bedauere, dass das einzige grüne Gemeinderatsmitglied die Partei gewechselt hat. Würde ich in Gangelt eine Partei gründen, wäre sie wohl grün. Die CDU Gangelt hat sich immer sehr stark für unsere Umwelt engagiert. Unter Willi Schürgers und dem leider schon verstorbenen Franz Oschmann entwickelte sich der Rodebach zu einem Naturpark. Man sollte immer bemüht sein, auch die Meinungen und Argumente der kleinen Parteien ernst zu nehmen, und versuchen objektiv zu betrachten.

Ist das vielleicht auch in Tipp für die Bundesregierung?

Tholen: Ja, wir müssen wieder mehr zur Sachpolitik zurückkehren. Die Menschen sind das Gezeter satt.

Hört sich nach einem guten Plan an. Auf Bundesebende wird demnächst noch eine wichtige Personalie anstehen …

Tholen: Nichts für mich. Würde ich als Bürgermeister in Gangelt aufhören, würde ich mich höchstens noch ehrenamtlich engagieren und ansonsten um meine Familie, meine Gesundheit und meine Hobbys kümmern.

Wie würde das genau aussehen?

Tholen: Nun, es gäbe sicherlich auch dann einen Zeitplan. Nach dem Frühstück einen langen Spaziergang mit den Hunden, dann etwas Sport, Mittagessen, der Nachmittag wäre für die Familie natürlich auch für neue Herausforderungen. Die sehe ich aber nicht unbedingt im politischen Bereich.

Das hört sich an, als hätten Sie konkrete Pläne. Geht 2020 in Gangelt Ihre Zeit als Bürgermeister zu Ende?

Tholen: Ich bin gerne Bürgermeister der Gemeinde Gangelt und könnte mir auch vorstellen, meine Arbeit über 2020 hinaus weiter zu machen. Es gäbe für mich eigentlich nur zwei Gründe, nicht zu kandidieren. Erstens: Meine Gesundheit würde mir ernste Probleme machen; oder zweitens: Ich hätte einen Nachfolger im eigenen Hause, der diese Aufgabe gerne übernehmen würde.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht einen potenziellen Nachfolger aus der eigenen Verwaltung?

Tholen: Ja, ich glaube schon, aber der braucht noch etwas Zeit, darüber nachzudenken.

Dann kommen wir nochmal zurück zum Jahr 2018. Stichwort: Seniorenresidenz an der Gangelter Stadtmauer. Das Thema ist nach langen Diskussionen vom Tisch. Was ist da passiert?

Tholen: Die Investoren haben ihren Bauantrag zurückgezogen.

Einfach so?

Tholen: Es gab natürlich Diskussionen in den Fraktionen mit durchaus unterschiedlichen Meinungen. Ich würde nicht ausschließen, dass Informationen aus diesen Gesprächen auch an die Investoren geflossen sind. Da ist ihnen bewusst geworden, dass es keine Mehrheit für ihr Vorhaben gibt.

Sie haben selbst auch mit alternativen Wohnformen für ältere Menschen geliebäugelt. Gibt es jetzt neue Pläne?

Tholen: Ja. Wir haben über die Entwicklungsgesellschaft eine Fläche im Ortsteil Gangelt Richtung Vinteln angekauft. Dort möchten wir eventuell seniorengerechtes Wohnen möglich machen. Es soll eine Mischung entstehen aus Bungalows und Mehrfamilienhäusern mit jeweils zwölf kleinen Wohnungen, mit Fahrstuhl, behindertengerecht, alles zu einer erschwinglichen Miete. Die Häuser sollen dann von einer Pflegeeinrichtung betreut werden. Daneben gibt es auch einige private Initiativen. Zum Beispiel das evangelische Pfarrhaus gegenüber der alten Feuerwehr, welches umgebaut wird zu einer Senioren-WG als alternative Wohnform.

Die Pläne sind recht konkret …

Tholen: Stimmt, wir sollten versuchen, jedem Gangelter im Alter die Möglichkeit zu geben, entsprechenden Wohnraum im Ort zu finden.

Ähnlich wie bei der Seniorenresidenz ist es auch mit der Amselschule gelaufen. Auch hier wurde der Antrag vor der entscheidenden Sitzung zurückgezogen. Ein übliches Phänomen in Gangelt?

Tholen: Üblich nicht, aber nachvollziehbar. Man wollte auch hier kein negatives Abstimmungsergebnis. Sehen Sie, um die Vierzügigkeit der Gesamtschule zu sichern, brauchen wir wirklich jedes Kind. Grundsätzlich finde ich eine Vielfalt an Schulen sehr positiv. Aber dazu bedarf es der Möglichkeit, viele Schulformen nebeneinander haben zu können. Das funktioniert aber weitaus besser in größeren Städten und Gemeinden.

Gibt es denn hier auch schon alternative Pläne?

Tholen: Es gibt eine Idee für einen neuen Standort. Die Amselschule wird uns somit nochmal in 2019 beschäftigen.

Hat der neue Ansatz denn Aussicht auf Erfolg?

Tholen: Er geht, so glaube ich, in die richtige Richtung, aber mehr darf ich wirklich nicht sagen.

Ziehen Sie doch mal eine Bilanz: Was ist 2018 gut gelaufen, was weniger gut?

Tholen: Sehr positiv war die Entwicklung des gemeindlichen Haushalts, so ähnlich wie die sechs Jahre davor. Der Haushalt sollte mit einem negativen Ergebnis von einer Million Euro abschließen, durch zusätzliche Erträge aus der Gewerbesteuer, werden wir wohl eine positives Ergebnis von 1,5 Millionen Euro einfahren. Weiterhin konnten wir 2018 viele Neubaugebiete erschließen. In Gangelt „Gangelt Nord V“, in Breberen „Bollestengel“ und in Schierwaldenrath „Hinter der Kirche“ und „Klein Feldchen“. Wir konnten durch die gute Bautätigkeit auch 2018 wieder circa 100 Einwohner dazugewinnen. Unsere Pläne für mehr Kindergartenplätze sind auch aufgegangen. Im Kindergarten Stahe konnten wir eine Gruppe für Ein- bis Zweijährige eröffnen, der Kindergarten Lindenbaum konnte die gleiche Gruppe in der ehemaligen Volksbank ebenfalls in Betrieb nehmen. Im Baugebiet Gangelt Nord V ist der neue Kindergarten im Rohbau bereits erstellt, in Birgden sind die Planungen abgeschlossen. Das Gewerbegebiet hinter dem Netto-Markt in Gangelt wurde erschlossen und komplett verkauft. Ein neues Gewerbegebiet ist auf Flächen, die die Gemeinde bereits gekauft hat, in Planung. Weniger gut lief die Sanierung der Gesamtschule. Da zu Beginn des Jahres 2018 noch kein Bundeshaushalt beschlossen war, bekamen wir keinen vorzeitigen Maßnahmenbeginn von der Bezirksregierung genehmigt. Der Förderbescheid über 1,9 Millionen Euro wurde mir erst Ende November überreicht. Aus dem- selben Grund haben sich auch die Vital-NRW-Projekte verzögert. Hier konnten wir erst Mitte des Jahres starten.

Welche Projekte kommen 2019  auf die Gemeinde zu?

Tholen: Neben der Gesamtschulsanierung und vielen weiteren Erschließungsmaßnahmen stehen viele Kanalsanierungsvorhaben an. Die zwei neuen Kindergärten sollen in Betrieb gehen und wir beginnen mit den Planungen für die Erweiterungen der Grundschulen Breberen und Birgden. Im Rahmen der Städtebauförderung wollen wir gemeinsam mit der Stadt Heinsberg und den Gemeinden Waldfeucht und Selfkant die Quartiersbüros öffnen. Das Quartiersbüro in Gangelt wird im Januar im Rathaus eröffnet, es besteht dort die Möglichkeit einer kostenlosen Bauberatung. Auch der „Zweckverband der Selfkant“ soll weiter entwickelt werden. Im letzten Jahr wurden die ersten Überlegungen zusammen mit der WFG entwickelt. Wir haben neue Flyer rausgegeben mit der Überschrift „Der Selfkant im Heinsberger Land“. Nun steht an darüber nachzudenken, wie die Schnittstellen festzulegen sind. Auch über das Budget vom „Zweckverband der Selfkant“ muss gesprochen werden. Um „Premium Tourismus“ anzubieten, bedarf es einer besseren Personalausstattung. Ich könnte mir aber alternativ auch vorstellen, eine gemeinnützige GmbH zu gründen, die alle touristischen Aktivitäten in Gangelt bündelt. Darunter fielen dann auch das Ritterfest und der Nikolausmarkt.

Da steht ja ziemlich viel an 2019. Wie passt das denn mit Ihrem Vorhaben, eine Cittaslow-Gemeinde zu werden und das Leben zu entschleunigen zusammen?

Tholen: Das muss sich nicht wiedersprechen. Die Ziele von Cittaslow sollen weiter verfolgt werden. Wir haben die Evaluierungsphase positiv abgeschlossen. Danach hatte ich Personengruppen ins Rathaus eingeladen, um sie für Cittaslow zu begeistern. Das war leider ein Reinfall. Es ist mir offensichtlich nicht gelungen, die Menschen zu erreichen und zu überzeugen. Das Thema ist aber noch nicht vom Tisch. Ich werde es im Rahmen der Umgestaltung des Gangelter Ortskerns noch einmal versuchen.

Ein gutes Stichwort: Wie sieht es denn mit diesem Projekt aus?

Tholen: Dieses Projekt rutscht durch die Verzögerungen bei den Förderbescheiden auch nach hinten. Die Förderung wird wohl erst 2021/22 kommen. Aber wir sind natürlich dran. Anfang des Jahres werden wir uns für einen Planer entscheiden.

Die Umgestaltung des Ortskerns gilt als Ihr „Lieblingskind“. Noch einmal mit Blick auf das Bürgermeisteramt: Wollen Sie das denn nicht gerne noch selbst zu Ende führen?

Tholen: Natürlich, gerne. Ich freue mich wirklich riesig auf dieses Projekt.