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Freshman-Institut: Von 300 sind erst 180 eingetroffen

Freshman Institute : Von China in den Geilenkirchener Hörsaal

Vorbereitung für ein Studium in Deutschland: Im Freshman Institute sind erst 180 von 300 ausgewählten Studierenden angekommen, 120 harren noch in ihrer Heimat und hoffen, eine Möglichkeit zu finden, um Geilenkirchen zu erreichen.

Lernen mit und am PC: Ist Hybridunterricht in der Corona-Krise die Lösung? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Schüler, Lehrer und Eltern. Auch in der Politik ist die Frage längst angekommen und wird dort mit Experten lebhaft diskutiert. Während die einen im Hybridunterricht, also im Wechsel zwischen digitalem und analogem Lernen, die perfekte Lösung sehen, erinnern andere an mögliche Nachteile: Die Beziehung zum Lehrer und Sozialkontakte fallen teilweise weg, Kinder aus bildungsfernen Haushalten werden nicht mehr so wie im Präsenzunterricht erreicht. Und was ist mit den Eltern?

„Homeschooling“ und gleichzeitig „Homeoffice“? Die Belastung ist nicht unerheblich, wenn denn die technische Ausstattung und der Stand der Digitalisierung Hybridunterricht überhaupt zulassen.

Für den Physiker Dr. Heinrich Delbrück ist Hybridunterricht mittlerweile Normalität, und er ist von dieser Form des Unterrichts schlichtweg begeistert. Er ist einer von fast 40 haupt- und nebenberuflichen Lehrern am Freshman Institute der Fachhochschule Aachen auf dem Loherhof in Geilenkirchen. In dem Gebäude, in dem früher einmal der Steyler Missionsorden beheimat war, werden seit 2010 jährlich rund 300 junge Studierenden aus rund 30 Nationen auf ein Studium in Deutschland vorbereitet.

Die jungen Frauen und Männer kommen aus aller Herren Länder, aus Asien, Afrika und aus Südamerika, nach Geilenkirchen, um hier in Deutsch oder Englisch auf ein Studium der Ingenieurwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften oder Medizin an der FH Aachen oder an einer anderen Hochschule in NRW vorbereitet zu werden.

Während diese Studentin im Unterricht mit ihren Mitschülern spricht, kann sie auch Studierende, ob in Asien, Afrika oder Südamerika direkt ansprechen.
Während diese Studentin im Unterricht mit ihren Mitschülern spricht, kann sie auch Studierende, ob in Asien, Afrika oder Südamerika direkt ansprechen. Foto: zva/Udo Stüßer

In kleinen Gruppen werden sie in Mathematik, Physik und Volkswirtschaftslehre unterrichtet, verbessern ihre Sprachkenntnisse und lernen die Region, die politischen Verhältnisse und die Kultur kennen. Eine Kooperation hat das Freshman Institute mit dem St.-Ursula-Gymnasium abgeschlossen, am Tag der Begegnung sind alle Bürger auf den Campus eingeladen, wo sich alle Nationen mit Musik, Tänzen und Speisen aus ihrer Heimat vorstellen.

Und im Rahmen eines Patenprogramms verbringen Geilenkirchener Bürger ein wenig Freizeit mit den jungen Studierenden .Nach zehn Monaten auf dem Loherhof, wo sie leben und lernen, wechseln sie zu einer Hochschule. Dann kommt der nächste Lehrgang nach Geilenkirchen.

Obwohl das Interesse an einem Studium auch in Zeiten der Coronavirus-Pandemie groß ist, kommt der Nachwuchs nur spärlich und mit Verzögerung in Geilenkirchen an: „Wir wollen unbedingt das Freshman-Programm weiterführen. Die Studierenden haben aber das Problem, dass viele deutsche Botschaften geschlossen sind und sie kein Visum bekommen. Außerdem herrscht hier für viele Einreisewillige derzeit ein Einreiseverbot“, bedauert Maria Kappenstein, Geschäftsführerin des Freshman-Instituts. Von rund 300 ausgewählten Studierenden sind jetzt erst 180 in Geilenkirchen angekommen, 120 harren noch in ihrer Heimat und hoffen, eine Möglichkeit zu finden, um Geilenkirchen zu erreichen.

Maria Kappenstein, Geschäftsführerin des Freshman Institutes.
Maria Kappenstein, Geschäftsführerin des Freshman Institutes. Foto: zva/Udo Stüßer

Wann und ob sie überhaupt noch ihre Reise antreten können, ist ungewiss. Der Unterricht musste allerdings pünklich beginnen. „Deshalb haben wir den Studenten in ihrer Heimat Online-Unterricht angeboten“, sagt Maria Kappenstein. Dadurch, dass noch nicht alle Studierende in Geilenkirchen angekommen sind, können die Präsenzgruppen auf 15 bis 17 Teilnehmer reduziert werden.

Mit der Kamera und Mikrofonen im Klassenraum wird der Unterricht live in die Zimmer der Studienteilnehmer in der ganzen Welt transportiert. Auch sie sind mit der entsprechenden Software, mit Kamera und Mikrofon ausgestattet. „Die noch draußen sind, sollen sich fühlen, als würden sie mitten in ihrer Klasse sitzen.“

Wenn also Dr. Heinrich Delbrück im Klassenraum des altehrwürdigen Missionshauses Unterricht erteilt, verfolgen ihn nicht nur seine Schüler im Klassenraum, sondern auch Teilnehmer etwa in China und Brasilien. Und wenn sich die junge Frau aus China oder der junge Mann aus Brasilien zu Wort melden, erscheinen ihre Gesichter gleich auf der Tafel, so dass sie bald keine Unbekannten mehr sind.

 Der Physiker Dr. Heinrich Delbrück erklärt Bürgermeisterin Daniela Ritzerfeld seinen Hybridunterricht.
Der Physiker Dr. Heinrich Delbrück erklärt Bürgermeisterin Daniela Ritzerfeld seinen Hybridunterricht. Foto: zva/Udo Stüßer

„Ein wenig problematisch ist nur der Zeitunterschied von sieben bis acht Stunden. Wenn wir um 8.30 Uhr anfangen, ist es in China 15.30 Uhr. Dort sitzen die Studenten dann bis 23 oder 24 Uhr im Unterricht“, meint die Geschäftsführerin und ist sich sicher: „Diese Menschen verstehen sich alle als Teil des Programms, als Teil der Gruppe. Aber das funktioniert nur dann, wenn in den Heimatländern ein starkes Internet vorhanden ist. Afrikanische Staaten sind da eine Herausforderung.“

Um diesen Hybridunterricht zu ermöglichen und das Freshman-Programm auch in der Krise weiterführen zu können, musste kräftig investiert werden: Smartboards mussten gekauft werden, Mikrofone für Lehrkräfte und die Klassenräume angeschafft werden. „Das Freshman Institut finanziert sich durch die Teilnehmerbeiträge in Höhe von 19.500 Euro pro Teilnehmer und Kurs“, erklärt die Geschäftsführerin.

Um weltweit die Besten der Besten für das Programm zu bekommen, sind bisher Professoren und Mitarbeiter durch die Welt gereist, um vor Ort Prüfungen abzuhalten. Jetzt finden auch die Aufnahmeprüfungen online statt. Auch hier ist der Andrang groß.

Im Gespräch mit Bürgermeisterin Daniela Ritzerfeld, die in diesen Tagen ihren Antrittsbesuch im Freshman Institut gemacht hat und dort nicht nur mit freundlichen Worten, sondern auch mit bunten Blumen empfangen worden war, erklärte die Geschäftsführerin. „Der Hybridunterricht gelang uns schnell. Die Herausforderung war, den Campus vor der Gefahr von außen zu schützen.

„In China ist der Campus hinter hohen Mauern abgesperrt, hier sind die Studenten frei. Wir mussten viel Vertrauensarbeit leisten.“ Jetzt wollen Kappenstein und Ritzerfeld erst einmal über ein gemeinsames, multikulturelles Ereignis in der Stadt nachdenken. Und um die Internationalität Geilenkirchens zu betonen, könnte man ja auch den Nato-Verband einbeziehen. Aber das ist bisher nur ein erstes Gedankenspiel.