Geilenkirchen: Flüchtlinge in Geilenkirchen: Ein Leben ohne Angst

Geilenkirchen: Flüchtlinge in Geilenkirchen: Ein Leben ohne Angst

Ungewohnt? Also ungewohnt, sagt Frau A., sei in Deutschland natürlich zunächst mal das Essen gewesen. Und so richtig habe sie sich bis heute, nach immerhin fast fünf Jahren, nicht umstellen können.

Neulich erst, da habe sie sich bei McDonalds in Heinsberg Pommes mit Chilisoße bestellt. Doch welch eine Enttäuschung: Bei der Soße handelte es sich in Wirklichkeit um Zuckersoße. Frau A. sitzt in der kleinen Küche ihrer kleinen Wohnung und lacht laut auf.

Frau A. ist 38 Jahre alt und kommt aus dem Delta State, einem Bundesstaat Nigerias. Sie zählt zum Volk der Ijaw und gehört einer christlichen Bewegung an. Bevor ihr Vater sie eines Tages packte und vor dem Krieg in Sicherheit brachte, lebte sie wie die meisten Ijaw vom Fischfang, indirekt jedenfalls: Frau A. verkaufte Wasserschnecken, die in den zahllosen Flussläufen des Nigerdeltas zu finden waren. Das ist lange vorbei, und ihren Vater hat sie auch nie wieder gesehen. Es spricht wenig dafür, dass er noch lebt. „Es tut mir weh, dass ich in Sicherheit bin, aber Millionen andere nicht“, sagt Frau A. Sie lacht jetzt nicht mehr.

Frau A. ist über die Stationen Eisenhüttenstadt, Dortmund und Hemer nach Geilenkirchen gekommen, schon Jahre bevor die Flüchtlingszahlen in die Höhe geschnellt sind. Zunächst lebte sie im Container am Geilenkirchener Bahnhof, die Neuankömmlinge halfen sich gegenseitig. Sie erinnert sich besonders an eine Familie vom Balkan und an eine Frau aus Eritrea. Mittlerweile spricht Frau A. gutes Deutsch, sie lebt in einer kleinen Wohnung in Geilenkirchen und hat einen Ein-Euro-Job in einem Kindergarten, wo sie in der Küche arbeitet. Anfangs hätten manche Kinder Angst vor ihr gehabt, wahrscheinlich weil sie noch nie eine Afrikanerin gesehen hatten, vermutet sie. Doch mittlerweile haben die Kinder ihr einen Kosenamen gegeben und fragen sie, warum denn eigentlich ihre Haut so dunkel sei. Frau A. sagt den Kindern dann, dass sie das auch nicht genau weiß.

Bis zu dem Tag, an dem ihr Vater Frau A. in Sicherheit brachte, wusste sie wenig über die Welt außerhalb Nigerias. Aus dem Fernseher kannte sie Amerika und England und China, von Deutschland hatte sie nie gehört. Die Weißen, so viel war klar, können richtig gute Filme machen. Außerdem wurde Jesus auf Bildern immer als Weißer dargestellt. Frau A. fragt sich aber, wer eigentlich sagt, dass Jesus nicht dunkle Haut gehabt haben könnte.

Frau A. hat nie selbst den Entschluss gefasst, Nigeria zu verlassen, schon gar nicht Afrika, doch ihr Vater brachte sie zu einem Bekannten und der Bekannte brachte sie weit, weit weg. Jetzt lebt Frau A. in Deutschland und wartet — noch immer — darauf, ob ihrem Asylantrag stattgegeben wird. „Das entscheidet Gott“, weiß Frau A., und sie hofft nun, dass Gott entscheidet, dass sie bleiben darf. Es sei so sicher in Deutschland, man könne raus ins Freie ohne Angst zu haben, sogar nachts.

Dort, wo Frau A. herkommt, ist das anders, besonders für Frauen. Wenn man durch den Dschungel muss, und durch den Dschungel muss man oft, ist es schnell passiert, dass man überfallen und vergewaltigt wird. Die Hemmschwelle ist gering, denn im Nigerdelta sieht man es so, dass die Frau hinterher die Schuldige ist, sie hätte ja besser aufpassen können. Wenn die Frau also klug ist, hält sie danach den Mund. So erzählt es Frau A. Sie hat herausgefunden, dass so etwas in Deutschland nur selten passiert, und wenn doch, wird der Frau geholfen. Vor allem gibt niemand ihr die Schuld. Frau A. findet das ausgesprochen vernünftig.

Oft fragt Frau A. sich, was wohl in ihrer Heimat passieren mag. Über die konventionellen Nachrichten ist darüber wenig in Erfahrung zu bringen, darum klickt sie sich durchs Internet. Die Terrorgruppe Boko Haram wütet im Norden des Landes. Das ist sehr weit weg vom Nigerdelta, wo Regierungssoldaten sich mit militanten Gruppierungen und die militanten Gruppierungen sich untereinander bekriegen. Laut Auswärtigem Amt hatte sich die Lage durch ein Amnestieabkommen vorübergehend beruhigt. Zuletzt sei die Gewalt aber wieder empfindlich aufgeflammt. Insgesamt sei die Menschenrechtssituation in Nigeria „sehr problematisch“.

Auch Frau A.s Vater gehörte einer militanten Gruppe an, deswegen war auch Frau A. in Gefahr, als die Kämpfe näher an ihr Dorf rückten und man die Maschinengewehre noch deutlicher hören konnte als sonst. „Tack-tack-tack-tack-tack“, macht Frau A. in ihrer Küche, und zielt mit den Zeigefingern an ihrem Gegenüber vorbei in die Ecke des Raums, so als könne sie sonst am Ende noch jemanden verletzen. Sie spricht jetzt sehr schnell.

Anders als im Norden habe das, was im Nigerdelta passiert, nichts mit Religion zu tun, erzählt Frau A., der Konflikt dreht sich um nichts als um Öl und um Geld, und wer denkt, dass es deswegen weniger abscheulich zugeht, der liegt damit falsch. Die Akteure hätten sich nicht auf einen Waffenstillstand einigen können, und es war ziemlich klar, dass am Ende viele Menschen tot sein würden, also brachte ihr Vater sie weg. Danach wollte er noch die Schwester holen, doch er kam nicht wieder. Bevor Frau A. verschwand, erfuhr sie noch, dass beide geschnappt worden seien, man könne sich ja vorstellen, was dann passiert ist.

Frau A. hatte noch eine weitere Schwester, doch sie und ihr Mann lebten schon nicht mehr, als Frau A. floh. Sie kamen ums Leben, als die Soldaten einer rivalisierenden Rebellengruppe das Dorf der Schwester überfielen. „Wenn sie kommen, dann kommen sie aus allen Richtungen, aus dem Wald und aus dem Wasser“, sagt Frau A., und so war es auch dieses Mal. Die Kämpfer trugen rote Tücher um ihre Köpfe, damit sie sich im Gemetzel gut erkennen und nicht gegenseitig umbringen, sie umstellten die Hütten und zündeten die Hütten an, der ganze Landstrich wurde abgefackelt. Die Unglücklichen im Inneren der Hütten müssten sich entscheiden, ob sie in der Hütte bleiben und verbrennen oder ob sie herauskommen und erschossen werden. Die Schwester kam nicht heraus. Der Schwager kam nicht heraus.

Die Zeit des Wartens darauf, dass Gott entschieden hat, was mit dem Asylantrag geschieht, verbringt Frau A. bei der Arbeit und mit Deutschkursen und damit, sich weiter einzuleben. Die eureopäische Küche, hat sie festgestellt, ist manchmal doch nicht so verkehrt, vorausgesetzt man tut eine Chilischote in den Auflauf oder den Eintopf oder die Nudeln. Aber dann sei da ja noch dieser afrikanische Laden in Aachen, den sie entdeckt hat. Wenn Frau A. dort eingekauft hat, kann sie kochen wie damals in Nigeria, wo man in friedlicheren Zeiten einfach hinters Haus ging und sich nahm, was man zum Leben braucht.