Übach-Palenberg - Fleischer aus Leidenschaft: Gibt‘s das noch?

Fleischer aus Leidenschaft: Gibt‘s das noch?

Von: Annika Thee
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Wenn es im Laden eng wird, steht Fleischermeister Jörg Breuer selbst hinter der Theke. Foto: Annika Thee
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Obermeister der Fleischerinnung Heinsberg: Bruno Zahren. Foto: Kreishandwerkerschaft Heinsberg

Übach-Palenberg. Im Alter von 13 Jahren hat Jörg Breuer aus Frelenberg sein erstes Schwein geschlachtet. Bereits damals wusste er: „Für mich ist das Berufung, kein Job.“ Die Leidenschaft für das Handwerk ist bei dem 50-jährigen Fleischer bis heute geblieben. „Sonst würde ich die vielen Stunden am Tag gar nicht durchhalten. Wenn die Arbeit wirklich Berufung ist, zählt man nicht die Stunden, die man investiert“, sagt er.

Den Lohn für die viele Arbeit hält er nun stolz in den Händen. Die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, Ursula Heinen-Esser, hat sie ihm persönlich überreicht und damit seiner Fleischerei in Frelenberg den Preis „Meister.Werk.NRW2018“ verliehen. Breuer wurde als einziger Fleischer im Kreis Heinsberg ausgezeichnet. Natürlich freue er sich darüber, sagt er. Aber am stressigen Alltag ändere das natürlich nichts. Der Tag des Fleischermeisters ist lang. Gegen halb fünf morgens beginnt Breuer mit der Fleischverarbeitung.

Er arbeitet Bestellungen ab, stellt Wurst her, räuchert Fleisch und Lachs. „Wenn viel los ist, stehe ich auch im Verkauf“, sagt Breuer. Bis alles wieder sauber und aufgeräumt ist, ist es halb acht am Abend, und Breuer seit 15 Stunden auf den Beinen. An den Wochenenden sieht es in der Regel nicht anders aus. „Es ist ein harter Job“, sagt Breuer. In seiner Fleischerei arbeiten er, seine Frau und eine Angestellte. Zu dritt stemmen sie die Verarbeitung des angelieferten Fleisches, den Verkauf und den hauseigenen Partyservice.

Fachkräfte fehlen

Mit den Problemen, geeignete Fachkräfte oder Auszubildende zu finden, steht Breuer nicht alleine da. „Der Nachwuchsmangel ist ein großes Problem. Der Beruf ist für Schulabgänger nicht attraktiv. In fast jedem Betrieb fehlen die Mitarbeiter“, sagt Bruno Zahren, Obermeister der Fleischerinnung Heinsberg. Auch er führt seine Fleischerei alleine mit seiner Frau.

„Damals hat der Abschluss der Volksschule ausgereicht, damit Auszubildende eine erfolgreiche Lehre zum Fleischer absolvieren konnten. Heute fehlt bei Hauptschulabsolventen die nötige Bildung, sowohl schulisch, als auch handwerklich. Das führt zu Problemen in der Berufsschule und in den Betrieben“, erklärt Zahren. Doch soweit kommt es bei Jörg Breuer erst gar nicht. Keine einzige Bewerbung erreichte ihn im vergangenen Ausbildungsjahr. Immer wieder hänge Breuer Stellenausschreibungen für Auszubildende in Schulen aus. „Ich wünsche mir bei Bewerbern wenigstens ein kleines bisschen Interesse. Jemanden, der offen ist für den Beruf“, sagt er. Doch nicht mal diese Mindestanforderung werde erfüllt.

Andere Arbeitsbedingungen

Dabei sei der Job körperlich längst nicht mehr so anstrengend wie früher, denn Maschinen und Vorgaben der Berufsgenossenschaft hätten den Arbeitsalltag verändert. „Ich habe mir damals noch den Rücken kaputt gearbeitet, aber das muss heute nicht mehr sein. Auch junge Frauen könnten den Beruf ausüben“, sagt Obermeister Zahren.

Trotzdem stehe es nicht gut um die Familienbetriebe im Kreis. „Ende der 70er gab es noch circa 60 Betriebe in der Fleischerinnung, heute sind es nur noch 35“, sagt Zahren.

Neugründungen habe es in den vergangenen Jahren keine gegeben. „Das ist auch kaum mehr möglich. Die Gerätschaften sind zu teuer. Die einzige Möglichkeit ist, ein Geschäft von einem ausscheidenden Kollegen zu übernehmen“, sagt Zahren. Aber auch das geschehe kaum noch. Nach und nach würden die Betriebe schließen, weil die Eigentümer aus Altersgründen ausschieden und niemand die Geschäfte übernehmen wolle. Aus diesem Grund wird auch Zahren seine Fleischerei zum Ende des Jahres schließen. Obwohl Jörg Breuer mit seinen 50 Jahren noch lange nicht an den Ruhestand denkt, wird es bei ihm wohl irgendwann ähnlich ausgehen. „Ich habe selbst zwei Kinder. Natürlich wäre es toll, wenn eines von ihnen in meine Fußstapfen treten würde, aber ich gehe nicht davon aus“, sagt der Fleischer.

Mit 15 war Breuer mit der Schule fertig und begann die Ausbildung in dem Betrieb, der seit 1924 an der Geilenkirchener Straße existiert und den er heute führt. Nach der Fleischerlehre verließ Breuer den Betrieb für kurze Zeit, um eine zweite Ausbildung als Koch zu absolvieren, kehrte danach aber wieder zurück. 1992 bestand er seine Meisterprüfung, und im gleichen Jahr übernahm er die Fleischerei von seinem damaligen Ausbilder.

Bis in die späten 90er Jahre wurden im Hof noch Schweine geschlachtet. Inzwischen erhält er das Fleisch von ausgewählten Lieferanten. Sein Fleisch stammt von Tieren aus Aachen und den Kreisen Heinsberg, Düren und Euskirchen. Dort sind die Tiere aufgewachsen und auch geschlachtet worden. Aus Bio-Betrieben stammt das Fleisch aber nicht. „Dafür gibt es zu wenig Kaufkraft, gerade unter den Gastronomen, die wir beliefern“, sagt Breuer. Er setze auf „gute konventionelle Qualität“.

Aggressive Preispolitik

Dabei achte er darauf, dass auch die Landwirte von der Tierzucht leben könnten. „Jeder will viel Geld verdienen, aber deshalb darf man andere nicht verhungern lassen“, sagt er. Discounter würden da anders vorgehen. „Die aggressive Preispolitik der Discounter ist für uns Fleischer ein großes Problem“, sagt auch Obermeister Bruno Zahren. Dort würden besonders jüngere Familien einkaufen, die weniger Geld für Lebensmittel zur Verfügung hätten.

Dafür gebe es aber einen Zuwachs an älteren Kunden, die mehr Wert auf die Qualität der Waren legten. „Der Markt ist da. Es mangelt nicht an Kunden“, sagt Zahren. An der düsteren Zukunft der Familienbetriebe ändert das aber nichts.

 

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